Sie haben Jesus die Beine gebrochen, weil es der Zeitgeist so wollte, obwohl im Johannesevangelium steht: „Als die Soldaten sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht.“ (Joh. 19,33) An der Wende von der Romanik zur Gotik sah man das anders: Der in der Regel als Christkönig mit Krone und aufrechtem Haupt dargestellte Gekreuzigte war mit vier Nägeln und nebeneinander gestellten Füßen dargestellt. Es war die Zeit der siegreichen Kreuzzüge. Die Gotik brachte nicht nur einen vollkommen neuen Baustil mit sich, sondern auch ein neues Bild vom gekreuzigten Heiland. Er wurde nun in erster Linie als Schmerzensmann wahrgenommen und mit geneigtem Haupt, Dornenkrone und übereinander gelegten Füßen mit nur einem Nagel ans Kreuz geschlagen. Die Kunstgeschichte spricht vom Wechsel des „Viernageltypus“ zum „Dreinageltypus“.

So geschah es auch mit dem sehr beeindruckenden romanischen Kruzifix in der in einem Friedhof gelegenen Frauenkirche bei Markgröningen-Unterriexingen. An den Füßen sind noch sehr deutlich die Manipulationsspuren zu erkennen. Glücklicherweise hat das Amt für Denkmalpflege bei der Restaurierung vor einigen Jahren diesen gewaltigen kulturellen Eingriff in das Jesusbild erhalten. Nicht nur der Kunsthistoriker wird feststellen, dass die übereinander gezwungenen Füße Jesu nicht zu dem ansonsten eindeutig romanisch gestalteten Kruzifix passen. Unterriexingen ist beileibe nicht das einzige Beispiel solch geistiger Korrumpierung durch den Zeitgeist. Die zeitlos schöne Uta im Naumburger Dom muss sich seit ewigen Zeiten einen solchen Missgriff am steinernen Kruzifix des Lettners anschauen.

 

Zeitgeist: die gefräßige Gottheit

Der Zeitgeist ist eine gefräßige Gottheit, die überall und zu allen Zeiten willig Opfer empfängt, die ihr aber freiwillig dargebracht werden: unangenehme Wahrheiten, Götter- und Menschenbilder, ethische Maßstäbe, ökologische Einsichten, Menschenrechte, Rücksichten, Einsichten, Menschlichkeit und Gastfreundschaft sowie moralische Normen. Wenn alle sagen, was man sagt, und denken, was frau denkt, ist der Zeitgeist Meister. Bei Mode-, Stil- und ästhetischen Fragen mag das angehen. Besonders gefährdet aber scheinen Glaubensüberzeugungen zu sein.

Bei der für Christen so zentralen Frage, wer Jesus sei, hat der Zeitgeist sich unentwegt eingemischt. Jesu Reden und Wirken war so überwältigend und neu, dass man es sich zur damaligen Zeit nicht anders erklären konnte als Gottes unmittelbares Eingreifen in die Welt. Göttersöhne waren damals allenthalben zugange. Bei den Griechen und Römern, sowie schon seit ewigen Zeiten in der gesamten orientalischen Welt. Jesus musste für die meisten folglich ein Sohn Gottes sein. Das passte ins Weltbild und zum Zeitgeist. Der Abstand Jesu zu den Menschen aber wurde dadurch größer. Aus Nachfolgern wurden Verehrer. Man huldigte dem Mann aus Nazareth anstatt ihm zuzuhören.

Sicher war diese Würdigung als Gottessohn gut gemeint. Ihm sollte zu Recht dieser höchstmögliche Titel zukommen. Huldigung aber ist einfacher als Nachfolge. Sie haben Jesus auf die Gottessohnschaft festgenagelt, aber ihn darin nicht ernst genommen. „Steig doch herab vom Kreuz!“ Wie sollte ein „Fresser, Weinsäufer und Geselle der Zöllner und Sünder“ (Mt. 11,19) Gottes Sohn sein? Das Bild, das sich die Menschen von Jesus machten, war ständig im Wandel. Noch sehr in der jüdischen Tradition verhaftet, wurde Jesus dem königlichen Geschlecht Davids zugeordnet. Auch Jungfrauengeburten waren im orientalischen Kontext nichts Außergewöhnliches. Athena wird sogar aus dem Kopf des Zeus geboren.

