Die Gesellschaft wandelt sich, und mit ihr die Situation der Kirche. Volkmar Gregori benennt die Veränderungen, die er in vierzig Jahren Berufstätigkeit als Pfarrer und Dekan wahrgenommen hat. Und er stellt ihnen eine erstaunlich einfache Konstante kirchlichen Lebens gegenüber: den Gottesdienst und die Verkündigung des Evangeliums. An der Treue hierzu lässt sich für ihn die Überlebensfähigkeit der Kirche bemessen.

 

Als ich im Mai des vergangenen Jahres in den Ruhestand verabschiedet wurde, war ich 40 Jahre und einen Monat lang Pfarrer im Dienst der Evang.-Luth. Kirche in Bayern. Ich wirkte in sechs verschiedenen Gemeinden Ober- und Unterfrankens in Nordbayern. Das waren Land- und Stadtgemeinden in Regionen, in denen evangelische Christen in der Mehrheit oder in der Diaspora sind. Während meiner Dienstzeit übte ich 13 Jahre lang die Dekansfunktion in der oberfränkischen Rennsteigregion aus. Zehn Jahre lang war ich Dekan am bayerischen Untermain mit Dienstsitz in Aschaffenburg.

In dieser Zeit hat sich ziemlich viel in den Kirchengemeinden und im Dienst eines Pfarrers und einer Pfarrerin verändert. Ich möchte im ersten Teil meines Beitrages einige dieser Veränderungen nennen und dann kurz darstellen, wie versucht wird, darauf zu reagieren. Im dritten Teil fasse ich in drei Punkten zusammen, welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind. Zum Schluss mache ich einen konkreten Vorschlag, was zu tun ist.

 

I. Veränderungen

1. Sag mir, wo die Männer sind …

Noch vor 40 Jahren waren Pfarrerinnen und Kirchenvorsteherinnen die Ausnahme. Heute sind in vielen Kirchengemeinden Männer in den Kirchenvorständen die Ausnahme. In aller Regel sind es auch Frauen, die in den gemeindlichen Kindergärten, Sozialstationen oder Schulkinderbetreuungen, in den Pfarrämtern, an den Orgeln oder als Mesnerinnen mitarbeiten. Die Präsenz von Männern ist nicht nur in den Gottesdiensten geringer geworden, sondern auch in vielen anderen Bereichen des Gemeindelebens. Das verändert Kirche. Scheinbar ist es vor allem für Männer derzeit auch nicht sehr erstrebenswert, den Beruf des Gemeindepfarrers zu ergreifen. Vielleicht befürchten sie, „das Schiff, das sich Gemeinde nennt“ könnte langsam untergehen. Wer aber möchte schon Steuermann auf einem sinkenden Schiff sein?

2. Pfarrfrau – das war auch einmal anders

Vor 30, 40 Jahren war eine berufstätige Pfarrfrau die Ausnahme. Die Ehefrau des Gemeindepfarrers war im Pfarrhaus und in der Gemeinde präsent und ansprechbar. Pfarrfrauen wirkten segensreich. Mittlerweilen sind Pfarrfrauen, die nicht berufstätig sind und zum Kreis der ehrenamtlich Mitarbeitenden einer Kirchengemeinde gehören, keine Selbstverständlichkeit mehr. Das gleiche gilt für Pfarrmänner: In aller Regel sind auch die Ehepartner von Pfarrerinnen berufstätig. In vielen Fällen sind Ehepaare, die in Pfarrhäusern leben, Pfarrer und Pfarrerin. Dadurch ist das evangelische Pfarrhaus anders geworden.

3. Gottesdienste und „Eventeritis“

Im Laufe der Jahre haben sich die Anzahl und die Art der Gottesdienste verändert. In größeren Gemeinden gab es an den Sonntagen meistens einen Frühgottesdienst, der als Predigtgottesdienst gefeiert wurde, und im Anschluss um 9.30 Uhr oder um 10.00 Uhr den sogenannten Hauptgottesdienst. Parallel dazu fand der Kindergottesdienst statt. Frühgottesdienste am Sonntagmorgen werden kaum noch angeboten. Die Zahl der Gemeinden, die sonntäglich zum Kindergottesdienst einladen, hat sich stark verringert.

