Die Mitgliederverluste der Kirche erfordern ständige Anpassungen an diesen Erosionsprozess und prägen das Berufsleben von Pfarrerinnen und Pfarrern. Zudem sind sie mit Schmerz verbunden – für die Mitglieder der Kirchen und ihrer Gemeinden ebenso wie für die Geistlichen. Dieser Herausforderung möchte Annegret Reitz-Dinse mit den Möglichkeiten pastoralpsychologischer Methoden begegnen.

Die pfarramtliche Praxis ist für uns Geistliche in vielen Fällen mit Schmerz verbunden.1 Die Mitgliederverluste der Kirche wirken sich dahingehend aus, dass ständige Anpassungen an diesen Erosionsprozess erforderlich sind und das Berufsleben prägen. Der Schmerz der Tatsache, in der Kirche immer weniger zu werden, hat nun über Jahre und Jahrzehnte einen Entwicklungsprozess angestoßen, der hauptsächlich organisatorisch abläuft und Strukturanpassungen hervorbringt. Wäre es aber nicht ebenso wünschenswert wie not-wendig, auch die seelische Entwicklung der Mitglieder der Kirche und ihrer Gemeinden einerseits und der Geistlichen andererseits zu beachten und zu thematisieren und die Problematik pastoralpsychologisch und speziell tiefenpsychologisch fundiert zu durchdenken?2

 

Pastoralpsychologie als Chance im Gemeindealltag

Die Methode der freien, d.h. nicht dogmatisch gebundenen, Wahrnehmung und deren analytische Durchdringung (Freud) bietet die Chance, Komplexität anzunehmen und sich einer Fragestellung aus mehreren Richtungen zu nähern. So entsteht ein vielschichtiges Bild, das festgelegte Denkmuster verändern und zu neuen Sichtweisen und Lösungen führen kann. Pastoralpsychologie regt dazu an, dogmatische Denkweisen zu hinterfragen, Hermeneutik klientenbezogen immer wieder neu zu entwickeln, Vor-Urteile zu erkennen. Deshalb möchte ich die unterschiedlichen Ebenen, auf denen ich Pastoralpsychologie zu schätzen gelernt habe, an zwei Fallbeispielen beschreiben.

Beispiel 1: Ein Gespräch im Vorübergehen

Gespräch zwischen Tür und Angel; ich wurde buchstäblich im Flur eines Gemeindehauses abgefangen: „Kann ich Sie mal etwas fragen?“ Natürlich ja, solche Fragen haben immer Vorrang. Und gerade dann, wenn man eigentlich gehen muss, sind sie nicht selten. Es ging darum, die eigene hochbetagte Mutter zuhause zu pflegen. Zugleich lebt im Haus auch die junge Generation. Nicht zuletzt geht meine Gesprächspartnerin ihrem Beruf nach. Sie steht nun zwischen drei Generationen in einem Vier-Generationen-Haus. Thema des Gesprächs waren ihre eigenen, als ungerecht empfundenen aggressiven Gefühle gegenüber den Ängsten und Forderungen ihrer alt gewordenen Mutter. Ich konnte zunächst Mitgefühl für die Anspannung und Verständnis für das emotionale Dilemma signalisieren. Ich konnte auch vermitteln, dass Kinder oft Widerstand entwickeln gegenüber der Erkenntnis, dass die eigenen Eltern Hilfe benötigen, man möchte sie so behalten, wie sie einem vertraut sind. Und als junge Großmutter orientiert sie sich an ihrer Mutter, die selbst einmal eine liebevolle Großmutter gewesen ist. Die Hilfsbedürftigkeit macht ihr Angst, nicht allein organisatorischen Druck. Ich kann ihr vermitteln, dass die Gefühle verständlich sind und ihre Aggressionen der Liebe zu ihrer Mutter entsprechen und dem Wunsch, diese möge noch so gesund und ausgeglichen sein wie früher. So konnten ihre Angst und Scham bezogen auf ihre neuerdings heftigen und ihr selbst unbekannten Gefühle angesprochen werden, und sie begann, sich selbst besser zu verstehen und sich nicht mehr zu verurteilen. Vielmehr konnte sie die neuerdings aufgekommenen Gefühle als die andere Seite ihrer Liebe zu ihrer Mutter einordnen.