 

Wenn aus Nachfolge Huldigung wird

Früh schon wurde Jesus als Guter Hirte in den Katakomben Roms dargestellt. Die Würdigung Jesu durch einen goldenen Nimbus oder Heiligenschein ist schon seit dem 4. Jh. zu finden. Dieser strahlende Lichtglanz, auch Aureole oder Mandorla, sollte auf die Nähe zum Himmel hinweisen. Sicher ein alles entscheidender Hinweis auf Jesu Nähe zu Gott. Jesus nennt ihn „Vater“, aber nicht im leiblichen, sondern im geistigen Sinn. Für die orthodoxen Mitchristen steht bis heute geistig/geistliche Verwandtschaft weit über der leiblichen. So dürfen z.B. Familienangehörige ab einem gewissen Verwandtschaftsgrad einander heiraten, Patenkinder desselben Paten aber nie! Diese Verwandtschaft ist eindeutig edler.

Die christologischen Streitigkeiten der ersten Jahrhunderte sind hinlänglich bekannt. War Jesus ein Scheinmensch (Doketismus) oder ein menschlicher Halbgott (Adoptianismus). Noch im 6. Jh. waren die christologischen Streitigkeiten so virulent, dass der oströmische Kaiser Justinian das Reich der Vandalen in Nordafrika auslöschte, nicht aus Machtgier, sondern weil dieses germanische Volk zu den Anhängern des Arius gehörte, der nicht an Jesu göttlichem Geist, wohl aber an dessen Gottessohnschaft zweifelte.

Aus den Streitigkeiten der Christologie resultierten auch die Gedanken über eine göttliche Trinität, um Gottes Wirken auf verschiedenen Ebenen verständlich zu machen. Erst 381, auf dem Konzil zu Konstantinopel wurde diese Lehre für die Christen verpflichtend. Bis heute ist die Trinitätslehre für viele Christen eine hohe Glaubensbarriere. Aus der Sicht der Muslime ist die Trinität „Vielgötterei“. Im 16. Jh. war Siebenbürgen islamisch besetzt. Zu dieser Zeit waren die Christen durch die Reformation aufgewühlt. Eine Gruppe wollte sich dem islamischen Zeitgeist nähern und auf die Trinitätslehre verzichten. Diese „Unitarier“ genannte Gruppe verschrieb sich dem monotheistischen Unitarismus. In ihrem Katechismus von 1864 heißt es: „Aus der Einzigartigkeit Gottes wird der Schluss gezogen, dass Christus keine Gottheit in sich habe, aber als vollkommenes menschliches Wesen Gottes Wesen illustriere.“

 

Jesus als Beau

Der Zeitgeist führte auch in den verschiedenen Kunstepochen den Pinsel der Maler. Im beginnenden Barock, angefangen bei El Greco und Velasquez war es en vogue, Jesus als Beau darzustellen. Den konnte man bewundern oder gar verehren. Aber dessen Ansprüche an die Menschlichkeit konnte man auf diese Weise leicht übergehen. Botticellis „Kreuztragung“ zeigt einen König der Schönheit mit einem leichten Kreuz und keinerlei Spuren der Anstrengung in Jesu Gesicht. Die süßlichen und oft germanisierten Jesusbilder der Romantik sind gar dazu angetan, Jesu Kampf und Leiden zu verschweigen.

Eine besonders hohe Hürde für den Glauben in unseren Tagen ist die Auferstehung. Aber das ist für Paulus entscheidend, wie er an die Korinther schreibt: „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.“ (1. Kor. 15,14). Vielleicht sollten wir noch vor Paulus auf Jesus selbst hören: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“ (Joh. 11,25-26). Ostern ist nicht Glaube an die Auferstehung, sondern an den Auferstandenen. Unser Glaube vertraut Gottes Allmacht und nicht der Zauberei.

Schon Paulus musste feststellen, dass der Gekreuzigte „den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit ist.“ (1. Kor. 1,23). Vieles, das im Glaubensbekenntnis steht, ist für uns Menschen des 21. Jh. kaum oder nicht nachvollziehbar: Gottessohnschaft, Jungfrauengeburt, Auferstehung. Dieses Glaubensbekenntnis wurde ca. 250 Jahre nach Jesu Geburt formuliert, und, was viele nicht bedenken: Es steht nicht in der Bibel!

