Wenn jemand auf Holz klopft oder „toi, toi, toi“ ruft, scheint das ein belangloser Tick zu sein. Gunter Stemmler sieht in solchen Gesten Phänomene eines „minimal ritualisierten Aberglaubens“, dessen historische Spuren er hier näher unter die Lupe nimmt. Dabei stößt er auf Parallelen zur altgriechischen Nemesis, der Göttin des gerechten Maßes und der Rache menschlicher Hybris.

Die historische Betrachtung eines aktuellen Phänomens fragt nach dessen Vorgeschichte; sie interessiert sich für Vorläufer wie für das zeitgenössische Umfeld, nimmt induktiv wie deduktiv die Spurensuche auf und versucht zu rekonstruieren, warum das ist, was gerade ist, und schon aufgrund seiner schieren Existenz verwundert. Denn der Historiker weiß: Das, was er untersucht, muss es nicht geben; es könnte auch anders, ja, wesentlich anders sein. Genau diesen Aufgaben stellt sich der Geschichtswissenschaftler, der wahrnimmt, wenn in seinem Umfeld jemand auf Holz klopft oder „toi, toi, toi“ sagt.

In der Literatur finden sich zur Einordnung des Phänomens zwar Einzelerläuterungen wie auch Sammlungen von Quellenfunden, aber die Zitate bleiben durchweg bruchstückhaft und führen weder in ein Erklärungssystem noch in einen zeitlich gebundenen Kontext hinein.1 Darüber hinaus kommt der Eindruck auf, als ob manche Autoren nicht mit wissenschaftlicher oder journalistischer Distanz, sondern mit der Neugierde des „Gläubigen“ vorgegangen wären.2

 

Eine Antwort auf das Kontingenzproblem

Die wesentlichen Merkmale des Phänomens sind Verhaltensformen, die teilweise spontan-reaktiv erfolgen, welche die Abfolge von Ereignissen im Blick haben. ­Besser wäre die Formulierungsvariante „im Zuhören haben“, denn es handelt sich um Aussagen, die sich wiederum auf Gedanken beziehen. Ihr gemeinsames Merkmal ist anscheinend eine Zukunftsorientierung. Es ist offenkundig die Absicht der fraglichen Handlung, anstehende oder potentiell zu erwartende Ereignisse zu beeinflussen. Dabei ist auffällig, dass die einschlägigen Aktionen in keinem nachvollziehbaren Kausalzusammenhang zur kommenden Wendung stehen. Ein Beispiel: Wenn der Vorgang eine Prüfung am nächsten Tag ist, wäre die Entscheidung, sich bis dahin Zeit zum Lernen zu reservieren, ein ursächlich begründetes Verhalten. Dem steht ein Auf-Holz-Klopfen nach einer bestimmten Aussage gegenüber, die eine positive Vorstellung über das erwartete Prüfungsergebnis ausgedrückt hatte. Es besteht augenscheinlich ein inhaltlicher Kern in den relevanten Gedanken, ein Gemeinsames, das nur zu verschiedenen Verhaltensformen führt.3 Und dieses Gemeinsame erscheint als die Unabwägbarkeiten des Daseins, denen sich eine Person besonders im Alltag machtlos gegenüber sieht. Es handelt sich somit um eine Antwort auf das Kontingenzproblem.4

 

Minimal ritualisierte Handlungen als Aberglaube

Diese minimal ritualisierten Handlungen – zu denen auch Aussprüche gehören – beruhen oder beziehen sich nicht auf ein Gedankenkonzept, weder auf eine mehr oder weniger umfassende politische Ideologie noch auf eine über die Zeit gewachsene Vorstellungwelt. Von daher mangelt es an einer zufriedenstellend rationalen Begründung für das Praktizieren des Rituals, und es ist keine Möglichkeit vorhanden, es hinreichend als immanentes sozio-psychologisches Phänomen zu erklären.5 Somit kommt eine transzendenzorientierte Deutung in Frage mit der Einordnung als Aberglaube im Sinne eines vor- und außerreligiösen Vorkommens. Dafür ist dessen Nukleus zu ermitteln sowie zuzuordnen.