Da das Gespräch auf einem Flur quasi im Vorübergehen stattfand, war es sehr konzentriert und für mich mit besonderer Aufmerksamkeit verbunden, da es kleinere Unterbrechungen dadurch gab, dass jemand vorbeilief und man dann kurz innehalten und danach den Gesprächsfaden wieder aufnehmen musste. Es war ein klärendes Gespräch, das einmalig geführt wurde. Als wir uns wieder trafen, wirkte sie erleichtert. Sie hat ihre seelische Belastung mit mir geteilt. Und da ich zugehört habe und die nötige Zeit eingeräumt, sah sie in meiner Person nun das, was sie mit dem Gespräch im Nachhinein scheinbar verband: Verständnis, Entlastung und gerade keine Verurteilung oder Problematisierung der negativen Gefühle gegenüber einem geliebten Menschen in einer hilfsbedürftigen Lage.

Ich selbst habe zugunsten dieses Gesprächs in Kauf genommen, an anderer Stelle zu spät zu kommen und dies erklären zu müssen. Da ich aber auf Verständnis hoffen durfte, bin ich das Risiko im Blick auf eine andere Verabredung in dem Moment eingegangen. Dies geschah spontan. Es gelang mir, mich zu konzentrieren, da ich mich methodisch sicher fühlte, den Rahmen zwar improvisiert, aber durchaus akzeptabel fand. Ich wollte die Kirche als in solchen Fällen ansprechbar erweisen und mir war klar, dass die Schwellensituation scheinbar bewusst gewählt war. Auch vermute ich, dass das Bedürfnis, mit mir über das Thema zu sprechen, sich nicht hätte vertagen lassen. Hätte ich auf einer späteren Verabredung bestanden, hätte ich dieser Gesprächspartnerin die Möglichkeit genommen, die Situation selbst zu gestalten und somit Selbstwirksamkeit zu erleben, ich hätte ein ganz anderes Setting erzeugt. Durch meine Entscheidung habe ich ihr und ihrer Frage in dem Moment Wichtigkeit gegeben und damit zugleich auch das Signal, dass diese Frage auch für sie Gewicht haben darf.

Niederschwellige Seelsorge

Im Nachhinein beschäftigt mich allerdings der institutionelle Rahmen. Wenn die Kirche sich, strukturell bedingt, aus Standorten zurückzieht, fehlen Ansprechpersonen für solche Fragen, die unterhalb der therapeutischen Schwelle professionelle Antworten geben können. Die Kirche kann dann auch nicht mehr als kompetente und zugleich äußerst zugängliche Adresse für Beratung in den Herausforderungen des Lebens wahrgenommen werden, da ihre verbliebenen Angebote von den Orten und Momenten des Bedarfs zu weit entfernt liegen. In der Folge wandert der Bedarf dann in die therapeutischen Milieus ab, wo die Kostenträger mehr und mehr davon profitieren.

Pastoralpsychologie hilft in einer wie hier beschriebenen Gesprächssituation, um das Thema schnell zu erfassen und einzuordnen, dabei aber auch flexibel zu bleiben und somit die Lösungskompetenz der Betroffenen herausarbeiten und unterstreichen zu können. Auch unter Zeitdruck bewährt sich die Methode. Pastoralpsychologische Qualifikation hilft der Seelsorgerin, um auch spontan ihrer Rolle sicher zu sein und Übersicht über die Situation zu behalten, sich auch unter Druck nicht einfach involvieren zu lassen, sondern selbstbestimmt handlungsfähig zu bleiben, z.B. schnell, aber bewusst abzuwägen, was es bedeutet, in einer Situation eine Gesprächsbitte anzunehmen.