 

Bruder Jesus“

Unser heutiges Glaubensbekenntnis sollte sich ausschließlich auf Jesu Worte und Taten beziehen. Warum sollten überkommene Vorstellungen, wie Jungfrauengeburt, Gottessohnschaft und leibliche Auferstehung vor den eigentlichen Glauben an Jesu Sendung gestellt sein? Seine Autorität besteht nicht in seiner göttlichen oder königlichen Macht, sondern in seiner Vollmacht. Die wiederum rührt aus seiner menschlichen Ohnmacht: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Mt. 27,46) Weil er verzagt starb, ist er uns Bruder geworden.

In seinem Buch „Bruder Jesus“ schreibt der jüdische Theologe Schalom Ben Chorin: „Der Glaube Jesu vereint uns, der Glaube an Jesus trennt uns.“ Christen glauben, dass Jesus nicht nur seinen Volksgenossen, sondern allen Menschen Bruder geworden ist. Die Kirche hat aus ihm einen Gottessohn, einen König, einen Verklärten, einen Heiligen gemacht. Verehrung und Huldigung haben gegenüber brüderlicher Liebe und Solidarität die Oberhand gewonnen. Der zeitgenössische katholische Theologe Johann Baptist Metz hat die Fehlentwicklung der Kirche am deutlichsten angeklagt: „Die Kirche hat sich viel zu lange mit der Sünde und nicht mit dem Leid der Menschen befasst.“ Diese Erkenntnis ist wohl Voraussetzung für das Weiterbestehen einer christlichen Gemeinschaft. Ist die Kirche Gottes Werk, wird sie bestehen, ist sie Menschenwerk, mag sie vergehen.

 

Das Evangelium der Barmherzigkeit

Die zentrale Botschaft des „Bruder Jesus“ aus Nazareth sind die Seligpreisungen. Die Geringsten werden selig gesprochen, aufgerichtet, wertgeachtet. Ausgerechnet die „geistlich Armen“ werden da an erster Stelle genannt. Seit Jahrhunderten streiten sich die christlichen Schriftgelehrten, wer da gemeint sein könnte. Ich möchte darunter auf jeden Fall auch Gottsucher, Ungläubige, Agnostiker und Areligiöse verstanden wissen. Eben alle, die als Bettler vor Gott stehen, wozu wir sicher auch gehören. Mit allen zusammen haben wir die Verantwortung für den Mitmenschen und alle Mitgeschöpfe. Gerade die Barmherzigen nennt Jesus selig.

Auf die Frage eines Schriftgelehrten „Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“ (Lk. 10,25) antwortet Jesus: „Liebe Gott von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst!“ Aber „wer ist denn mein Nächster?“ Jesus gibt keine theologische Antwort, sondern erzählt eine Beispielgeschichte von einem barmherzigen Mitmenschen. Nein, der ist keiner mit demselben Glauben, kein Landsmann, kein Einheimischer, keiner vom eigenen Volk, von der eigenen Rasse, sondern ein Fremder, ein Andersgläubiger ein Ausländer. Ausgerechnet ein Samaritaner, sagt Jesus, sei der barmherzigste gewesen. Ausgerechnet einer hilft, von denen es in der Bibel heißt: „Die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritanern“ (Joh. 4,9). Und Joh. 8,48: „Die Juden sagen, du bist ein Samariter und hast einen bösen Geist!“ Selbst Jesus sagt bei der Aussendung zu seinen Jüngern: „Geht in keine Stadt der Samariter!“ (Mt. 10,5)

Als die Samariter Jesus und seine Jünger nicht aufnahmen, waren Jakobus und Johannes so sauer, dass sie Feuer vom Himmel auf sie herab wünschten. (Lk. 9,53). Als die Samaritaner den Juden Mithilfe beim Wiederaufbau des von den Babyloniern zerstörten Jerusalemer Tempels anboten, lehnten diese ab. Auch waren die Samaritaner offenbar bei den Römern mehr angesehen als die Juden, was zu weiteren Zerwürfnissen führte. Historische Tatsache ist, dass Pilatus vom römischen Legaten in Syrien, Vitellius seines Amtes enthoben wurde, weil er ein Aufbegehren der Samaritaner mit einem unverhältnismäßigen Blutbad ahndete. Übrigens berichtet das NT (Lk. 17,11-19), der einzige der von Jesus geheilten zehn Aussätzigen, der zurückkehrte, um sich zu bedanken, sei ein Samariter gewesen. Einer, von dem wir’s nicht erwartet hätten.