Eine diachronische Annäherung führt bereits im Fundus antiker Mythologie zu einem Ergebnis, das überraschend passgenau wirkt: die griechische Göttin Nemesis. Es ergeben sich aus diesem Fund die Arbeitsschritte, zuerst eine Palette solch schlichter Rituale auszubreiten, auf die eine nähere Bestimmung folgt, wie in der Antike die Nemesis gesehen wurde einschließlich des Aspekts, welche Bedeutung die Nemesis damals hatte, damit anschließend Zug um Zug untersucht werden kann, ob es möglich ist, hierin eine historische Wurzel für einschlägige Verhaltensweisen in Kulturen der westlichen Welt festzumachen.

 

Erscheinungsformen minimal ritualisierten Aberglaubens

Es beziehen sich die hier zu untersuchenden Verhaltensformen auf kurzfristige Eingriffe, die eine Reaktion auf Gedanken bilden, welche sich in einer Handlung oder Aussage manifestieren. Zum unmittelbaren Umfeld gehören bereits Vermeidungsstrategien, also eine positive Erwartung nicht auszusprechen, nicht vorab zu gratulieren, deshalb nicht zuvor zu feiern, folglich keinen Wein und keinen Sekt vorweg zu trinken. Vorsorglich wie auch nachträglich kann auf Holz geklopft werden (knocking on wood, toucher du bois), zudem ist weitverbreitet der Spruch „toi, toi, toi“.6 Im Wesentlichen nachträglich oder nur im Nachhinein wird gesagt „unberufen“, „nicht beschreien“, „unbeschrien“, und es wird praktiziert, zu spucken oder aus dem Haus hinauszulaufen und sich zu drehen bzw. in der Variante zu fluchen; bisweilen geschieht so etwas in dreimaliger Ausführung.

Im Unterschied dazu werden hier Praktiken nicht berücksichtigt, wenn sie einer anderen Person Glück bringen sollen: Das kann durch Daumenhalten resp. Daumendrücken in dem Zeitraum geschehen, in dem es für diese Person kritisch ist;7 vergleichbar gibt es das fingers crossed (croiser les doigts) und sogar ein heels crossed. Es werden auch äußerlich komprimierte Ausprägungen von Aberglauben nicht bearbeitet, die sich in allgemeinen Schutzmaßnahmen gegen negative Einflüsse zeigen, wozu das Tragen eines Amuletts gehört oder das Vermeiden von Übel mit sich bringenden ­Zahlen wie die 13.8

 

Zur antiken Betrachtung der Nemesis

Das Wesen der griechischen Göttin Nemesis wurde und wird vom griechischen Wort „nemesin“ abgeleitet. Dessen Bedeutungsspektrum reicht von „zuteilen“ – „vor allem des Gebührenden“, insbesondere die „gerechte Strafe“ und den „Tadel“ – sowie „zurechnen“ über „missbilligen“ und „missachten“ bis hin zu „vergelten“. Dabei betrifft dies „fast ausschließlich … die menschliche Sphäre“. Anscheinend hat sich das Verständnis mit der Zeit hypostasiert.9 Einen lateinischen Namen hat die Nemesis nicht erhalten.

Zum einen wurde das Handeln der Nemesis als ein Ausgleichen verstanden, dass jedem das „rechte Maß“ zugeteilt werde. Dies ist folglich ohne einen Bezug zur ethischen Dimension im menschlichen Verhalten. Solches Eingreifen gebe es auch, wenn der Mensch viel Glück habe. Dann schwäche die Nemesis entsprechend das „Gute mit Schlechtem“ ab, weshalb sich ein Mensch davor zu fürchten habe. Zum anderen gab es das Verständnis ihrer Reaktion auf ein menschliches Fehlverhalten. Das bestand in zwei Varianten: Die „Nichtachtung göttlicher Geschenke erregte ihren Zorn“, und sie wurde zur „Rächerin der Hybris“, wenn ein Mensch sich über andere erhob. Dazu gehörte auch, dass sie „hochfliegende Pläne“ zunichte und eine allzu „sichere Erwartung“ „zuschanden“ mache. Noch „dicht vor dem Ziel konnte sie dem trefflichsten Läufer den Sieg entwinden“. Es war also von Bedeutung, dass diese Gläubigen fürchteten, die Strafe könnte „unverhofft“ erfolgen.