Kirchliche Präsenz in der Fläche

Pastoralpsychologisch fundierte Seelsorge kann ein qualitativ hochwertiges Angebot zur psychischen Stabilisierung und Entlastung niedrigschwellig anbieten. Die Verteilung von kirchlichen Standorten in der Fläche ermöglicht es, dass dort im Umfeld des liturgischen Lebens auch eine regelmäßige pfarramtliche Präsenz für Seelsorge unkompliziert zugänglich ist. Hinzu kommt der Zugang der Geistlichen zur privaten Häuslichkeit der Gemeindemitglieder. So kann bereits, bevor eine Problematik manifest wird, seelsorgliche Hilfe stattfinden. Dies ist ein wichtiger Beitrag zur seelischen Gesundheit in der Gesellschaft. Sollte die Kirche diese Möglichkeit zugunsten anderer Prioritäten aufgeben, sehe ich die Gefahr nicht nur für die Betroffenen und für die Gesellschaft im Wegfall dieses hochwertigen Angebots, sondern auch für die Institution vergrößert sich dann das Risiko, dass die kulturell gewachsene intrinsische Motivation, über die Grenze der Kirchenmitgliedschaft hinweg uns Geistlichen Vertrauen zu schenken und Kompetenz für seelische Gesundheit zuzutrauen, ebenfalls abnehmen könnte.

Beispiel 2: Stellvertretend im Fokus der Kritik

Eine Elternversammlung zum Thema „Zukunft des Konfirmandenunterrichts“ eskalierte aufgrund der Enttäuschung, dass der Kirchenkreis die Reduktion der Pfarrstelle gemäß der Zahl der Gemeindemitglieder durchsetzen möchte. Dabei handelt es sich um eine Einzelpfarrstelle in schöner Umgebung, etwas abgelegen vor den Toren einer norddeutschen Stadt. Nach dem Eintritt des Amtsinhabers in den Ruhestand, darf nur noch eine halbe Pfarrstelle besetzt werden. Ein strukturelles Defizit, dessen Abbau jahrelang verschleppt wurde, zwingt außerdem zu radikalen Kürzungen im Personalbestand. Die Folgen für das Gemeindeleben sind dramatisch. Die vorgesehenen Anpassungen im Angebot werden nachvollziehbar kritisiert, Kooperationen mit anderen Gemeinden und benachbarten Institutionen aber entrüstet abgelehnt und vorwurfsvoll gefordert, die Bedürfnisse der Kirchenmitglieder ernst zu nehmen. In der Argumentation wird die Vorstellung deutlich, Kirche als Dienstleistungsunternehmen zu begreifen und aufgrund des eigenen finanziellen Engagements – in Form von Steuerzahlungen und darüber hinaus durch Spenden – auch erwarten zu dürfen, dass die Kirche die persönliche Lebensführung ganz selbstverständlich unterstützt.

Soziologisch handelt es sich um ein Milieu, das von jungen Familien geprägt wird, die dort gebaut oder eine Immobilie erworben haben. Die arbeitende Generation ist gut ausgebildet und nutzt die Möglichkeit, durch gut bezahlte Arbeit einen hohen Lebensstandard zu pflegen. Viele Frauen pausieren nach der Geburt ihrer Kinder, die Familien haben den Anspruch, es ihren Kindern an nichts fehlen zu lassen. Dafür nehmen sie auch Belastungen im Alltag auf sich wie Pendeln zur Arbeit und lange Abwesenheiten von zuhause. Aufgrund der Verkehrsinfrastruktur sind diese Belastungen zunehmend. Die Sorge um die Sicherheit der Arbeitsplätze kommt hinzu.

Das Bedürfnis, von der Kirche ganz selbstverständlich bei der Betreuung und Erziehung der Kinder durch entsprechende Angebote unterstützt zu werden, prägt die Einstellung zur Kirche. Auf die angekündigten Sparmaßnahmen der Kirchenleitung folgen stärkste Widerstände. Der Vorschlag, das eigene Kind zum Sonntagsgottesdienst zu begleiten, wird schon als Zumutung empfunden.

Seelsorgerlich orientierte Konfliktbearbeitung

Als Pastorin zur Vertretung stand ich vor der Herausforderung, mich zwischen diesen Bedürfnissen und der Politik der Kirchenkreissynode zu befinden, aber im Grunde diese Politik der Gemeinde präsentieren und es aushalten zu müssen, stellvertretend angegriffen zu werden. Pastoralpsychologie hat mir in dieser Situation geholfen, verletzende Angriffe nicht persönlich zu nehmen, sondern die Situation einordnen und gedanklich strukturieren zu können, Forderungen freundlich und mit Verständnis, aber zugleich klar zu beantworten. Hier prallen persönliche Erwartungen der Eltern, z.B. ihr in der Jugend erworbenes Kirchenbild, und strukturelle Bedingungen der konkreten Kirchengemeinde als Konflikt aufeinander. Im Nachklang der damit einhergehenden Konfliktgespräche war pastoralpsychologische Analyse für mich hilfreich, um die innere Anspannung zu sortieren und in eine Form des Verstehens zu überführen.

