Die aktuelle Corona-Pandemie bestimmt die mediale Berichterstattung und das politische Handeln. Andere Themen, die das Tagesgeschehen bis zuletzt dominierten, sind demgegenüber in den Hintergrund getreten. So auch die Klimaschutzpolitik. Beides, Corona-Krise und ökologische Krise, steht für Ruth Gütter jedoch in einem engen Zusammenhang. In ihrem Artikel will sie zeigen, warum die Menschheit mittelfristig den Wettlauf um die Rettung der Ökosysteme verliert, wenn sie aus der derzeitigen Corona-Pandemie nicht die richtigen Schlüsse zieht.

 

Seit Beginn des Jahres 2020 hält das Coronavirus die Welt in Atem. In nahezu allen Erdteilen breitet es sich rasant aus und hat bereits 2,9 Mio. Menschen infiziert und über 200.000 Menschen das Leben gekostet (Stand 26.4.2020). Zur Eindämmung einer zu schnellen Ausbreitung des Virus wurden von den meisten Regierungen der betroffenen Länder historische bis Anfang des Jahres noch völlig undenkbare Beschränkungen des alltäglichen Lebens und der sozialen Kontakte beschlossen: Schulen, Kindertagesstätten, Universitäten, Kirchen, Behörden, Restaurants, Cafés, Kinos, Theater und die Mehrheit der Geschäfte wurden geschlossen, die wirtschaftliche Produktion heruntergefahren und einschneidende Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen verhängt. Damit hofft man die Anstiegskurve der Infektionen so zu verlangsamen, dass die Gesundheitssysteme nicht völlig kollabieren, was in einigen Ländern leider bereits geschieht.

Es scheint, dass die Corona-Krise alle anderen bisherigen Krisen in den letzten Jahrzehnten (Finanzkrise, Flüchtlingskrise, ökologische Krise) in den Schatten stellt. In der Tat ist die Lage sehr ernst. Solange es keinen Impfstoff und keine wirksamen Medikamente gibt, bedroht das Virus Leib und Leben sehr vieler Menschen – besonders das der Menschen mit schwächerem Immunsystem. Die Krise hat darüber hinaus unabsehbare Auswirkungen auf das wirtschaftliche Leben, die politischen Systeme und das gesellschaftliche Miteinander. Niemand weiß genau, wie lange der jetzige Zustand noch dauern wird und was danach kommt. Ob wir zu unserem alten „normalen“ Leben zurückkehren werden, ist ungewiss. Zu fragen ist auch, ob das gut wäre.

 

Woher kommt das Coronavirus?

Dieses hohe Maß an Unsicherheit und Ungewissheit weckt kollektive wie persönliche, ökonomische wie existentielle Ängste. Manche Menschen bewegen dabei ganz grundlegende und auch religiöse Fragen: Woher kommt dieses Virus? Warum trifft es uns jetzt? Gibt es einen Zusammenhang zu anderen Krisen?

„Die Natur schlägt zurück!“, „Das Virus weist uns in unsere Schranken“, „Es zwingt uns zur radikalen Umkehr“ – solche Sätze aus persönlichen Gesprächen, Leserbriefen und Einträgen in Blogs zeigen, dass viele Menschen nach dem Sinn dieser Krise fragen und dabei auch Zusammenhänge mit anderen Krisen, vor allem der ökologischen Krise, vermuten. Es ist eine bittere Ironie, dass ausgerechnet Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus dazu führen, dass z.B. Deutschland seine Klimaziele für 2020 nun doch erreichen wird. Auch Stimmen aus den Naturwissenschaften und der Zukunftsforschung stellen einen Zusammenhang zwischen der ökologischen Krise und der Corona-Krise her, wenn auch keine einfachen monokausalen Ableitungen.

Allgemein bekannt ist als eine Ursache die Haltung und Schlachtpraxis von Wildtieren auf den „wet markets“ in China, bei denen das Virus von Tieren auf Menschen übergesprungen ist. Im Menschen verwandelten sich die für die Tiere ungefährlichen Mikroben in tödliche Krankheitserreger. Wie und warum eine solche gefährliche Mutation im Menschen erfolgt, ist noch nicht erforscht.