Immer mehr verschwinden auch Gottesdienste an den zweiten Feiertagen aus den Gottesdienstanzeigern von Gemeinden. Es wird zum Besuch dieser Gottesdienste in Nachbargemeinden eingeladen. Erfahrungsgemäß stoßen solche Einladungen besonders im ländlichen Raum auf wenig Resonanz. Gemeindeglieder wollen „ihren“ Pfarrer oder „ihre“ Pfarrerin in „ihrer“ Kirche erleben. An der Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden haben die meisten Gemeindeglieder kein Interesse. Trotzdem wird Zusammenarbeit immer deutlicher, vor allem wegen der zu erwartenden Stellenstreichungen, gefordert. Wenn zu bestimmten Zeiten im Kirchenjahr, etwa zwischen Weihnachten und Epiphanias, viele Gottesdienste anfallen, werden Gottesdienste von den Verantwortlichen oft ersatzlos gestrichen.

Gottesdienste werden zu Events. Sie sollen ungewöhnliche Anlässe, Orte, Zeiten und Inhalte haben, medienwirksam sein und die Leute neugierig machen. So wird beispielsweise am Buß- und Bettag zum einem Bus-Gottesdienst eingeladen. Dabei werden die Teilnehmer eine Stunde lang im Reisebus durch die Gegend gefahren. Im Bus wird dann gesungen, gebetet, eine Predigt gehört und Abendmahl gefeiert. In der Pressemitteilung dazu heißt es: „Mitfahren kann jeder, unabhängig von Konfession oder auch Religion und die Teilnahme am Abendmahl ist sowieso freiwillig.“ Der Eine findet das toll. Die Andere schüttelt den Kopf, ärgert sich über diese „Eventeritis“ und hat einen weiteren Anlass, ihrer Kirche den Rücken zu kehren. „Wer mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen.“ Steckt in dieser Redewendung nicht auch eine Warnung an Kirchenleute, die meinen, dem Zeitgeist hinterher hecheln zu müssen?

Andachtsreihen in der Adventszeit und in der Passionszeit zur Vorbereitung auf das Christfest oder auf die Karwoche und das Osterfest finden nur noch vereinzelt in Gemeinden statt. Auch die klassische Bibelstunde im Gemeindehaus oder im Altenheim gibt es kaum noch.

Der Gottesdienst hat an den Sonntagvormittagen Konkurrenz durch eine Fülle anderer Veranstaltungen bekommen. Der Blick in den Veranstaltungskalender von Wochenendausgaben regionaler Zeitungen gibt Auskunft. Selbst die Christlich Soziale Union in Bayern, CSU, scheut sich nicht mehr, an Sonntagen während der Gottesdienstzeit zu Parteiveranstaltungen einzuladen.

4. Konfirmation – nachlassende Strahlkraft

Die Vorbereitung auf die Konfirmation hat sich ebenso verändert. Bis in die 1990er Jahre gab es den einjährigen Präparandenkurs und den sich anschließenden Konfirmandenunterricht von September bis März/April, meistens an den Mittwochnachmittagen. Höhepunkte und Abschluss waren der Gottesdienst mit Konfirmandenprüfung und danach der Festgottesdienst mit Konfirmation, in aller Regel am Palmsonntag oder am „Weißen Sonntag“. Mit der bestandenen Konfirmandenprüfung und mit der Konfirmation war auch die Zulassung zum Heiligen Abendmahl gegeben. Zur Beichte und zum ersten Mal an den Tisch des Herrn gingen die Konfirmanden*innen meistens am Vorabend ihres großen Fest­tages.