Pastoralpsychologisches Denken kann sich somit auf Individuen und ihre seelische Entwicklung wie auf Personen und Gruppen in Systemen und Rollen beziehen. Im pfarramtlichen Alltag muss ich in beide Richtungen denken, da ich mit wechselnden Situationen konfrontiert bin.

 

Tiefenpsychologisch fundierte Pastoral­psychologie und Praktische Theologie als Kulturhermeneutik

Als Praktische Theologin verstehe ich Theologie nicht nur als Praxistheorie, die zu vermitteln hat, wie kirchliche Praxis zu gestalten ist, sondern ich folge dem kulturhermeneutischen Impuls der Suche nach Deutung der Wirklichkeit.3 Diese beginnt mit Wahrnehmung, wozu die tiefenpsychologisch fundierte Pastoralpsychologie einen überaus erhellenden Beitrag leistet. Kultur und Religion sind Ausdrucksgestalten, in denen Menschen ihr Bild von sich und ihrem Leben mit anderen teilen und zugleich sich selbst verbinden mit einer für sie spürbaren Transzendenz. Die Kirche pflegt und bewahrt die Tradition des Christentums und bietet ihre geprägte Sprache durch Rituale, Texte und Gebete an, in die man sich einfinden und diese Glaubensformen für sich prägen und aktualisieren kann.

Was genau ist wahrzunehmen? Hier setzt die Pastoralpsychologie an. Sie ist eine hermeneutische Methode, die keine Deutung einer Situation vorgibt. Sie fördert Haltungen der Begleitung von Menschen auf ihrer eigenen Suche nach Antworten auf persönliche Fragen. Dies zeigt sich z.B. bei Kasualien.4

Pastoralpsychologie arbeitet interdisziplinär. Sie berücksichtigt Psychologie und Theologie, Deuten und Verstehen ebenso, wie die Pflege der Tradition der Kirche. Aus letzterer schöpft sie Bilder und Symbole, Mythen und Rituale. Allein die Bibel als Bibliothek des Glaubens ist verbunden mit den antiken Kulturen der Levante, die sich gegenseitig beeinflusst haben. Biblische Hermeneutik führt in den Dialog mit diesen alten Kulturen, mit ihrer Geschichte und ihren Traditionen, sie nimmt die Anregungen wahr, die die moderne Forschung hervorbringt und verknüpft sie z.B. zur Textlektüre und Predigtarbeit.5 Dieser Traditionsschatz lässt sich auch mit seelischen Fragen und Themen verknüpfen, um in einer gegebenen Situation neue Horizonte des Verstehens zu öffnen. Insofern ist die Bibel als Glaubensbuch und Kulturerbe anschlussfähig mit psychologischem Denken, entgegen religionskritischer Sichtweisen innerhalb der Psychoanalyse.6

 

Schlussfolgerungen für die beiden beschriebenen Fallbeispiele

Zu Beispiel 1: Eine Haltung lösungsorientierter Konzentration

Im Fall des spontanen Gesprächs auf dem Flur eines Gemeindehauses waren die annehmende Grundhaltung und der Respekt vor dem mir als Pastorin entgegengebrachten Vertrauen entscheidend für die Bereitschaft zum Gespräch. Der lösungsbezogene Ansatz Freuds, abgeleitet von seiner Rolle als Arzt, der über die Erkenntnis unbewusster Konflikte führt, war in dieser Situation erkenntnisfördernd, da er in der improvisierten und für mich spontan eingetretenen Gesprächssituation die Möglichkeit bot, die Haltung lösungsorientierter Konzentration einzunehmen. Seine Beschreibung der psychischen Struktur aus Ich-Es-Über-Ich bot ein Schema7 zum tieferen Verstehen der Beziehung zwischen Tochter und Mutter, sowie des familiären Beziehungsgeflechtes aus vier Generationen.

