Ich mag es nicht mehr hören (und habe letztes Jahr bis Pfingsten gewartet, ob sich das Gefühl mit dem Abstand zur vorösterlichen Zeit bessert): „Wir stehen mitten in/am Ende/ganz am Beginn der Fastenzeit“: In Gemeindebriefen, Predigten, Worten zum Alltag in den Zeitungen, fast überall immer „Fastenzeit.“ Nichts von, höchstens im Nachsatz, „Passionszeit“.

„Fasten und leiblich sich bereiten ist wohl eine feine äußerliche Zucht“ – habe ich gelernt, in der Schule oder im Konfirmandenunterricht. Man mag es als frühe Schädigung sehen, dass ich meine, dass Luther das Fasten nicht wirklich unterstützt hat, wenn auch dieser Satz im Kleinen Katechismus für Luther ziemlich kompromissbereit klingt. Irgendwie so „nicht ganz und nicht wirklich immer schlecht“, aber eben „nicht notwendig.“

„Passionszeit“ hieß es früher, und die Namen der Sonntage vor und in dieser Zeit sind auch nach der Revision der Perikopenordnung nicht auf „Fasten“ geändert. Aber Passionsandachten sind entweder eingestellt oder ziehen nur einen kleinen Kreis an, Passionslieder dominieren die Gottesdienste vor Ostern nicht wirklich. Nein, ich werde jetzt nicht theologisch und historisch und systematisch den Worten nachgehen und damit einen Streitschauplatz eröffnen, auf dem sich (und mich) die Besserwissenden schlagen und darüber der eigentlichen Frage ausweichen können, der Frage nämlich: Was steckt hinter diesem Wandel?

Nicht eine Hinwendung (manche würden sagen „Anpassung“, „Anbiederung“ oder gar „Unterwerfung“) an die katholische Kirche. Die hat ihre eigenen Probleme und viel von ihrer Anziehung verloren. Ich finde andere Motive, die in ihrer Verbindung die Geschwindigkeit des Umschwenkens erklären:

1. Mit der Passion haben Theologinnen und Theologen seit Jahren Probleme. Die Sühnopfervorstellung wird (zu Recht) theologisch, biblisch und psychologisch problematisiert. Geblieben ist nach dem Verdrängen dieser Deutung eine Leerstelle, durch die die Passionstraditionen wie die meisten Passionslieder fallen. Weder bei Traditionen noch bei Liedern ist viel Neues entstanden: „Korn, das in die Erde…“ und ein paar andere. Der Liederwettbewerb der EKKW hat m.E. viel Poetisches und wenig Singbares erbracht. Unsere Theologie reimt sich anscheinend nicht; wo es sich reimt, ist es nicht unsere Theologie.

2. Mit der Botschaft „für Euch“ haben Menschen Probleme, die für sich und allein sein und mit dem Leben fertig werden wollen. Das aber wäre das Minimum der Passionsbotschaft. Auch dieses Minimum würde verlangen, in der Passionszeit von uns weg auf einen anderen und das zu sehen, was der für uns tut und getan hat. Darin würde sich auch das Bild Gottes verändern, der etwas für uns tun und sein will. Aber zu verkünden, dass „wir Menschen“ nicht ohne Gott sein und leben könnten, ist anspruchsvoll und erfordert viel Fingerspitzengefühl und ein Nachdenken über die Autonomie des Geschöpfes und seine Angewiesenheit auf den Schöpfer trotz alledem.

3. Fasten hingegen ist das Sakrament der neuen Religion „Essen.“ Wir tun was für uns, die Linie, die Gesundheit, die Selbstbesinnung und die Neuausrichtung. Kurz: Wir optimieren uns und unser Leben und zeigen zugleich, wozu wir fähig sind. Selbst zum Verzicht. Uns zugute, ja, und nicht leicht: eine eigene Form von Leiden.

Kurz: Ich meine, mit dem Wandel der Passions- zur Fastenzeit hat sich die Blickrichtung des frommen Menschen von einem anderen auf uns selbst geändert. Kirche hat sich dem angepasst, weil sie unfähig war, eine neue Passionstheologie zu begründen. Ich meine, sie gibt damit die notwendige Fremdheit ihrer Botschaft auf, die sie unterscheidbar und manches an dieser Botschaft neu und anders als die gängigen Botschaften machen würde. Ich finde das mindestens schade, auch wenn ich dem Fasten durchaus einiges abgewinnen kann.

Wir sollten also über unsere theologische Deutung des Passionsgeschehens nachdenken. Vielleicht hülfe es, statt des Leidens Christi das veränderte Bild Gottes in den Mittelpunkt zu stellen. Ein Mit-Leidender, keineswegs überlegener strahlender Siegergott. Gott, der bittet: „Wacht mit mir“. So ähnlich hat Bonhoeffer gedacht (Wolfgang Huber).

„Sieben Wochen ohne“, ja, aber mit Themen, die nicht um mich und „den Menschen“ kreisen und die etwas von dem Widerständigen der Passionszeit bewahren. Kann sein, die Aktion wäre schwerer zu vermarkten, aber das könnte auch ein Hinweis sein, dass man auf dem richtigen Weg ist.

 

Martin Ost

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2020

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