Heute nehmen die Jugendlichen längst vor ihrer Konfirmation am Abendmahl teil. Das wird vor allem damit begründet, dass sie dann an das Abendmahl gewöhnt seien und nach der Konfirmation gerne wieder kämen. So ist es aber nicht. Die Vorbereitung auf die Konfirmation geschieht heute vielerorts an einigen Samstagen, jeweils in drei, vier Stunden. Man hat ohne Not den Mittwochnachmittag aufgegeben, der von den Schulen für den kirchlichen Unterricht freigehalten wurde. An den Samstagen hat man das Problem, dass Jugendliche, statt den Konfikurs zu besuchen, anderen Verpflichtungen nachgehen wollen oder müssen. Mit all diesen Entscheidungen, auch mit Blick auf die Teilnahme der Konfirmanden an den Gottesdiensten der Gemeinde oder auf den Umfang von Unterrichts- und Lernstoff, verliert die Konfirmation an Strahlkraft. Sie war lange Zeit ein Leuchtturm evangelischen Lebens. Hat der Volksmund auch im Blick auf die Konfirmation recht, wenn er sagt: „Was nichts kostet, ist nichts wert?“

5. Mehr Pfarrstellen – aber nicht in den Gemeinden

Heute haben Regionalbischöfe*innen ihre/n Referenten*in. Dekanen*innen sind Mitarbeitende auf Regionalebene, meist Pfarrer*innen, für Projekte, Öffentlichkeitsarbeit, etc. zur Seite gestellt. Landauf, landab gibt es Pfarrstellen für „allgemeinkirchliche Aufgaben“ oder für „Dienstleistung im Dekanatsbezirk“ oder „Regionaleinsatz.“ Dahinter kann sich Fundraising, Datenschutz, Kircheneintritt, Erwachsenenbildung, Sonderseelsorge u.v.a.m. verbergen. Auch in landesweiten Einrichtungen und Dienststellen sind neue Pfarrstellen hinzugekommen. Ihre Notwendigkeit und ihr Nutzen sind zum Teil umstritten. In der Pfarrerschaft spricht man von der „sonderbaren Sonderpfarrstellenvermehrung“. Solche Stellen finden im Gegensatz zu Gemeindepfarrstellen leichter Bewerber*innen. Arbeitsumfang und Arbeitszeit auf diesen Stellen sind überschaubarer und besser zu regeln.

6. Kirchenaustritt – auch in Landgemeinden kein Tabu mehr

Stadtpfarrer*innen mussten sich daran gewöhnen, von den Kirchensteuerämtern regelmäßig Mitteilungen über Kirchenaustritte von Gemeindegliedern zu erhalten. Längst macht der Kirchenaustritt nicht mehr vor den Toren von Landgemeinden halt. Liest man, wie sich die Zahl der Kirchenmitglieder, auch wegen der anhaltenden Austritte, entwickeln soll, kann das einen traurig, mutlos, ratlos und unsicher machen. Die Art und Weise, wie Medien diese Zahlen gerne präsentieren und kommentieren – meist mit Bildern von sehr spärlich besuchten Gottesdiensten –, kann außerdem auch noch ganz schön wütend machen. In Gottesdiensten und Gemeindebriefen wird darüber informiert, wer getauft, konfirmiert, getraut oder bestattet wurde, wer zugezogen ist oder einen hohen Geburtstag feierte. Ist es nicht genauso im Interesse der Gemeindeglieder, dass mitgeteilt wird, wer aus der Kirche ausgetreten ist und nicht mehr zur Gemeinde gehört oder wer in die Kirche eingetreten ist und neu dazu gehört, um auch ihn oder sie im Gebet begleiten zu können?

Zwischen 1990 und 2013 ging die Zahl der Protestanten in unserem Land um 22,6% zurück. Laut der „Freiburger Studie“ vom Mai 2019 ist bis 2060 eine Halbierung der Kirchenmitglieder und der kirchlichen Finanzen zu erwarten. Die demografische Entwicklung, der Rückgang bei den Taufen und die anhaltend hohe Zahl der Kirchenaustritte sind die Hauptursachen.