Für die derart Gläubigen war die Nemesis „die Gottheit, vor der der Mensch allzeit auf der Hut sein“ musste. Die Angst wirkte stark genug, „um dem Christentum eine nicht unerhebliche Widerstandskraft entgegensetzen zu können“, und die Christen hatten Grund, gegen die Nemesis „zu eifern“. Es gab „in der Kaiserzeit eine besonders rege Verehrung der Göttin“ mit einer signifikant regionalen Verbreitung. Sie wurde verehrt „in solchen Schichten …, die … zum Aberglauben neigten“. Handlungen der Anhänger, um den Schaden zu vermeiden resp. der Strafe zu entgehen, lagen unter anderem „in der Sphäre der Zauberei“ oder in Kurzritualen: beispielsweise galt es als ein wirksames Mittel, „dreimal in den Busen zu speien“.10

 

Übertragungen von antiken Vorstellungen auf die Gegenwart

Mentale Phänomene und Wissen in seinen verschiedenen Formen kann aus jenem Zeitraum heute noch existieren und damit die Verwerfungen der Völkerwanderung und späteren Katastrophen sowie die lange zeitliche Erstreckung von vielen Jahrhunderten überdauert haben. Dies belegen der christliche Glaube und die Bibel. Zugleich wird bei näherem Befassen mit der Antike immer wieder deutlich, dass einzelne Momente wiederbelebt wurden, da sie zwischenzeitlich nicht mehr bekannt waren oder nicht wahrgenommen wurden. Daraus wird zweierlei erkennbar: Es existieren ein kontinuierlicher Bestand an antiken Überresten sowie einer an Quellen.11 Zur Alternative gehören Epochen, welche auf die Antike zurückgegriffen haben. Dies wird in ihren Bezeichnungen wiedergegeben: die „Karolingische Renaissance“, die „renovatio imperii Romanorum“,12 die Renaissance sowie der Klassizismus und bedingt auch der Historismus. Ihr jeweiliger Zeitgeist wurde u.a. gestützt von der Rezeption – wiederentdeckter – antiker Schriften, Kunstgegenstände oder Stätten.

 

Zum gegenwärtigen Verständnis der Nemesis als wirksamer transzendenter Person

Aus der Götterwelt der Antike sind allem Anschein nach nur wenige Wesen in unserer Zeit noch im Bewusstsein virulent. Gott im jüdischen wie im christlichen Verständnis steht in der westlichen Kultur wohl einzig da. Daneben gibt es vermutlich als Wiederbelebung in kleinen Zirkeln Anhänger keltischer oder germanischer Gottheiten. Bei den Göttern aus den „Sagen des klassischen Altertums“ ist dies offenkundig nicht der Fall, da sie durch die literarische Vermittlung zu bekannt sind, um für eine religiöse Praxis das passende Image zu haben resp. es nicht ein hinreichend freies Interpretieren erlaubt.

In diesem Sinne besteht in unserem Kulturkreis kein Glaube an die Nemesis. Die Parallelen zwischen den geschichtswissenschaftlichen Darstellungen zur Nemesis, wie sie sich gemäß ihren antiken Gläubigen gegenüber den Menschen verhalte, und den Kernvorstellungen bei einschlägigen minimal ritualisierten Formen von Aberglauben in der westlichen Zivilisation sind jedoch frappierend: Die Angst, dass ein Sieg noch unmittelbar vor dem Ziel verspielt werden könne, nur weil man sich dessen sicher sei, ist identisch. Gerade auch, weil die Momente Hochmut und Verlust als Strafe dazu gehören. Ebenso ist die Irrationalität zu nennen, also der Misserfolg entgegen aller realistischen Szenarien.

 

Zum Transfer des Nemesisbildes in die Gegenwart

Wie und wann könnte aus dem antiken Umgang von Gläubigen mit der Nemesis ein aktuell gottloser Aberglaube geworden sein? In Anbetracht der wissenschaftlichen Annahme, das Verständnis der Eigenschaften der Göttin habe vor ihr existiert, es sei also personifiziert worden, lässt sich erwarten, dass es vergleichsweise enthypostasiert wurde.13Jedoch ist dabei zu berücksichtigen, dass eine solche Umkehrung einen eigenen Charakter haben könnte und von daher nicht abzuleiten wäre. Es wird jedoch sehr wahrscheinlich ein weitgehendes Verschwinden des Nemesis-Glaubens infolge des realisierten christlichen Absolutheitsanspruches gegeben haben. Wenn es seit der Renaissance zu historischen Rückgriffen auf die Nemesis als Figur kam, wird dies nicht zu ihrer religiösen Wiederbelebung geführt haben. Stattdessen könnte sie im weiterhin christlich dominierten Abendland eine Art metaphorisches Dasein in Kunst und Literatur gefunden haben, um sich beim Rückzug des christlichen Einflusses dann in Form eines „gesunkenen Kulturguts“ über bildungsaffine Kreise hinaus als gott-loser Aberglaube zu verbreiten. Dabei hätten sich die relevanten Vorstellungen auf ihren Kerninhalt reduziert und sich mit simplen Ritualen verbunden.14