Das Überspringen von Viren von Tieren auf den Menschen – sog. Zoonosen – hat es zwar nach Auskunft der Naturwissenschaftler in der Geschichte immer wieder gegeben. Tuberkulose und Masern z.B. wurden von Haustieren übertragen und waren tödlich, bis man einen Impfstoff entwickelte. Solche Zoonosen nehmen jedoch in den letzten Jahren in bedenklicher Weise zu. Die große Mehrheit der für den Menschen gefährlichen Viren der letzten Jahrzehnte (HIV, Ebola, Zeka, SARS, Corona) sind von Wildtieren auf den Menschen übergesprungen. Das hängt wiederum mit den Expansionen menschlicher Lebensräume im Zuge der ökonomischen Globalisierung zusammen, die auch Ursache für viele andere ökologische Probleme sind.

Je mehr der Lebensraum von Wildtieren durch den Menschen beschnitten wird – so die Beobachtung von Biologen und Epidemiologen – umso mehr steigt die Gefahr solcher Übertragungen.1 Insbesondere das Abholzen der Wälder, welches z.B. Fledermäuse als Virenträger in menschliche Siedlungen ausweichen lässt, hat dazu beigetragen und ist für das Ebolavirus bereits nachgewiesen.2 Auch die Übertragung von Krankheitserregern durch Mücken, durch Vögel und durch Zecken, die durch das rasante Artensterben kaum noch natürliche Feinde haben, hat nachweislich zugenommen.3

Ebenso führten eng zusammengepferchte Nutztiere in der Intensivlandwirtschaft zur Verbreitung von gefährlichen Viren wie der Vogelgrippe oder des Influenza-Q-Virus, H5N1.4 Um letzteren zu stoppen, mussten z.B. 2014 in den USA Millionen Geflügel gekeult werden.

Im Unterschied zu früheren Epidemien sind die heutigen auch deshalb so gefährlich, weil sie sich durch die vielfältigen globalen Verbindungen in Wirtschaft und Gesellschaft kaum noch regional begrenzen lassen. Diese Pandemie hat die Welt auch nicht so unerwartet getroffen, wie es gegenwärtig erscheint. Die Bundesregierung hat bereits 2012 im Rahmen einer Risikoanalyse Szenarien einer möglichen Pandemie durch die Verbreitung eines neuartigen Coronavirus und der dann zu treffenden Maßnahmen durchgespielt, die sich in nahezu beklemmender Weise als ein Drehbuch der jetzigen Situation lesen!5

Es gibt auch schon seit geraumer Zeit Programme der Weltgesundheitsorganisation, die sich für den Schutz des Lebensraums von Wildtieren einsetzen, damit Viren nicht so leicht auf den Menschen überspringen. Der Evolutionsbiologe Rob Wallace fordert als die wichtigsten Präventionsmaßnahmen Schutz der Lebensräume von Wildtieren, die Förderung der Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren, umfassende Maßnahmen zur Wiederaufforstung und die flächendeckende Einführung der ökologischen Landwirtschaft.6

Der Zukunftsforscher Matthias Horx vermutet ebenfalls Zusammenhänge mit unserer globalen Lebensweise und stellt folgende These auf: „Vielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt. Aber sie kann sich neu erfinden.“7

 

Die ökologische Krise und die Corona-Krise – Unterschiede

Kann man und darf man die Corona-Krise und die ökologische Krise überhaupt in einem Atemzug benennen? Fragt man danach, was die Krisen unterscheidet, so sind vor allem drei deutliche Unterschiede zu nennen:

Das Wissen um die Ursachen

Bei der ökologischen Krise – insbesondere bei der Klimakrise – wissen wir inzwischen, dass sie nach Meinung der ganz großen Mehrheit der Wissenschaftler vom Menschen verursacht ist. Wir wissen auch hinlänglich, welches die wirksamen Maßnahmen sind, um die Folgen der Krise einzudämmen. Mit den Beschlüssen des Pariser Klimaabkommen von 2015 und der Verabschiedung der Nachhaltigkeitsziele wurden dazu wichtige und weitreichende Beschlüsse gefasst. Allerdings mangelt es noch immer an der konsequenten Umsetzung. Bei der Corona-Krise scheint es nach belastbaren Hinweisen von Wissenschaftlern vom Menschen verursachte Entwicklungen zu geben, die das Überspringen des Virus begünstigen. Die Gründe der Mutationen mit den tödlichen Wirkungen für den Menschen liegen aber noch im Dunkeln.