Vorsicht bei Prognosen! Prognosen haben sich mitunter als falsch erwiesen. Das wissen wir. Wie wird es diesbezüglich der „Freiburger Studie“ ergehen? Manche Austrittswelle ist auch hausgemacht, wie zuletzt, als es die Kirchenleitungen versäumten, die Tatsache, dass auch Kapitalerträge kirchensteuerpflichtig sind, selbst zu kommunizieren und dies den Banken und Sparkassen überließen. Vielleicht schenkt ja Gott den Kirchen in Deutschland eine Erweckung. Wer weiß? Wir sollten darum beten! Oder haben wir aufgehört, daran zu glauben, dass es die geben könnte?

„Die größten Umweltprobleme sind Egoismus, Gier und Gleichgültigkeit. Um mit ihnen fertig zu werden, brauchen wir einen kulturellen und spirituellen Wandel. Und wir Wissenschaftler wissen nicht, wie man das macht“ (Gus Speth, Professor für Umweltpolitik). Diese Feststellung kann auch auf die große Zahl der Menschen, die aus den Kirchen austreten, übertragen werden. Kirchenaustritte haben viel mit Egoismus, Gier und Gleichgültigkeit zu tun. Kirchenleute wissen offensichtlich nicht so recht, wie sie damit umgehen sollen. Diejenigen, die in der Kirche auf den unterschiedlichen Ebenen Verantwortung tragen, beschönigen, spielen herunter, wollen nicht wahrhaben, verschweigen oder verschleiern diese Entwicklung. Glaubensmut und Gottvertrauen bleiben dabei auf der Strecke.

 

II. Was zuletzt versucht wurde

Einige Veränderungen wurden genannt. Von Gemeinde zu Gemeinde, in Stadt und Land sind sie verschieden. Auch die Gründe dafür sind unterschiedlich. Nicht angeführt wurde u.a. das Verschwinden von diakonischen Einrichtungen auf der Ebene von Kirchengemeinden. Die Gemeindeschwester wirkt in den allermeisten Dörfern und Städten nicht mehr. Für Pflege- und Hilfsdienste gibt es heute viele Anbieter, unter ihnen auch übergemeindliche diakonische Werke. Dadurch sind Diakonie- und Gemeindevereine obsolet geworden, die oft eine hohe Zahl von Mitgliedern hatten und finanziell manches bewegen konnten.

1. Reformprozesse, Leuchtturmprojekte und Impulspapiere

In der Evang.-Luth. Kirche in Bayern hat es immer wieder Reformprozesse, Zukunftskonferenzen, Kommunikationsinitiativen, Leuchtturmprojekte, Impulspapiere etc. gegeben. Sie alle hatten das Ziel, die Rückläufigkeit der Mitgliederzahl aufzuhalten und Kirche und Gemeinden in eine gute Zukunft zu führen. Manches davon ist in Ansätzen stecken geblieben, anderes ist gelungen. Das wird auch weiterhin so sein, denn es sind allzu viele Zusammenhänge, die wir im Blick auf Kirchenmitgliedschaft nicht beeinflussen, nur dankbar oder auch hilflos zur Kenntnis nehmen können. Der Volksmund sagt: „Not lehrt beten.“ Wer könnte sich schon Not herbei wünschen, die die Leute in die Kirchen treibt? Wir können es seit Jahren schon beobachten: Wohlstand macht gottvergessen. Wer aber wäre nicht dankbar für den Wohlstand in unserem Land? Es soll Austritte aus der evangelischen Kirche geben, wegen Äußerungen, die der Papst macht oder wegen sexueller Missbräuche in der katholischen Kirche. Wer schon könnte darauf evangelischerseits Einfluss nehmen? Oft ist die Kirchensteuer der Austrittsgrund. Die vielen guten Gründe, in der Kirche zu bleiben, stoßen dann auf taube Ohren.