Pastoralpsychologisches Denken ermöglichte es mir als Seelsorgerin, Verbindung mit den eigenen unterschwelligen Ängsten zu halten, diese annehmen zu können und in die Situation zu integrieren, z.B. mir zusätzlich zum Verlauf des Gespräches darüber im Klaren zu sein, dass die improvisierte Gesprächssituation jederzeit kippen könnte und ich dann eine Lösung finden müsste. Pastoralpsychologisches Denken half mir auch, meinen inneren Druck zu akzeptieren, der aus dem Schmerz über den Zustand der Kirche herrührt und dazu führt, zwischen der Erkenntnis des Bedarfs einer kontinuierlichen seelsorglichen Präsenz an diesem Ort und den realen Möglichkeiten der Kirche, die Stellen abbauen muss, zu stehen und nichts anderes tun zu können, als diesen Schmerz und meine Trauer über den Abbau professioneller Kapazitäten für Seelsorge in der Kirche auszuhalten.

In diesem Beispiel wurde der Vorstellung, welche die Mitglieder der Kirche vom Handeln ihrer Geistlichen haben, entsprochen und es ist auf zwei Ebenen ein positiver Effekt eingetreten: Die ratsuchende Frau hat eine hilfreiche Antwort bekommen. Diese bestätigt ihre positive Einstellung zur Kirche, deren Mitglied sie ist. Zweitens konnte ich aufatmen, da mir die Gestaltung dieser Situation gelungen war.

Zu Beispiel 2: Auf Dialog und im Dialog bestehen

Im zweiten Fallbeispiel bleiben offene Fragen. Hier hilft das dialogische Denken, wie es die jüdische Religionsphilosophie gelehrt hat8, um dieser Gruppe besorgter Eltern durchaus zu widersprechen, z.B. der Vorstellung, dass ich mich als Führerin anbiete. Denn ich habe als Pastorin in einer Übergangssituation nicht wirklich die Möglichkeit, diese Machtposition anzunehmen. Mit einer reduzierten Stelle ist es nicht möglich, das Angebot so zu erhalten wie vorher gewohnt. Der Kirchengemeinderat muss nun Führungsstärke in seiner Gesamtheit ausüben. Das wird aber abgelehnt, weil das Verständnis dessen, was Führung meint, bislang mit Fürsorge einherging, mit der steten Präsenz des Pfarrers vor Ort und mit Dienstleistungen im Sinne der Bedürfnisse der Gemeindemitglieder.9

In dem offen aggressiv geführten Konflikt, der in der Forderung nach einem fürsorglichen „Hirten“ bestand, ging es darum, auf Dialog und im Dialog zu bestehen und so die Möglichkeit offen zu halten, dass sich auch in inakzeptablen Formen ein berechtigtes Bedürfnis äußern kann. So war es mir möglich, den Konflikt als Teil der pastoralen Beziehung in dieser Situation zu akzeptieren und durchaus Interesse zu behalten an der Frage: Was möchte der/die Andere mir jetzt sagen? Es ging also darum, durchzudringen zu dem möglicherweise verborgenen Wunsch gesehen zu werden und die Beziehung zwischen Kirchengemeinde und Kirchenkreisleitung selbst als schmerzhafte Interaktion noch zu halten.

Die jüdischen Religionsphilosophen, die verletzende Erfahrungen kannten, erkannten jedoch auch, dass man mit hierarchischem Denken in manchen Situationen keine Lösungen findet, z.B. wenn man keine Macht besitzt und auch keine Hilfe der Mächtigen erwarten darf. Dann geht es darum, schmerzvolle Erfahrung umzuwandeln in Energie, die zum Leben hilft. Hier wird mit dem Begriff des Dialogs deutlich, wie stark man selbst immer involviert ist. Die Voraussetzung dafür, dass Kommunikation überhaupt gelingen kann, ist es, andere in ihrem Anders-Sein selbst dann noch zu akzeptieren, wenn dies an Grenzen stößt. Es geht also um die Dynamik in Beziehungen.

