Wer im kirchlichen Gemeindedienst arbeitet, hat mit Sicherheit sehr früh schon gehört, dass man schlecht erreichbar sei: „Sie sind ja nie da.“ Bei manchen klingt es wie ein Vorwurf, bei den meisten ist es eine manifeste Erwartung. Da sein für andere wird gern als Beschreibung des pastoralen Dienstes genutzt, sowohl von Seiten der Gemeinde als auch von denen im pastoralen Dienst. In dieser Beschreibung steckt aber auch ein (Selbst-)Anspruch. Der logische Schluss daraus wäre: Man ist gerade dann für jemand anderen da, wenn man nicht erreichbar ist. Dann ist es natürlich ziemlich blöd, wenn der Anrufbeantworter behauptet „Im Moment erreichen Sie mich leider nicht, ich bin in der Gemeinde unterwegs“, und man den Pfarrer beim Discounter an der Kasse trifft. Der Discounter liegt zwar auch im Bezirk der Gemeinde und die Kassiererin braucht ebenfalls einen geistlichen Zuspruch, aber so richtig zählt es nicht. Trotzdem kann ich das unter „Gemeinde und nah am Menschen“ verbuchen, weil es ja so manches Tür-und-Angel- Gespräch gibt, das einer Zuwendung und Tiefe nicht entbehrt. Wie wir aus Erfahrung wissen, sind diese Kurzbegegnungen oft ertragreicher als manch andere Kontaktform wie z.B. der viel geschmähte Geburtstagsbesuch bei Älteren.

Dilemma zwischen (Selbst-)Anspruch und realen Möglichkeiten

Dieses Dilemma zwischen (Selbst-)Anspruch und realen Möglichkeiten lösen auch moderne Endgeräte nicht auf, sie entlasten allenfalls und verschieben das Problem: Der Anrufbeantworter und die Mailbox sollten abgehört und ihre Aufzeichnungen bearbeitet werden. Mails warten auf Lesen und Antworten. Die gute alte Haustür mit der Schelle und dem unerwarteten Besucher muss zuweilen auch noch bedient werden.

Diese recht banalen Beobachtungen gelten im Übrigen nicht nur für die gemeindebezogenen Dienste. In der diakonischen Arbeit gibt es strukturell ähnliche Zumutungen und Zuschreibungen: Warum hat die Erziehungsberatung am frühen Abend nur den Anrufbeantworter bereit geschaltet? Warum muss man in der Suchtberatung einen Termin machen? Wieso machen die jetzt Mittagspause? Was sollen Sprechzeiten, wenn ich genau jetzt sprechen muss?

Es geht immer um den Wunsch nach Erreichbarkeit und damit nach Nähe. Ich brauche jemanden und zwar in diesem Moment. Das ist nicht erst seit Handy-Zeiten so. Kirche in ihren vielfältigen Formen hat da zu sein. Grundsätzlich und vor allem dann, wenn man sie braucht. Ein Erste-Hilfe-Kasten ist ja auch da, wenn man Verbandszeug braucht.

Enttäuschungen vorprogrammiert?

In dieser Erwartungshaltung steckt ein hohes Maß an Utilisierung. Und damit verbunden eine hohe Bereitschaft sich gezielt enttäuschen zu lassen. Dazu tragen wir als Kirche und deren Mitarbeitende massiv bei. Kirche versucht mit sehr vielen Mitteln und bisweilen verzweifelt in der Fläche präsent zu bleiben. Ihr Personal will eben nicht so sein wie eine Sparkasse, die sich kaltherzig aus Dörfern und Stadtteilen zurückzieht und auf Online-Service setzt. Wir wollen demonstrativ anders sein und uns nicht einfach aus dem Nahbereich entfernen wie die Postfiliale oder der Konsumladen.

Dabei wird die Rechnung aber nur mit dem Raum, nicht mit der Zeit gemacht. Wenn der Raum größer wird durch größere Bezirke und weitere Entfernungen, nimmt die verfügbare Zeit ja nicht ebenfalls proportional zu. Im Gegenteil: Präsenz in der Fläche hat ihren Preis in der Zeit. Ewigkeit steht uns nicht zur Verfügung. Dann ist die Pfarrerin eben gerade unterwegs, wenn man meint, sie nah bei sich zu brauchen.

Dabei gibt es einen feinen Unterschied zwischen Präsenz und Präsens. Die Präsenz bezieht sich auf den physischen Ort, an dem ich präsent, zu einem bestimmten Zeitpunkt körperlich anwesend bin. Das Präsens bezeichnet die Gleichzeitigkeit, also den Faktor Zeit, genauer die Möglichkeit der Gleichzeitigkeit, ohne den Ort festzulegen. Mobile Endgeräte können Präsens und Präsenz entkoppeln. Ich kann ohne Anwesenheit dabei sein. Es kommt dann auf den Kanal an: Videokonferenzen oder Facetime und Skype bedienen mehrere Sinneskanäle. Dabei ist das herkömmliche Festnetztelefon schon so zum Habitus geworden, dass es gar nicht mehr als entkoppelnde Technik empfunden wird. Kommunikativ ist noch nicht ausgemacht, ob diese unterschiedlichen technischen Geräte tatsächlich Nähe herstellen oder auch nur unser Bedürfnis nach Nähe annähernd befriedigen.