2. Mehr als Geld und Stellen

Unter der pfiffigen Abkürzung „PuK“ („Profil und Konzentration“) hat ein 2019 abgeschlossener Prozess von sich reden gemacht. In zahllosen Veranstaltungen, Konferenzen, Sitzungen wurden sehr viele Menschen einbezogen. Dafür mussten sie eine Menge an Zeit erübrigen. PuK kostete viel Geld. Von Anfang an wollte man vermeiden, dass es am Ende wieder heißen würde: „Außer Spesen nichts gewesen.“ Deshalb sollte es dieses Mal ausdrücklich nicht um Strukturen, nicht um Geld, nicht um Personaleinsatz und nicht um Stellen gehen, sondern um die Aufgabe der Evangeliumsverkündigung und um die Weitergabe des Glaubens. Die Diskussion um den Einsatz der finanziellen und personellen Ressourcen hat dennoch wieder großen Raum eingenommen. Über Geld und Stellen redet es sich offenbar leichter. Die Frage, wie packen wir es an, dass wir die Menschen in unseren Gemeinden für Jesus Christus begeistern können und sie ihm „erlöst, vergnügt, befreit“ nachfolgen, blieb im Hintergrund.

3. Vorrang missionarischer Arbeit

Warum tun wir uns so schwer damit, zu unserer Sache zu kommen und miteinander über Fragen des Glaubens zu reden, auch einmal über das, was in Predigten gesagt und nicht gesagt wird oder wie es gesagt wird? Wann sind wir bereit zu lernen, wie wir Menschen für Jesus Christus und die Kirche (wieder) gewinnen können? Deutschland ist Missionsland! Warum steht das Gebet bei all diesen Überlegungen nicht an erster Stelle? Immerhin ist unter den zehn Zielen und Maßnahmen, die bei PuK als Schwerpunktthemen ausgewählt wurden, auch „Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation“ genannt. Warum eigentlich „nächste Generation“ und nicht „jetzige Generation“? Wie aber soll dieses Ziel erreicht und diese Maßnahme umgesetzt werden, wenn es nicht Herzensanliegen der Verantwortlichen in den Kirchengemeinden ist?

 

III. Wo die Musik spielt, wer sie spielt und wie sie klingt

Damit sind wir beim dritten Punkt, bei den Konsequenzen, die aus den Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte und aus den bisherigen Reaktionen darauf zu ziehen sind.

In all den Berufsjahren, in denen ich mit Leib und Seele Pfarrer und Dekan war, ist in mir eine dreifache Überzeugung gereift: 1. Die Musik spielt in den Gemeinden. 2. Im Mittelpunkt der Gemeinde steht der Gottesdienst. 3. Die Herzkammer des Gottesdienstes ist Jesus Christus.

1. Die Musik spielt in den Gemeinden

Die Ortsgemeinde gewinnt gerade in Zeiten des Wandels zunehmend an Bedeutung. Hier ist der Boden, auf dem Kirche erhalten werden kann. Dennoch ist vermehrt die Klage zu hören, dass sie zum Auslaufmodell erklärt wird. Man setzt sie finanziell auf Diät und nimmt ihr so die Luft zum Atmen. An den Kirchengemeinden, also dort, wo Kirchenbindung entsteht, wo sie gepflegt werden kann und an ihr festgehalten wird, diskutiert man ständig herum, stellt in Frage und kürzt seit Jahren.

Wann endlich richten wir unsere Anstrengungen zuerst und vor allem auf das, was wir beeinflussen können? Das aber ist genau dort, wo Kirche am wirksamsten ist, nämlich in den Kirchengemeinden, nahe bei den Menschen. Entscheidenden Anteil an der Weitergabe des Evangeliums und an der Wirksamkeit von Kirche haben die Pfarrerinnen und Pfarrer. Viele Besuche, die sie machen, bei Neuzugezogenen, Jubilaren, Kranken, Notleidenden, Sterbenden, Trauernden, Taufeltern und -paten, bei Konfirmandeneltern, Brautpaaren – Anlässe gibt es zuhauf – tragen neben den Gottesdiensten ganz wesentlich zum Aufbau, zum Wachstum und zur Stabilität einer Kirchengemeinde bei.