 

Eindrücke zum öffentlichen Bild der Nemesis in Deutschland seit der Neuzeit

In der Bildenden Kunst ist vor allem an Dürers Kupferstich „Nemesis“ zu denken, der durch das Gedicht „Manto“ von Angelo Poliziano aus dem Jahre 1482 inspiriert worden war. Albrecht Dürer widmete sich „intensiv der Druckgraphik, deren Verbreitung seinen Ruf als berühmtester deutscher Künstler der Zeit begründete“. Es lässt sich daher annehmen, dass auch dieses ca. 1501 geschaffene Kunstwerk prägend war.15

Für die deutsche wie auch fremdsprachliche Literatur des 17. Jh. zeigt sich eine Erwähnung der Nemesis bei bekannten Autoren wie Grimmelshausen in seinem Simplicius Simplicissimus oder von Jean de La Fontaine in einer Fabel. Im 18. Jh. schrieb z.B. Christiana von Ziegler in ihrem Gedicht „Cantata“: „Es ruffte sein beleidigt Hertz | Gleich nach der Nemesis“.16 Im 19. Jh. kommt die Nemesis immer wieder in der gehobenen deutschen Literatur vor.17

Die Vorstellung über eine Person oder Sache in gebildeten resp. nach Bildung strebenden Kreisen spiegelt sich in einschlägigen Artikeln in Enzyklopädien und Lexika wider: Im „Zedler“ befindet sich 1740 ein eigener Beitrag zur Nemesis, der eingangs ihren Namen etymologisch herleitet aus „ich theile aus“; er entwickelt dies daraus, dass „sie einem jeden das Seinige mittheilet“. Anschließend wird als Variante genannt: „ich entrüste oder erzörne mich, weil sie ihren Zorn die Bösen fühlen läßt.“ Sie wird beschrieben als „eine Göttin, so insonderheit die Menschen ihres Hochmuths halber, und daher rührenden Frevelthaten und übermüthiger Bosheit halber straffete. … Sie war daher für eine strenge Göttin gehalten“. „Sonst wird sie insgemein für die göttliche Rache gehalten“, die „geschwind und unverzüglich zu folgen pfleget“. Auf diese Darstellung griff Benjamin Hederich 1770 zurück, der streckenweise aus dem Zedler wörtlich zitierte und hervorhob: „Sie soll ihrem ersten Ursprunge nach ein bloßes Sinnbild göttlicher Vorsehung … gewesen seyn.“18 Da diese Beschreibungen jeweils umfangreich sind, zeigt sich ein erheblicher Bestand an Vorstellungsaspekten, was auf eine intensive Befassung mit ihr zumindest in interessierten Zirkeln schließen lässt.

Unter den Lexika und Enzyklopädien des 19. Jh. sei beispielhaft verwiesen auf den Brockhaus von 1809, wo sie als „Göttin strafender Gerechtigkeit“ beschrieben wird, oder auf das „Damen Conversations Lexikon“ von 1836, in dem sie eine „Rachegöttin“ genannt wird. In Pierers Universal-Lexikon aus dem Jahr 1851 wird in einem kurzen Artikel eingangs von der „Tochter der Macht“ geschrieben, „welche die Stolzen beugt u. die unschuldig Gedrückten empor hebt u. rächt.“ Danach unterscheidet der Autor zwischen einer epischen, einer tragischen und einer aristotelischen Nemesis.19

 