Die Unmittelbarkeit der Bedrohung

Die Auswirkungen der ökologischen Krise werden zwar immer mehr spürbar, aber offenbar von den meisten Menschen noch nicht als bedrohlich genug empfunden, um unpopuläre Maßnahmen, wie wir sie jetzt gerade erleben, zu akzeptieren. Dagegen sind die Auswirkungen der Corona-Krise so unabweisbar sichtbar und spürbar (Krankheitssymptome, überfüllte Krankenhäuser, der Tod vieler Menschen), dass sie zu einer sehr schnellen und erstaunlichen Akzeptanz von großen Einschränkungen geführt haben, die man angesichts der ökologischen Krise stets für nicht durchsetzbar und praktikabel gehalten hat. Es darf jedoch in der akuten Krise nicht vergessen werden, dass auch der Klimawandel heute schon viele Menschen das Leben kostet und mittel- und langfristig das Leben von Millionen Menschen bedroht!

Der Zeitfaktor

Die ökologische Krise entwickelt sich über lange Zeiträume. Bereits seit fast 50 Jahren wird vor ihren nicht minder dramatischen lebensbedrohlichen Folgen gewarnt.8 Diese Auswirkungen bekamen als erstes die Menschen in den Ländern zu spüren, die am wenigsten dazu beigetragen haben. Erst in den letzten Jahren wurden sie auch für die Menschen in den reichen Ländern in Form von Hitzerekorden und Unwettern spürbar. Die Corona-Krise entwickelte sich dagegen innerhalb weniger Wochen zu einer Pandemie, die nahezu alle Länder in allen Erdteilen betrifft.

 

Die ökologische Krise und die Corona-Krise – Gemeinsamkeiten

Nachhaltige Gesellschaften sind resilienter

Da es sich sowohl bei der ökologischen Krise als auch der Corona-Krise um globale Krisen handelt, treffen sie zwar mittelfristig und langfristig Menschen in allen Ländern und in allen Gesellschaftsschichten, aber es sind eben nicht alle gleichermaßen durch ein gutes Gesundheitssystem, eine gute Daseinsvorsorge und eine verantwortlich handelnde Regierung geschützt. Es macht einen lebensentscheidenden Unterschied, ob ich diese Pandemie in einem Flüchtlingslager auf Lesbos, in einem Armenviertel in Rio de Janeiro, in Norditalien oder in Deutschland erlebe.

Die genannten Faktoren erinnern an die hohe Relevanz der Sustainable Development Goals (SDG), die Ziele für nachhaltige Entwicklung, die die Staatengemeinschaft 2015 beschlossen haben. Einige davon erweisen sich jetzt als lebensentscheidend auch im Kampf gegen das Coronavirus: Schutz vor Armut und Hunger (SDG 1 und 2), Zugang zu einem guten und bezahlbaren Gesundheitssystem (SDG 4), Zugang zu Wasser und Hygienesystemen (SDG 6), Achtung der Menschenrechte, verantwortliche und demokratische Regierungsführung (SDG 16). Auch das Ziel 15, der Schutz der Artenvielfalt, hat hier im Hinblick auf die Ursachen für die Zunahme der Virenkrankheiten eine hohe Bedeutung.

Für beide Krisen ist also der entschiedene Einsatz für die Umsetzung der Ziele für eine nachhaltige Entwicklung politisch wie auch gesellschaftlich dringend geboten. Das Engagement für Klimaschutz und der Einsatz für den Schutz vor der Corona-Epidemie sollten dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wer die Mittel und Maßnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus in Frage stellt, gefährdet das Leben vieler Menschen. Wer die Mittel und Maßnahmen zum Klimaschutz in Frage stellt, riskiert Entwicklungen, die neue Pandemien oder andere Katastrophen auslösen. Nachhaltige Politik und nachhaltige Gesellschaften können sicher nicht alle Probleme lösen und alle Leben retten, aber sie wirken präventiv gegen gefährliche Krisen und geben die nötige Resilienz, um diese Krisen besser zu bewältigen.

Licht und Schatten der globalen Abhängigkeiten

Eine wichtige Erfahrung, die beide Krisen miteinander verbindet, ist die der großen Abhängigkeit voneinander – im Kleinen wie im Großen, im Guten wie im Schlechten. Auch wenn momentan die Grenzen geschlossen sind, wenn jedes Land versucht, seine Bevölkerung zuerst zu schützen: es wird uns auf Dauer nichts nützen, wenn wir allein für uns sorgen. „Sowohl beim Klima als auch bei Corona … gilt …: der Schaden eines anderen gefährdet uns alle. Jede Neuinfektion birgt das Risiko einer weiteren Ausbreitung. Jeder Hamsterkauf führt zur Verknappung. Jeder Flug, jedes SUV, jedes Kohlekraftwerk macht die Anstrengungen Einzelner, klimabewusster zu handeln zunichte, genau wie jedes Land, das sich nicht darum schert. Beide Krisen sind nur durch radikale Solidarität und Kooperation zu lösen, nicht durch Einzelgängertum und Konkurrenz“.9 Das ist eine zentrale Schlussfolgerung für den politischen und gesellschaftlichen Bereich. Doch es gibt auch noch eine Tiefendimension.