Grenzen sind im Fall des komplexen Elternabends durch die kirchlichen Rahmenbedingungen gegeben, nach denen die Wünsche der Mitglieder nicht mehr erfüllt werden können, wenn die Ziele der Synode durchgesetzt werden. Pastoralpsychologisches Denken hat mir in der Situation geholfen, aufmerksam auf den Prozess um mich herum zu bleiben. Denn ich wollte mich nicht davon ablenken lassen, meine eigene Angst vor der Entwertung meiner Arbeit zu spüren, wenn es mir nicht gelingen sollte, meine Rolle zwischen den Fronten zu halten.

Pastoralpsychologisches Denken auf der Basis eines dialogorientierten Konzepts bietet in einer solchen Konfliktsituation mit heftigsten Emotionen die Möglichkeit, auch die dahinter liegenden Sorgen und möglichen Ängste derer zu sehen, die sich bei oberflächlicher Betrachtung nur provozierend verhalten. So konnte ich z.B. die Angst vor sozialem Abstieg spüren und dafür Verständnis entwickeln, auch für die Angst, den eigenen Kindern nicht gerecht zu werden aufgrund der Berufstätigkeit und entsprechend hektischem Alltag; ich konnte auch die Angst nachvollziehen, nicht gesehen zu werden von der Kirche als der Instanz, die doch bitte Anerkennung und Entlastung vermitteln möge, z.B. den Zuspruch, dass man es im Leben richtig macht und die eigenen Kinder eine Freude sind. Die Angst, dass diese Bestätigung künftig wegfallen muss, weil andere Menschen aus der Kirche ausgetreten sind, erzeugt Enttäuschung und ohnmächtige Wut, die hinter den Aggressionen liegen.10

Da ich meinem Dienstauftrag gemäß die enttäuschende Realität im Blick auf die Vorgaben der Kirchenkreisleitung aussprechen musste, wuchs das Verlassenheitsgefühl und wurde ich zum Gesicht der Kirche, die sich abwendet und zum Ziel der Aggressionen. Pastoralpsychologische Analyse kann in einer so zugespitzten Konfliktlage dazu verhelfen, den grundsätzlichen Respekt zu wahren. Auch dann, wenn die Formen der Interaktion inakzeptabel werden, hält sie die Möglichkeit künftiger Entwicklung über Brüche hinweg offen. Sie hat mir geholfen, in der Aggression und Zumutung den Schmerz der Kirchenmitglieder zu erkennen. Auch wenn ich diesen Schmerz nicht habe lindern können, liegt doch in der Tatsache, dass er so offen zum Ausdruck gekommen ist, die Chance, dass alle Beteiligten ihn wahrnehmen und in Zukunft an konkreten Lösungen arbeiten, damit die betroffene Gemeinde mit ihren Mitgliedern Wege in die Zukunft entwickeln kann.

 

Der Gewinn für die Kirche

Im Beispiel 1: Situationstypische Abwägung

Als Pastorin, die eigene Risiken bewusst und situationskritisch eingegangen ist und damit einem einzelnen Menschen in einer Konfliktsituation beigestanden hat, darf ich mein Handeln im ersten Beispiel vermutlich im Sinne meines Ordinationsauftrags als richtig ansehen. Wie viele Kollegen und Kolleginnen in ähnlichen Momenten habe ich das Profil der Kirche als ansprechbare Institution mit Kompetenz für Krisenlinderung positiv zum Ausdruck gebracht. Dies gilt jedoch nicht einfach pauschal. Die Art des Anliegens, die Möglichkeit des Zuhörens und Sprechens, die Umgebung und die damit verbundenen Störungen im Gesprächsverlauf, alle diese Faktoren müssen abgewogen und miteinander als komplexes Gefüge stimmig sein. Diese Abwägung zu treffen ist die pfarramtliche Leistung, die zum Gespräch hinzukommen muss. Sie kann durch pastoralpsychologische Schulung gefördert werden, insbesondere, um z.B. keine Hierarchien zu errichten (nach Möglichkeit sofort Gesprächsbereitschaft zu zeigen), widersprüchliche Gefühle anzunehmen und innerhalb eines deutenden Rahmens ein Angebot zu deren Integration zu bieten (Ambivalenz der Liebe zur Mutter), das Selbstwertgefühl zu stärken (Gesprächsbitte kreativ, z.B. Setting im Flur, beantworten).