Die gesellschaftliche Übertragung von Vorstellungen

Mit der Formel vom „gesunkenen Kulturgut“20 hatte der NS-Volkskundler Hans Naumann für sein Weltbild einen Begriff geprägt, der einen bestimmten historischen Prozess der Ausbreitung von Gedankengut über unterschiedliche soziale Schichten erklären soll. Dabei wird von einem gewissen Vorbildcharakter höherer Klassen für untergeordnete Personen ausgegangen, welcher in der Beziehung von gebildeten zu umstehenden Kreisen naheliegend sein kann. Diese Formel hat deutliche Kritik erfahren; dennoch lässt sie sich auf das Aufkommen des hier behandelten Phänomens anwenden: „Die Vorbilder stammten zumeist aus der Antike oder von klerikalen Kreisen. Es ist kein uraltes, geheimnisvolles Volkswissen, sondern abgesunkenes gelehrtes Wissen, das oft nur in verkümmerten Formen … erhalten ist, das ‚sich in verschiedenen Phasen der Entfaltung immer wieder mit antiken Traditionen verbindet, ja systematisch verwebt‘“,21 wie Margarethe Ruff dazu Lenz Kriss-Rettenbeck zitiert.22 Offenkundig wäre dann beim Werdegang von der Nemesis zum Toi-toi-toi dieses Endergebnis so weit vom Ursprung entfernt, dass er seitdem nicht mehr gesehen worden ist.

Schlussfolgerungen

Ein Vergleich antiker Vorstellungen zur Nemesis mit einer Form des minimal ritualisierten Aberglaubens in modernen westlichen Kulturen zeigt Übereinstimmungen: Eine Hybris eines Individuums oder dessen mangelnde Dankbarkeit für Gutes im Leben steht einer befürchteten Bestrafung oder einem vorhergesehenen Verlust gegenüber. Dieser Aberglaube kann eine entpersonalisierte Form des Nemesisbildes sein und sich ab der Renaissance ganz allmählich als gesunkenes Kulturgut ausgebreitet haben. Denn aufgrund dieser ersten Annäherung lässt sich das Gesamtbild zur Nemesis in den letzten Jahrhunderten als qualitativ ziemlich ausgeprägt einschätzen, das aber quantitativ eher spärlich verbreitet war und ist. Zugleich scheinen Wahrnehmung und Wissen nicht auf einen engen Kreis von Akademikern beschränkt gewesen zu sein, sondern sich bis hinein in Unterhaltungsliteratur und Informationslektüre für die Bildungsschicht gezeigt haben.

Diese Expansion wird vermutlich teilweise bei Individuen zuerst über Übernahme des Ausspruchs und dann Nachahmung der Handlung erfolgt sein, woraufhin erst nach einiger Zeit der religiöse Kern internalisiert wurde. Das Ergebnis wurde und wird unter Volksglauben eingeordnet. Es wird wahrscheinlich bei Bedarf die Gültigkeit in Form empirischer Belege behauptet bzw. mit schlichten Erklärungen geantwortet.23 Ein solcher Prozess mag durch Modernisierungsschübe gefördert worden sein, die mit Verunsicherungen und gesellschaftlichen Verwerfungen verbunden waren und ein verstärktes Bedürfnis nach Gleichheit, Gerechtigkeit und Fairness hervorbrachten. Da gegenwärtig diese Voraussetzungen ausgeprägt vorliegen, kann dieser minimal ritualisierte Aberglaube weiteren Raum ge­winnen.24

 

Anmerkungen:

1 S. z.B. Perkmann, Adelgard, berufen, beschreien, in: Bächthold-Sträubli, Hanns, Hg., [Mitwirkung von Eduard Hoffmann-Krayer u.a.], Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, [Berlin/Leipzig, Bd. 1, 1927,] ND Berlin/New York 1987, Sp. 1096-1102.

2 Siehe z.B. Küpper, Heinz, Unberufen, toi, toi, toi, Frankfurt/M. 2. Aufl. 1971.

3 Dabei konzentriere ich mich hier auf Gebräuche, die sich ähneln. Eine empirische Befassung könnte nach Erfahrungswerten forschen, welche die Person hatte resp. meinte, gehabt zu haben, um sich so zu verhalten.