Es wird gerne versichert: „Keine Sorge, Kirche bleibt auch auf dem Land präsent.“ Als ich 1991 die Leitung eines kleinen Dekanatsbezirks übernahm, gab es dort neun Pfarrhäuser, und in jedem wohnte eine Pfarrfamilie. Bis heute wurden vier dieser Pfarrhäuser verkauft oder vermietet. In anderen Regionen sieht es ähnlich aus. Auch am bayerischen Untermain müssen Gemeindehäuser aufgegeben werden, weil die finanzielle Unterstützung zum Erhalt nicht ausreicht oder weil in ihnen nur noch wenig „los“ ist. Oftmals waren solche Gemeindehäuser Orte, an denen regelmäßig Gottesdienste gefeiert wurden. Kirchliches Leben erlischt.

Die Ortsgemeinden brauchen angemessene finanzielle, räumliche und personelle Ausstattungen, um den Auftrag, den Kirche hat, erfüllen zu können. Noch immer kommen sich Kirchenvorstandsmitglieder wie Bittsteller vor, wenn sie das tun wollen, wozu sie gewählt und beauftragt sind. Die Stärkung der Dekanatsebene, die Schaffung von weiteren Diensten und Funktionen auf der mittleren Ebene und auf Landesebene, die Stellenmehrung im Bereich der übergemeindlichen Verwaltung, all das darf nicht auf Kosten der Kirchengemeinden gehen. Vor allem hier sind die Menschen mit ihrer Kirche verbunden. Hier gehören sie dazu. Hier sind „unsere“ Kirche, „unser“ Pfarrhaus, „unser“ Gemeindehaus, „unser“ Friedhof, „unser“ Kindergarten … Hier kennen sie Kirchenvorstandsmitglieder und Mitarbeitende. Und vor allem: sie wissen, wer ihr Pfarrer oder ihre Pfarrerin ist, sie kennen ihn persönlich, haben sie erlebt. Der Dekanatsbezirk, der Kirchenkreis, die Landeskirche – Achselzucken bei vielen.

2. Im Mittelpunkt der Gemeinde steht der Gottesdienst

Das sehen nicht alle so. Der Gottesdienst gehört nicht zu ihrer eigenen Lebenspraxis. Sie brauchen ihn nicht. Das ist leider auch bei nicht wenigen Mitarbeitenden der Fall. Die Pfarramtssekretärin, manche Kirchenvorstandsmitglieder oder die Kindergartenleiterin und Erzieherinnen sieht man fast nie im Gottesdienst. Welche Botschaft ist es, die dadurch vermittelt wird? Natürlich sagen Christen das Evangelium auf vielerlei Weise durch ihr Reden und Tun weiter. Der Ofen jedoch, in dem das energiespendende Feuer dafür immer wieder in Gang gesetzt wird, ist die Gottesdienstgemeinde. Mag sein, dass das Christentum ohne Gottesdienstgemeinde noch eine Weile in Lebensstil, Kultur und Politik nachwirkt, doch der Glaube wird ohne den Gottesdienst über kurz oder lang absterben. Mit leeren Kirchen wird es kein Christentum mehr geben.

Es ist zu beobachten, wie die Zahl der Gottesdienstbesucher langsam aber stetig kleiner wird. Ich nenne zwei Beispiele: In einem Ort, in dem 630 Evangelische wohnen, wird 14tägig Sonntagsgottesdienst gefeiert. Der Gottesdienst beginnt in aller Regel um 8.45 Uhr. Wenn mehr als zehn Besucher*innen da sind, sind es viele. Lohnen sich da der Erhalt des Kirchengebäudes und die Pflege des Grundstückes? Stehen die Ausgaben für diese Gottesdienste im Verhältnis zur Besucherzahl? Ein Freund schreibt mir: „Mir tut es unendlich leid, wenn ich den Zustand unserer Kirche sehe. Wenn ich im Gottesdienst meiner Gemeinde sitze, möchte ich am liebsten losheulen. Es herrscht lähmende Armut und gähnende Leere. Mich wundert es nicht, dass von den etwa 2800 Gemeindegliedern im Schnitt nur 30 Personen kommen, zumeist über 60 oder 70 Jahre alt.“ Sind Kirchen „leer gepredigt von Pfarrern, die nichts zu sagen haben, von Pfarrern, die sich nicht genügend vorbereiten, von Pfarrern, die keinen Glauben mehr haben“? (Pfarrer Steffen Reiche, Berlin Nikolasseer Kirche).