Im Beispiel 2: Offenlegung eines Konflikts

Im zweiten Fall ist die seelsorgliche Leistung auf einer anderen Ebene zu beschreiben. Sie erfolgt nicht nur durch aufmerksames Hören, sondern setzt auch einen Impuls. Er besteht in der Weigerung, dem massiven Gruppenwiderstand nachzugeben. Dies bewirkt, dass ein Klärungsprozess einsetzen muss. Die Gemeinde muss schmerzhaft lernen, dass sie ihr Profil natürlich mitgestaltet, allerdings nicht das Pfarramt für die Erfüllung ihrer Wünsche zur Unterstützung von Kindererziehung und anderer Lebensanforderungen verantwortlich machen darf. Die seelsorgliche Leistung ist hier die Offenlegung eines Konflikts. Sie hat mich unweigerlich selbst in Konflikte hineingeführt: Teile der Gemeinde sind enttäuscht und personalisieren diese Enttäuschung, da die Probleme bislang doch auch immer hatten ignoriert werden können. Die Kirchenleitung andererseits möchte zwar keine Enttäuschung auslösen, bietet aber keine den Wünschen entsprechende Lösung. Sie folgt der hierarchischen Vorstellung, eine Lösung der Konfliktlage durch pastorale Begleitung zu erzeugen, was aus pastoralpsychologischer Sicht als unrealistisch bezeichnet werden muss. Die Gremien einer Gemeinde werden kaum gegen das Interesse ihrer Mitglieder entscheiden. Angesichts der Realität vor Ort besteht die seelsorgliche Leistung also darin, sich in dieses Konfliktfeld involvieren zu lassen und somit Zuwendung zu den Mitgliedern der Kirche zu signalisieren, die auch im Konflikt besteht.

 

Pastoralpsychologie als Beitrag zur Kulturentwicklung

Das Zusammenspiel zwischen Dasein und Dienstleistung der Kirche in Diakonie und Liturgie beschäftigt Theologen schon lange. Seit die Diakonie im 20. Jh. eine tragende Rolle im Sozialstaat übernimmt, gehört es zum Standard im Erscheinungsbild der Kirche, auch in ihren Gemeinden Dienstleistungen zu erbringen. Untersuchungen der EKD zufolge sind diese Aktivitäten bei den Mitgliedern besonders beliebt, sie überzeugen nach innen und außen und sichern die Zustimmung zur Kirche (Diakonie ist „Lebens- und Wesensäußerung der Kirche“, Grundordnung der EKD, 1948). Auch im Gottesdienst hat der Dienstleistungscharakter in der Weise Einzug gehalten, dass individuelle und an Zielgruppen orientierte Gottesdienste und Veranstaltungen zunehmen. Gleichwohl muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Kirche nicht in erster Linie zur Erfüllung der Vorstellungen und Ansprüche ihrer Mitglieder da sein kann. Vielmehr ist es an der Zeit, wieder dafür zu werben, dass sie zur Verkündigung ihrer Überzeugung und um ihres puren Daseins Willen gebraucht wird. Sie ist auch ein Symbolsystem religiöser Kultur. Sie darf sich nicht in Abhängigkeit der Vorstellungen und Bilder, die von ihr existieren mögen, begeben, sich auch nicht treiben lassen durch eine von Nützlichkeitsvorstellungen dominierte Gesellschaft. Gert Stührmann (Hannover) plädiert dafür, zur Frage der Zukunft der Kirche konzeptionell eine „Leerstelle“ zu lassen und darauf zu vertrauen, dass diese sich nach und nach füllt. Pastoralpsychologie kann in dieser Situation Geistlichen und ihren Gemeinden dabei helfen, die Leere auszuhalten, die entstehen kann (z.B. konkret in Form leerer Kirchenbänke an Sonn- und Feiertagen), wenn Dienstleistungsansprüche nicht mehr befriedigt werden können. Und sie kann dazu ermutigen, Motivation auch dann zu behalten, wenn der pfarramtliche Dienst schwer wird und Konflikte zu bewältigen sind.

Kirche wird immer Diakonie und Liturgie miteinander verbinden. Aber sie muss das Verhältnis heute neu bestimmen. Beide Lebensäußerungen der Kirche stehen in einer inneren Beziehung zueinander (ora et labora). Es könnte an der Zeit sein, neben den pflegesatzbasierten diakonischen Leistungen (z.B. Kindertageseinrichtungen) das liturgische Profil und die professionelle Seelsorge der Kirche mehr zu betonen.