Anfrage an den christlichen Glauben und die Theologie

In beiden Krisen, der ökologischen wie der Corona-Krise, zeigen sich auch die große Verwundbarkeit des Menschen, seine Ohnmacht, aber auch die Bedeutung seiner Verantwortung. Beide Krisen offenbaren zudem die Abhängigkeit der Menschen voneinander und von der nichtmenschlichen Schöpfung – im guten wie im schlechten Sinne. In beiden Krisen wächst die Sehnsucht nach Halt, nach Orientierung und nach Hoffnung.

Für Christen stellen sich in der gegenwärtigen Corona-Krise auch alte und neue Fragen nach Gott und seiner Schöpfung, nach Heilung und Erlösung und nach dem, was Hoffnung gibt für die Zukunft. Mit diesen Fragen befassen sich zurzeit nahezu alle, die im kirchlichen Verkündigungsdienst stehen. Jede Andacht, jede Predigt, jede Meditation versucht, in dieser besonderen Krisenzeit aus dem christlichen Glauben Trost und Orientierung zu geben. Ich finde es beeindruckend, was hier an christlicher Kernsubstanz in tröstlichen und zugleich eindringlichen Worten zur Sprache kommt und wie stark und unmittelbar biblische Texte in die gegenwärtige Situation sprechen. Das ist ein Kairos auch für die Kirche, in der ihre besondere Mission gefragt ist und in der ihr – ähnlich wie schon bei der Flüchtlingskrise – trotz aller äußeren Beschränkungen neue Kraft und Lebendigkeit zuwachsen. Aus der theologischen Wissenschaft gibt es verständlicherweise (angesichts der Kürze der Zeit) zu diesen Fragen bisher erst wenige Beiträge.

 

Der Glaube an Gottes Schöpfermacht und Fürsorge

Eine Frage, die in vielen Predigten und Andachten und auch in den theologischen Beiträgen häufig gestellt wird, ist die Frage nach dem Sinn der Corona-Krise. Ist sie eine Strafe Gottes? Gehört sie zu den Kennzeichen einer „gefallenen Schöpfung“? Wie verträgt sie sich mit dem Glauben an Gottes Liebe und Fürsorge?

Der Glaube an Gottes Schöpfermacht und Liebe kann in Zeiten wie diesen einen Riss bekommen, denn wir erleben, dass vieles, was gerade geschieht, nicht Gottes Willen entspricht. Glaube und Erfahrung treten hier schmerzhaft auseinander.

In diesem Zusammenhang äußern aktuelle Beiträge aus der wissenschaftlichen Theologie mit Vehemenz kritische Anfragen an die ökologische Theologie, der sie eine naive Vorstellung von der guten Schöpfung und ein zu großes Vertrauen in die „Selbst- und Weltsanierungsfähigkeit“ des Menschen vorwerfen.10 Vielmehr zeige sich nun in der Corona-Krise, dass die Schöpfung abgründig und zwiespältig sei und auch lebensbedrohliches Potential beinhalte. „Die Schöpfung entfaltet sich mit einer nicht zuletzt abgründigen Freiheit, die sich auch in lebenszerstörerischen Mutationen der Viren manifestiert.“11 Es sei ein Fehler, die Sünde nur als Defizit des Menschen zu sehen, Gewalt geschehe auch in den biologischen Prozessen.12 Aufrufe zur Versöhnung mit der Natur wären deshalb fragwürdig, ein solcher „religiöser Schöpfungskitsch“ würde nicht weiter­helfen.13