Keine Frage, bestens vorbereitete Predigten, liturgische Sorgfalt, stimmige Liedauswahl, gut ausgebildete Kirchenmusiker*innen, die Mitwirkung vieler und als Folge davon gut besuchte Gottesdienste, dafür braucht es bei den Verantwortlichen eine Grundvoraussetzung: die Liebe zum Gottesdienst als Grundpfeiler des eigenen Glaubens und Lebens. „Dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden.“ (Ordensregel des Benedikt von Nursia)

Während meiner Dienstzeit wurde ich von den jeweiligen Vorgesetzten insgesamt nur drei Mal beurteilt und bekam dabei auch einige wenige Rückmeldungen auf Gottesdienst und Predigt. In der Wirtschaft sind Qualitätssicherung und Erfolgskontrolle zentrale Arbeitsbereiche, für die viel Geld und Zeit ausgegeben wird. Darauf legen wir in unserer Kirche erschreckend wenig Wert. Deshalb müssen wir das Profil schärfen, wie die Qualität von Gottesdiensten und Predigten gesichert oder verbessert werden kann. Mit keinen anderen kirchlichen Angeboten erreichen wir aufs Ganze gesehen nach wie vor so viele Menschen wie mit unseren Gottesdiensten an Sonntagen, kirchlichen Festtagen und zu besonderen Anlässen, wie etwa bei Kasualien. Die Qualität muss stimmen. Dann stellt sich auch der Erfolg ein, die Besucherzahlen steigen, Kirchenbindung wird gefestigt oder entsteht neu. Qualität erzeugt Quantität. Im Winter des Glaubens brauchen wir vor allem substantielle Qualität, gerade in unseren Gottesdiensten und Predigten.

3. Die Herzkammer des Gottesdienstes ist Jesus Christus

Unser Leben ist durch Christi Kreuz und Auferstehung von Gottes Ewigkeit umschlossen. Davon wissen keine Religion und keine Weltanschauung zu berichten. Das macht die Kraft und Einzigartigkeit des Christentums aus. Bei der Fülle dessen, was uns das Wort Gottes an Geschichte und Geschichten überliefert, steht das Christusereignis an erster Stelle. Da gehört es auch in den Gottesdiensten und in den Predigten hin. Es muss den Menschen im Gottesdienst immer wieder neu, anders, überraschend, aufschreckend, phantasievoll, einfallsreich verkündigt werden.

Herzensanliegen ist es, die Menschen in die bleibende Jesusnachfolge einzuladen und sie für Christus zu gewinnen, denn nur Jesus Christus allein schenkt ewiges Heil. Damit wird auch für Kirchenleute der Blickwechsel ermöglicht – weg von den eigenen, weg von kirchlichen Problemen hin zu dem, dem alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden. Der Weg Jesu ist nach wie vor die beste Alternative zu einer gierigen, ungerechten, machtversessenen und ichbezogenen Welt. Wer wegschaut von Jesus und nur auf die Verhältnisse starrt, lässt sich von ihnen bannen, lähmen und entmutigen. Solange Petrus Jesus im Blick hatte, konnte ihm nichts passieren. Erst als er nicht mehr auf Jesus schaute, drohte er unterzugehen.