4 Es liegt eine anthropologische Grundkonstante vor, von der letztlich über die Zeit unterschiedliche Ausprägungen zu erwarten sind. In der ntl. Welt geschieht dies sub conditione Jacobaea, im islamischen Kosmos durch die Formel „inschallah“. Ergänzend sei auf den Hochmut als Todsünde nach katholischer Lehre verwiesen, der als Abkehr von Gott verstanden wird und sich unterscheidet von einer „zwischenmenschlichen Arroganz“ (Düwell, Marcus, Die Todsünde: Hochmut. Vortrag, 25. September 2011, Evang. Akademie Bad Boll, 5 [Internet]). Hinzu gesellt sich die Lebenserfahrung, dass Hochmut vor dem Fall kommt, wenn jemand abgehoben handelt und den Bezug zu seiner Umwelt verliert.

5 Dieser deutliche Eindruck soll zugleich nicht die Frage nach alternativen Prägungen aufgrund sozialpsychologischer Abläufe negieren, die noch zur Prüfung gestellt werden könnten, wie auch ergänzende Einwirkungsvarianten des psychologischen Mechanismus einer selffulfilling prophecy oder von Fehleinschätzungen durch selektive Wahrnehmungen.

6 Zugleich wird das Toi, toi, toi relativ häufig verwendet im Sinne von „viel Glück“, das einem Gegenüber zugesprochen wird.

7 S. z.B. „Daumen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm [Internet], dort ab: „etwas ganz anderes heiszt einem den daumen halten“.

8 Selbstredend bestehen Ungleichheiten innerhalb und zwischen Kulturen; z.B. steht bei Chinesen die 4 für Unglück.

9 Zitate s. Herter, Hans, Nemesis, in: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaften, Bd. 32 [1,16,2], Stuttgart 1935, Sp. 2338-2380, hier Sp. 2338, sowie Gigon, Olof, Nemesis, in: Das Lexikon der Alten Welt, Zürich/Stuttgart 1965, Sp. 2074.

10 Zitate s. Herter, Nemesis, Sp. 2356, 2368, 2339, 2368, 2366, 2367, 2372, 2366, 2339, 2356, 2374, 2356, 2369 und auch Sp. 2372, 2371, 2368; s. ebenso Stenger, Jan, Nemesis, in: Der neue Pauly. Enzyklopädie der Antike, Bd. 8, Stuttgart/Weimar 2000, 818f.

11 S. Droysen, Johann Gustav, Historik. […] Textausgabe von Peter Leyh, Stuttgart-Bad Cannstatt 1977, 70-100.

12 Es bestehen divergierende wissenschaftliche Positionen zum Verständnis der „renovatio imperii Romanorum“ durch Otto III. um die Jahrtausendwende: Eine Variante stellt die „auf antiker Bildung fußende universalistische Programmatik zur christlichen und politischen Erneuerung“ dar, eine andere versteht darunter nur „ein konkretes, situationsgebundenes politisches“ Programm, s. Schulmeyer-Ahl, Kerstin, Der Anfang vom Ende der Ottonen. Konstitutionsbedingungen historiographischer Nachrichten in der Chronik Thiemars von Merseburg, Berlin/New York 2009 (zugleich Diss. Univ. Frankfurt 2005).

13 Vgl. auch Fleck, Jan, Das Gerücht als Kommunikation im Massenmedium WWW – Überlegungen zur Beobachtbarkeit und theoretischen Kontextualisierung, in: Malsch, Thomas/Schmitt, Marco, Hg., Neue Impulse für die soziologische Kommunikationstheorie. Empirische Widerstände und theoretische Verknüpfungen, Wiesbaden 2014, 187-213, hier 195.

14 Vielleicht hat es dabei Bezüge zur relevanten religiösen Praxis der Antike gegeben?

15 Nachweise und Zitate s. Abate, Marco, Hg., Circa 1500. Landesausstellung 2000 Mostra storica. Leonhard und Paola. Ein ungleiches Paar; De ludo globi. Vom Spiel der Welt; An der Grenze des Reiches, Genf/Mailand 2000, 307 (Abb. 242) [Internet]; https://sammlung.staedelmuseum.de/de/werk/nemesis-das-grosse-glueck (Stand: 22.07.2019); https://sammlung.staedelmuseum.de/de/person/duerer-albrecht (Stand: 25.07.2019). In der lyrischen Vorlage hat die Göttin auch Züge der Fortuna, s. Koerner, Joseph Leo, The Fortune of Dürer’s „Nemesis“, in: Haug, Walter, Wachinger, Burghart, Hg., Fortuna, Tübingen 1995, 239-294, hier 259.