Tiefenpsychologisch fundierte Pastoralpsychologie hilft zur Handlungs- und Rollensicherheit im Beruf, sei es, dass es Mut braucht, um Aggressionen und Angriffen standzuhalten, ohne die Menschen und deren innere Konflikte zu verurteilen; sie hilft, um z.B. Sehnsucht und Verlassenheitsgefühle der Kirchenmitglieder hinter Provokationen wahrzunehmen. Sie hilft auch, um in Momenten spontanen Gefragt-Seins durchaus die Zeit und den Spielraum zu finden, um konkret Gestalt werden zu lassen, was Glaubende wahrscheinlich erhoffen: dass Gottes Ohren offen sind und dass Geistliche dafür einstehen, dass dies konkret wird, weil wir auch professionell gut zuhören können.

Der Schmerz der Mitglieder der Kirche anlässlich von Stellenkürzungen und Reduktionen im Angebot der Gemeinden und der Schmerz von uns Pastorinnen und Pastoren im Umgang mit den entsprechenden Konflikten sind im Grunde die beiden Seiten einer Medaille. Tiefenpsychologisch fundierte Pastoralpsychologie kann für diese Enttäuschung und ihre Wirkung ein vertieftes Verständnis entwickeln. Sie trägt somit dazu bei, dass durch den Schmerz hindurch die Wünsche der Gläubigen und die Bedingungen der gesellschaftlichen Realität in eine balancierte pfarramtliche Praxis einmünden und sich das komplexe Beziehungsgefüge zwischen der Kirche und ihren Mitgliedern sowie den Geistlichen neu entwickeln kann.

 

Anmerkungen

1 Antrittsvortrag vom 14.12.2019 in Heilsbronn im Rahmen der DGfP-Tagung zum Thema „Schmerz und seelische Entwicklung“ (gekürzte Fassung). Ich danke dem Vorstand für sein Interesse und den Teilnehmenden für das inspirierende Wochenende.

2 Vgl. Frank Weyen, Profession in der Krise. Das Pfarramt – eine überkomplexe Herausforderung, in: DPfBl 11/2019, 610-614.

3 Vgl. Wilhelm Gräb, Lebensgeschichten, Lebensentwürfe, Sinndeutungen, Gütersloh 1998; Hans-Günter Heimbrock u.a., Den Anderen wahrnehmen, Göttingen 2010; Frederike van Oorschot u.a., Theologie in Übersetzung, Leipzig 2019.

4 Annegret Reitz-Dinse, Kasualien im Wandel: Ehejubiläen, Pastoraltheologie 102.2013, 40-57.

5 Z.B. Jan Assmann, Totale Religion, Wien 2016; Aleida Assmann, Menschenrechte und Menschenpflichten, Wien 2018.

6 Annegret Reitz-Dinse, „Tut dies zu meinem Gedächtnis“. Der Text „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“ von Sigmund Freud (1914) im Blick auf die psychosoziale Funktion des Gottesdienstes, WzM 71.2019, 171-183.

7 Sigmund Freud, Das Ich und das Es, GW Köln 2014, 829ff; Anne M. Steinmeier, Kunst der Seelsorge. Religion, Kunst und Psychoanalyse im Diskurs, Göttingen 2011.

8 Emmanuel Lévinas, Die Spur des Anderen (1963), in: ders., Untersuchungen zur Phänomenologie und Sozialphilosophie, 5. Aufl. München 2007, 209-235; Ephraim Meir, Differenz und Dialog, Münster 2011.

9 Vgl. Johann S. Bachs „Schafe können sicher weiden, wo ein guter Hirte wacht“ (BWV 208).

10 Kathrin Asper spricht von Sehnsuchtsgesten und Verlassenheitsgebärden, die in provozierender Form eigentlich Verletztheit zur Schau stellen. Dies., Verlassenheit und Selbstentfremdung. Neue Zugänge zum therapeutischen Verständnis, München 2007.

Über die Autorin / den Autor:

Pastorin Dr. theol. Annegret Reitz-Dinse, Pastorin und Privatdozentin für Prakt. Theologie an der Universität Hamburg.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2020

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