 

IV. Kollegiale Beratung „Gottesdienst“

Es hat im kirchlichen Leben in den letzten Jahren einschneidende Veränderungen gegeben. In der bayerischen Landeskirche beispielsweise wurde versucht, darauf zu reagieren, zuletzt mit „Profil und Konzentration.“ Ich bin überzeugt, dass die Ortsgemeinde für den künftigen Weg unserer Kirche dann entscheidende Bedeutung hat, wenn in ihrer Mitte der Gottesdienst steht und darin Jesus Christus als Herr und Herz unseres Glaubens verkündigt und gepriesen wird.

Dazu will ich eine Anregung machen: Kollegiale Beratung „Gottesdienst“. Das Pfarrkapitel eines Dekanatsbezirkes fasst den Beschluss dafür. Jeweils drei oder vier Pfarrer*innen des Kapitels tun sich zusammen und bilden ein Beratungsteam. Sie entscheiden, ob sie auch die Vertrauenspersonen ihrer Kirchenvorstände zur kollegialen Beratung „Gottesdienst“ einladen. Es werden die Termine verabredet, wann jeweils eine*r aus der Gruppe von den anderen im Sonntagsgottesdienst besucht werden kann. In den Tagen danach nimmt man sich zwei, drei Stunden Zeit für das Nachgespräch. Kriterien für Beobachtungen im Gottesdienst kann man sich von Gottesdienstinstituten, von anderen Einrichtungen und von Fachleuten geben lassen oder im Beratungsteam selbst entwickeln. Wenn alle Mitglieder der Pfarrkonferenz in ihrem Team Rückmeldungen auf Gottesdienst und Predigt erhalten haben, gibt es im Rahmen einer Pfarrkonferenz den Austausch über Erfahrungen und im besten Fall die Verabredung, mit neu zusammen gesetzten Teams kollegiale Beratung „Gottesdienst“ fortzusetzen. Damit mit dem Argument „Zeit“ der Versuch nicht totgeschlagen werden kann, wird beschlossen, dass es wegen dieser Fortbildungs- und Qualitätssicherungsmaßnahme in dem betreffenden Jahr zwei Pfarrkonferenzen weniger gibt.

Sollte es nicht möglich sein, auf diese Weise über Gottesdienst und Predigt im Kreis von Pfarrerinnen und Pfarrern im Rahmen der Fortbildung auf Dekanatsebene ins Gespräch zu kommen? Ich bin zwar aufgrund eigener Erfahrungen skeptisch geworden, halte das aber nach wie vor für dringend geboten. Für mich ist es unverständlich, dass wir in den Pfarrkonferenzen über so viele, oft auch marginale Themen reden und diskutieren, aber eher selten über Gottesdienste und wie wir sie leiten und über das, was wir in unseren Predigten sagen und wie wir das tun. Noch seltener beten wir miteinander darüber.

In diesem Beitrag wurde deutlich, dass der Verfasser über den Weg unserer Kirche besorgt und bekümmert ist. Die Frage, wie es mit der Kirche weitergehen wird, ist bedrängend. Die Beobachtung, dass die Kirche heute in Europa schwach geworden ist, aber in anderen Ländern dynamisch wächst oder dass es im Laufe der Kirchengeschichte verschiedene Phasen der Bedeutung von Kirche und Glauben für Menschen und Gesellschaften gegeben hat, auch in unserem Land, dürfen keine Argumente dafür sein, die Hände in den Schoß zu legen, Klagelieder anzustimmen und abzuwarten. Sie müssen uns vielmehr aufrütteln, dass wir inständig um Erneuerung und Erweckung durch die Kraft des Heiligen Geistes beten und dafür mit Begeisterung arbeiten.

Über die Autorin / den Autor:

Dekan i.R. Volkmar Gregori, Jahrgang 1953, Studium der Evang. Theologie in Neuendettelsau, München und Erlangen, Pfarrer der bayerischen Landeskirche, 1991-2004 Dekan in der fränkisch-thüringischen Rennsteigregion in Ludwigsstadt, 2004-2014 Dekan am bayerischen Untermain in Aschaffenburg, seit 2019 im Ruhestand.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2020

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