 

Barmherzigkeit geschieht auf Augenhöhe

Wir sollten unsere eigenen Maßstäbe von Gut und Böse in der Beurteilung unserer Mitmenschen aus der Hand legen, weil Jesus sie längst selig gesprochen hat. In der abendländischen Tradition wird die Barmherzigkeit meist durch den Heiligen Martin repräsentiert. Er trennte einem darbenden und frierenden Bettler einen Teil seines Mantels ab und reicht ihn ihm vom Pferd herunter. Eine verehrungswürdige und gute Tat, die den Gläubigen als Vorbild dient. Der barmherzige Samariter in Jesu Gleichnis wendet sich dem unter die Räuber Gefallenen nicht vom „hohen Ross“ zu, sondern steigt von seinem Reittier und legt den Verwundeten darauf.

Barmherzigkeit, Nächstenliebe ist nicht Ritterlichkeit, nicht nobel, edelmütig oder hochherzig. Hochwürden und Honoratioren gehen vorüber. Barmherzigkeit geschieht auf Augenhöhe, auf dem Boden der Wirklichkeit, im Angesicht des Elends. Paulus schreibt an die Gemeinde in Philippi über Jesus: „Er entäußerte und erniedrigte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an.“ Dagegen stehen Raubritter, Kreuzritter und Ritterkreuz für Macht und Gewalt.

Barmherzigkeit spielt in fast allen Religionen eine zentrale Rolle. In Judentum, Christentum und im Islam. Im Hinduismus wird Gott als ein Ozean an Gnade und Barmherzigkeit beschrieben. Barmherzigkeit ist nicht nur Mitgefühl, sondern tätige Nächstenliebe. Im Buddhismus kommt Barmherzigkeit aus Einsicht. Sie ist keine religiöse Pflicht. Aber, sie ist die Notwendigkeit für das künftige Zusammenleben der Menschen und Überleben der Menschheit.

Jesus wurde am Kreuz in die tiefste menschliche Würdelosigkeit getreten. Josef Beuys hat das in seiner höchst umstrittenen „Kreuzigung“ von 1962 sehr eindrücklich dargestellt. Er verwendete als Materialien ausschließlich Müll, also Verbrauchtes, Weggeworfenes, Ausgestoßenes. Folter und Hinrichtung sind die tiefste Tiefe menschlichen Seins. In dieser Erbärmlichkeit kann der in allen Religionen schlummernde Same der Barmherzigkeit wieder keimen.

 

Ulrich Kadelbach

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2020

1 Kommentar zu diesem Artikel
21.03.2020 Ein Kommentar von Hesekiel, Walter Der Wandel von der Romanik zur Gotik bringt einen neuen Baustil und ein neues Christus-Bild. im Allgemeinen hat man am romanischen Bau gotisch weitergebaut. Das Kruzifix konnte man eher auswechseln - wo Geld vorhanden war. In Unterriexingen hat man eine preiswertere Lösung gefunden. Der romanische Christus wurde im Bein-Bereich umgebaut vom Vier - zum Dreinageltyp. Bei der letzten Restaurierung hat das Denkmalamt dafür gesorgt, dass das ästhetische Unikum erkennbar blieb. Denkbar wäre ja auch ein Rückbau ins Romanische gewesen oder eine Perfektionierung ins Gotische. (Dazu eine autobiographische Anmerkung. Ich habe mal in einer Simultan-Dorfkirche amtiert. Da haben wir für jeden Gottesdienst umgerüstet. Hoch oben in der Apsis leuchtete den Katholiken ihr ewiges Licht, und ganz unten zogen die Protestanten den Stecker raus. Auch dieses Kuriosum sollte für die Nachwelt erhalten bleiben und ist eine Mitteilung im Pfarrerblatt wert. Aber wie teilt der Autor uns das mit? "Sie haben Jesus die Beine gebrochen, weil es der Zeitgeist so wollte" Ist der Christus neuerdings auch im Holz des Kruzifixes realpräsent? "ein gewaltiger kultureller Eingriff in das Jesusbild... beileibe nicht das einzige Beispiel solch geistiger Korrumpierung durch den Zeitgeist" Nehmen wir uns die Ikonen zum Vorbild. Da ist der Bildinhalt theologisch normiert, und der Zeitgeist dauerhaft ausgesperrt. Dafür sind die dargestellten Personen alle so ähnlich, dass man ohne erklärende Bild-Titel nicht auskommt. Wir müssten uns dann nur noch darüber einigen, welche Stilepoche wir kanonisieren wollen. Kriegen wir das hin ohne unfehlbares Lehramt?
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