Ich halte diesen Vorwurf in der gegenwärtigen Krise für wenig hilfreich. Zum einen zeichnet er ein Zerrbild der ökologischen Theologie. Auch Jürgen Moltmann, der Begründer der ökologischen Schöpfungslehre, hält fest, dass die gegenwärtige Schöpfung nicht nur gut ist, sondern der Vergänglichkeit und Nichtigkeit unterworfen – jedoch ohne eigene Schuld. Deshalb sei es auch falsch, von der „gefallenen Natur“ zu sprechen.14 Zum anderen wird aus meiner Sicht in den aktuellen theologischen Beiträgen vorschnell auf die unheimlichen lebenszerstörerischen Kräfte der Natur und ebenso auf die Geheimnisse des verborgenen Gottes verwiesen, ohne die Verantwortung des Menschen für die Zerstörung von Lebensräumen ausreichend in Betracht zu ziehen. Natürlich gibt es auch unerklärliche Gewalt in der Schöpfung, es gibt Krankheiten und Leid, die ohne Sinn sind. Mir scheint jedoch die Corona-Pandemie dafür nur bedingt ein passendes Beispiel zu sein. Für mich verschränken sich in ihr die Verantwortung des Menschen für gefährliche Überschreitungen der ökologischen Grenzen (konkret die Beschneidung der Lebensräume von Tieren und die Abholzung von Wälder) mit für den Menschen lebensbedrohlichen biologischen Entwicklungen (Mutationen), für die wir keine Erklärung haben.

 

Die Corona-Krise als Weckruf

Wie viele meiner Kollegen im Pfarrdienst in ihren Andachten betonen, glaube auch ich nicht, dass die Corona-Krise eine Strafe Gottes ist. Dass Gott weder Krankheit noch Tod will, zeigt sich schon in den Geschichten des NT, in denen Jesus Menschen von ihren Krankheiten heilte und Tote auferweckte. In diesen Heilungsgeschichten weist Jesus einen kausalen Zusammenhang von Sünde und Krankheit unmissverständlich zurück. Aber dennoch gibt es Mächte, die das Leben in Frage stellen und zerstören können.

Moltmann beschreibt die Schöpfung Gottes als einen Prozess, in dem Gott nicht nur am Anfang die Schöpfung aus dem Nichts erschafft, sondern sie auch unter Mühen gegen die Mächte der Lebensverneinung erhält und schließlich mit der Auferstehung Jesu damit beginnt, sie neu zu erschaffen.15 Gott ist also nicht als der jenseitige Herrscher zu verstehen, der über irdischem Leid steht, sondern als einer, der aus Liebe zu seiner Schöpfung in Jesus Christus in die von Nichtigkeit bedrohte Schöpfung eingeht, mit ihr mitleidet, mit ihr gegen die Nichtigkeit ankämpft und durch Leid und Tod hindurch die Schöpfung neu erschafft.16

Mir scheinen die Stimmen am überzeugendsten, die in der Corona-Krise einen Weckruf zu einer gesamtgesellschaftlichen Umkehr sehen.17 Ich glaube, dass Gott uns trotz der Erfahrung von Leid und Tod nicht zugrunde richten, sondern uns aufrichten und zu Recht bringen will.18 In der Tat enthält die Krise neben der Erfahrung großen Leids auch Chancen. Zukunftsforscher und Soziologen zeigen in eindrücklichen Szenarien auf, wie sich die Welt nach der Corona-Krise wirtschaftlich, gesellschaftlich, politisch und sozial zum Positiven verändern könnte, wie nachhaltige Entwicklung uns resilienter machen und präventiv gegen neue Krisen wirken könnte.19 Schon jetzt spüren wir an einigen Punkten, wie uns die erzwungene Einkehr vieles neu entdecken und wertschätzen lässt, was wir vorher zu wenig wahrgenommen haben, wie z.B. die hohe Bedeutung von alltäglicher Nachbarschaftshilfe und gesellschaftlicher Solidarität. Systemrelevant sind nun nicht die großen Institutionen wie Banken oder Autokonzerne, sondern Menschen, die in den Krankenhäusern, Lebensmittelgeschäften oder in der Daseinsfürsorge ihren wichtigen lebensdienlichen Dienst tun. Regionale Wirtschaftskreisläufe und kurze Lieferketten gewinnen angesichts der aktuellen Lieferengpässe wichtiger Güter viel mehr an Plausibilität als die komplexen, nur an der Wirtschaftlichkeit orientierten globalisierten Wirtschaftsstrukturen und Lieferketten.