16 S. Grimmelshausen, Hans Jakob Christoffel von, Simplicius Simplicissimus, von 1668/9; La Fontaine, Jean de, L’Amour et la Folie, von 1693/4 („Némésis“; auch Lafontaines Fabeln, Amor und die Torheit [Internet bei Gutenberg]); Ziegler, Christiana Mariana von, Versuch in gebundener Schreib-Art, [Leipzig 1728,] ND Berlin 2015, 39. (Diese Ergebnisse lieferte eine begrenzte Internetrecherche.)

17 Vgl. zur zeitgenössischen Reflexion z.B. Gerlinger, Baptist, Fatum und Nemesis in der dramatischen Dichtung. Eine ästhetische Studie, Neuburg 1858 (2. Abdr.), 4 [Internet].

18 Zitate s. Zedler, Bd. 23, Sp. 1689-1692, hier Sp. 1689-1691; Hederich, Benjamin, Gründliches mythologisches Lexicon […], Leipzig 1770, Sp. 1701-1707 [Internet bei archive.org], hier Sp. 1706.

19 Zitate s. Brockhaus Conversations-Lexikon, Amsterdam 1809, Bd. 3, 242f [Internet]; Damen Conversations Lexikon, [o. O.] 1836, Bd. 7, 394 [Internet]; Richter, M., Nemesis, in: Universal-Lexikon […] Pierer, Altenburg 1851, 3. Aufl. (vierte Ausgabe), Bd. 10, 842f, hier 842.

20 Siehe z.B. Thomas Schirrmacher in seinem Fazit über Naumann, dass dieser „nie … praktisch geforscht hat, und deswegen seine Theorie vom gesunkenen Kulturgut nie empirisch belegen konnte,“ https://www.thomasschirrmacher.info/blog/hans-naumann-3-inhalt-meiner-dissertation/ (Stand: 3. August 2013).

21 Ruff, Margarethe, Zauberpraktiken als Lebenshilfe. Magie im Alltag vom Mittelalter bis heute, Frankfurt/M./New York 2003, 301.

22 Lenz Kriss-Rettenbeck gibt in einer Reihe von zugespitzten Argumenten mögliche Vermittlungslinien zusammen mit Ausführungen zum Kontext an. So nennt sie eine Zeit und Umstände der Verbreitung des Aberglaubens „mit der Renaissance und mit der Vulgarisierung der Bildungsgüter des Humanismus“ resp. eine „Säkularisierung der Bildung durch den Humanismus“. Sie behauptet, die spätantike „Astrologie … drang vorwiegend über die Araber und über jüdische Literatur“ in die westeuropäische Kultur ein. Es „verkehrte sich mittelalterliche Lehre von der Geisteswelt in eine Dämonologie“, Hansmann, Liselotte/Kriss-Rettenbeck, Lenz, Amulett, Magie, Talisman. Das Standardwerk, Hamburg 1999, 11f. Eine Komponente, ggf. auch nur des Kontexts, werden „Aberglaubenskataloge des Mittelalters“ bilden, die „an der Antike entwickelte Musterbücher für die Seelsorge darstellten“. Ebenso ist zu verweisen auf die „Aberglaubensbekämpfung“ der Aufklärung des 18. Jh., die Teil eines langanhaltenden Gegenübers von gebildeten und ungebildeten Schichten war; Zitate s. Daxelmüller, Christoph, Vorwort [1], in: Bächthold-Sträubli, Handwörterbuch, 1987, v-xl, hier xxxii, xxviii, xxx.

23 Dies geschieht wohl teilweise auch unter Verweis auf ältere Familienangehörige („die Großmutter“), die vom Erfolg überzeugt gewesen seien. Für Kriss-Rettenbeck „pochen Praktiker auf ihre Erfahrung, pflegen [dies, G.St.] amulettträchtige Personen … in typischer Form des Volksglaubens, nämlich als Glauben ohne Lehre, als Praxis ohne Theorie“, Hansmann/Kriss-Rettenbeck, Amulett, 18.

24 Die Schwäche christlicher Kirchen könnte diese Zuwachstendenz verstärken.

 

Über die Autorin / den Autor:

Dr. Dr. Gunter Stemmler M.A., Jahrgang 1960, Studium der Geschichte an der Leibniz-Universität Hannover, 2001 Promotion an der Goethe-Universität Frankfurt/M., Leitender Magistratsdirektor in Frankfurt/M.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2020

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