Die Vermutung liegt nahe, dass dem menschlichen Nähewunsch auch ein Distanzbedürfnis als Korrektiv innewohnt. Ich will und kann nicht immer totale Nähe haben, ich sehne mich nach einem Rhythmus von nah und fern. Allerdings zeigt die Unerbittlichkeit der Technik keine Fähigkeit für Rhythmus, geschweige denn Takt. Ich muss die Technik begrenzen, sonst klingelt es immer und überall.

Unter dem Bogen der Allgegenwart Gottes

Damit ist die Herausforderung der Rückmeldung „Sie sind ja nie da“ allerdings noch nicht hinreichend beschrieben. Wir bewegen uns als Pfarrerinnen und Pfarrer und als diakonische Mitarbeitende unter dem Bogen der Allgegenwart Gottes. Gott ist uns nah, auch wenn wir ihn als fern erleben. Das ist eine der oft genutzten Wendungen zum Thema. Theologisch ist fraglich, ob wir damit nicht undeutlich sprechen. Ist Präsenz, also Gleichzeitigkeit an Ort und in der Zeit, gemeint? Oder ist Präsens gemeint in Sinne von: Gott ist nicht nur Vergangenheit und ist nicht allein Zukunft, sondern jetzt. Gott als Zeitgenosse, der nachvollziehen kann, was ich erlebe, der mitten drin ist in dem Leben, das uns umgibt und das wir mitprägen. Vielleicht ist es ja beides und wir schreiben vorläufig Präsensz, also mit s und z, wenn wir versuchen wollen, von Gott zu sprechen. Das würde auch die von manchen erlebte Gottferne ernst nehmen. Sie ist ja nicht nur empfunden, es „gibt“ sie tatsächlich: Was bedeutet es, wenn ich Gott nicht erreiche? Ist er dann trotzdem da? Und bin ich entweder zu blöd, es zu merken, oder glaube ich zu wenig daran?

Die Rede von der Allgegenwart Gottes suggeriert, dass Raum und Zeit zerfließen, wenn ich ihn brauche. Das ist eine zutiefst mystische Erfahrung, die viel Übung erfordert. Und wenn Raum und Zeit ineinander zerfließen, dann erzeugt die Rede von der Allgegenwart Gottes eben auch eine suggestive Wirkung und eine abgeleitete Erwartung an seine Dienerinnen und Diener. Wie kann es sein, dass die Pfarrerin predigt, dass Gott immer für mich da ist, sie selbst aber erst am Freitag Sprechzeit hat?

Wie kann ein Mensch Gottes Omnipräsenz spüren?

Sollen wir dann, um uns vor Ansprüchen zu schützen, die wir nicht erfüllen können und wollen, von der Rede von der Allgegenwart Gottes trennen? Was würde passieren, wenn wir die Allgegenwart Gottes als Ausdruck unseres Nähebedürfnisses verstehen und nicht mehr als seine Eigenschaft? Ich höre schon warnende Rufe: Dann sind nah am Gottesbild als Projektion menschlicher Wünsche! Mönche haben die Gegenwart Gottes als ihren eigentlichen Lebensraum beschrieben. In ihrer klösterlichen Existenz sind tatsächlich Raum und Zeit ineinander zerflossen. Ich versuche die Gegenprobe: Wie kann ein Mensch Gottes Omnipräsenz spüren? Und gibt es diese Erfahrung für alle oder nur für die Frommen, also durch den Glauben? Was kann, was muss ich dafür tun? Woran merke ich, dass Gott mir nah ist? Oder gibt es diese Erfahrung nur ex negativo? Und was geschieht, wenn ich (für einen anderen) bete?

So wie wir in der Arbeitspraxis die eigene Allgegenwart nicht zur Verfügung haben und versuchen, statt präsent wenigstens erreichbar zu sein, so könnte es ja auch mit der Gotteserfahrung sein. Gott ist nicht immer da, sondern erreichbar. Das häufig zitierte Bibelwort „Rufe mich an in der Not“ kann ein Hinweis sein. Im Gegensatz zur Allgegenwart, die einfach da ist, bedeutet Erreichbarkeit, dass es dem Menschen erlaubt ist aktiv zu werden. Wenn du etwas willst, mache dich bemerkbar, melde dich mit deinem Anliegen. Allerdings ist Nähebedürfnis etwas anderes. Es braucht außer sich selbst kein Anliegen. Es mag darin der Unterschied liegen zwischen kindlichem Verlangen (Allgegenwart) und erwachsenem Gegenüber (Erreichbarkeit). Problematisch wird es, wenn kirchliche Mitarbeitende eher dem kindlichen Verlangen begegnen als dem erwachsenen Gegenüber.

Allerdings ist es wenig plausibel, einem Menschen zu sagen: „Wissen Sie, Gott ist immer da, aber mich erreichen Sie nur in den Zeiten, die Sie auf der Homepage finden.“ Das wäre zwar eine pragmatische Arbeitsteilung, sie löst aber das Dilemma nicht. Und vielleicht ist das Dilemma zu lösen gar nicht unsere Aufgabe. In der Konsequenz könnten wir es etwa mit einer solchen Abwesenheitsnotiz versuchen: „In der Zeit vom 2. bis 6. Mai bin ich dienstlich unterwegs. Vertretung hat Frau Pfarrerin N.N., in dringenden Fällen ist Gott selbst erreichbar.“

Jens Haupt

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2020

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