Auch der Glaube an die neue Schöpfung Gottes, die mit der Auferstehung Jesu begonnen hat, kann uns die Kraft geben, die Hoffnung für die Zukunft nicht zu verlieren – nicht weil wir Menschen diese neue Welt schaffen könnten und sollten, sondern weil der Glaube uns eine Vision von der Fülle des Lebens gibt, die Gott für seine Schöpfung will. Für Moltmann ist die Eschatologie nichts anderes als in die Zukunft gewendeter Schöpfungsglaube. Wer aus apokalyptischer Angst die Vernichtung der Welt erwartet, verleugnet die Schöpferkraft Gottes, denn der Glaube erwartet nicht den Untergang, sondern die Verwandlung der Welt: „Wer an Gott glaubt, der aus dem Nichts das Sein erschuf, der glaubt auch an den Gott, der Tote lebendig macht. Darum hofft er auf die neue Schöpfung von Himmel und Erde. Sein Glaube macht ihn bereit, der Vernichtung auch dort zu widerstehen, wo menschlich gesehen nichts mehr zu hoffen ist. Seine Hoffnung auf Gott verpflichtet ihn auf die Treue zur Erde.“20*

 

Anmerkungen

1 S. Shah, Woher kommt das Coronavirus?, Le Monde diplomatique, März 2020, 1-3: https://atlas-der-globalisierung.de/woher-kommt-das-coronavirus/. Johannes Vogel, Direktor des Naturkundemuseums, in Berlin bestätigt ebenfalls diesen Zusammenhang: https://www.tagesspiegel.de/politik/artensterben-und-naturzerstoerung-dieses-virus-ist-auch-der-preis-unserer-ausbeutung-der-natur/25676216.html. Ebenso Andrew Cunningham, Professor für Wildtier Epidemiologie der Zoologische Gesellschaft London: https://science.orf.at/stories/3200448?fbclid=IwAR0MTFpGZBZiTUBSQ6JAHARjqm6Dp-MA9l1i-pHLfoEM1WyPN3xHFBiOJDI.

2 Katarina Zimmer, Deforestation tied to changes in disease dynamics, The Scientist, New York 29, Januar 2019.

3 Lyme and other tickborne diseases, Centers fir Diseases Control and Prevention, 22, April 2019: www.cdc.gov.

4 S. Shah, Woher kommt das Coronavirus, 2.

5 Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012, Deutscher Bundestag Drucksache 17/12051, 1.3.2013.

6 Interview mit Rob Wallace von 21.3.2020: https://amerika21.de/analyse/238220/coronavirus-und-agrarindustrie.

7 Matthias Horx, Die Welt nach Corona, 11: www.horx.com/48-die-welt-nach-corona/.

8 Club of Rome, Die Grenzen des Wachstums, 1972.

9 Vivian Dittmar, Zwei Krisen. Acht Parallelen: https://ethik-heute.org/zwei-krisen-acht-parallelen/.

10 Günter Thomas, Theologie im Schatten der Corona Krise, Bochum 18.3.2020, 1-12: https://zeitzeichen.net/node/8206. Ralf Frisch, Gott, das Virus und wir, Zeitzeichen online, 24.3.2020.

11 G. Thomas, Theologie im Schatten der Corona Krise, 1.

12 G. Thomas, 4.

13 G. Thomas, 2.

14 Jürgen Moltmann, Gott in der Schöpfung. Ökologische Schöpfungslehre, 1985, 81.

15 J. Moltmann, 68.

16 J. Moltmann, 217.

17 Ansprache von Pfarrer Baier am 2.4.2020 in Kassel: www.ekkw.de/kassel.

18 Ansprache von Pfarrer Henning: www.youtube.com (Evangelische Gemeinde in Beirut).

19 M. Horx, Die Welt nach Corona. Fiktive Kanzlerinnenrede: https://taz.de/Fiktive-Kanzlerinnenrede/!5670925/.

20 J. Moltmann, Gott in der Schöpfung, 105.

* (abgeschlossen am 26.4.2020 – mehr Artikel zum Zusammenhang von Corona-Krise, ökologischer Krise und Nachhaltigkeit unter www.ekd.de/nachhaltigkeit.

Über die Autorin / den Autor:

OKR Dr. Ruth Gütter, 1986-1996 Gemeindepfarramt in der EKKW, 1996-2006 Beauftragte für Kirchlichen Entwicklungsdienst der EKKW, 2007-2012 Referentin für Afrika und Entwicklungspolitik der EKD, 2013-2017 Dezernentin für Ökumene und Diakonie der EKKW, seither Referentin für Nachhaltigkeit im Kirchenamt der EKD.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2020

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