1. Oktober 2000, Galater 5,25-26; 6,1-3. 7-10
15. Sonntag nach Trinitatis

Von: Kurt Rainer Klein
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I. Die Last des Anderen In Galater 6, 2: »Einer trage des Andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen«, bringt Paulus das »Leben im Geist« auf den Punkt. Er fokussiert das Leben im Machtbereich des Geistes unter dem Gesichtspunkt, wie die christliche Gemeinde einer/einem der Ihren begegnen soll, die/der sich in Schuld verfehlt hat. Nichts anderes meint Paulus mit »Lasten«, die so schwer belasten können, dass die- oder derjenige unter ihnen zu zerbrechen droht. Sich dieser/diesem Schwachgewordenen anzunehmen und sie/ihn wieder aufzurichten durch einfühlsames Sich-Hineinversetzen in deren/dessen Lage, bedeutet die fremde Last zur eigenen zu machen (6, 1). In der Solidarisierung mit dem, der sich verfehlt hat, erfüllt sich das Gesetz Christi, der sich den Schuldiggewordenen rettend zugewendet und ihnen ihre Lasten abgenommen hat. Das Gesetz Christi erweist sich als das Tun des Evangeliums darin, dass es nicht verurteilt und verdammt, sondern dem »pro nobis« im Hier und Jetzt im Annehmen und Aufrichten der Schwachgewordenen nachfolgt (Vgl. Jes. 42, 3 - geknicktes Rohr, glimmender Docht). II. Meine eigene Last In diesem interaktiven Spannungsfeld der Gemeinde gilt es auch, den Blick auf die eigene Person zu richten, die in den gleichen Versuchungen wie alle Gemeindeglieder steht (6, 1). Niemand wird sich rühmen können, ohne eigene Last über den anderen zu stehen, obgleich die Gefahr nicht von der Hand zu weisen ist (6, 5). Vergleiche zu ziehen, um als die/der Bessere dazustehen, verbieten sich der/dem Selbstkritischen (6,4). So erübrigt sich einerseits, sich im eigenen Geltungsdrang aufzublasen und seine Mitchrist(inn)en mit seinen vermeintlichen Vorzügen zu provozieren und andererseits, sich in gekränkter Selbstliebe vor Konkurrenzneid aufzufressen (5, 26). Paulus unterscheidet den Machtbereich des Geistes vom Machtbereich des Fleisches: Die Werke des Fleisches (siehe 5, 19-21) führen zum Verderben, die Frucht des Geistes (siehe 5, 22f) zum ewigen Leben. Die »Werke« resultieren offensichtlich aus der ich-zentrierten Selbstbestimmung und entspringen der gottlosen Selbstherrlichkeit, die »Frucht« hingegen ist das Geschenk der Ausrichtung am Geist. So hängt die Ernte davon ab, worauf man sät (6, 8). »Wenn (=Angabe der Realität) wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln«, bestimmt das christliche Leben als Christus-orientierte Nachfolge, die sich an der Heilstat Christi ausrichtet und der Weisung des Gekreuzigten und Auferstandenen verpflichtet weiß (5,24). III. Gottes »Last« Niemand erliege der Selbsttäuschung im Blick auf Gottes Gericht (6, 7)! Das Bild vom Säen und Ernten verdeutlicht hier den Tun-Ergehen-Zusammenhang: Der Mensch ist »seines Glückes eigener Schmied« und wird damit bei seiner Verantwortlichkeit behaftet. Mit der Ermunterung »Gutes zu tun« verbindet Paulus die Gewißheit der Ernte, sofern die Müdigkeit und Kraftlosigkeit überwunden werden (V 9). Dass die Zeit begrenzt ist, in der das Gute getan werden kann, ist eine Entlastung. Das Gute komme allen zugute und doch vorrangig den Glaubensschwestern und -brüdern. (6, 10) Vielleicht deswegen, weil die Gemeinde die Bühne darstellt, auf der Gal. 6, 2 unter den Augen der Welt aufgeführt wird! Wo sonst steht Gottes Anwesenheit in der Welt mehr auf dem Prüfstand als in seiner Gemeinde. Wo sonst wird sein Geist mehr erwartet, als im Umgang der Schwestern und Brüder miteinander? IV. Die »Last« der Prediger Auf die Sprache ist zu achten; der Indikativ vom Imperativ zu unterscheiden; mit positiven Beispielen zu ermutigen; die Hörer »Entlastung« spüren lassen. »Einer trage des Anderen Last« ist mit all seinen Facetten in unserem gesellschaftlichen wie auch christlichen Zusammenleben nach wie vor ein neuer Gedanke. Ich würde mich in der Predigt auf diesen Gedanken und seine positiven Früchte konzentrieren. Werner Bergengruen erzählt die Geschichte »Das Netz«: »Auf einer Insel im Mittelmeer gilt noch ein altes Gesetz, nach dem jede des Ehebruchs überführte Frau vom Felsen zu Tode gestürzt wird. So soll es auch der Frau des Fischers ergehen, die nach ihren eigenen Worten von einem fremden Seemann »wie in einem Netz gefangen« worden war. Dass sie am Ende mit dem Leben davon kommt, verdankt sie ihrem Mann, der sie an der Stelle des Absturzes mit seinen Netzen auffängt, und dem abschließenden Freispruch der Markgräfin, die der Frau ihr goldenes Haarnetz übergibt - zum Zeichen, dass sie eine Gefangene bleibe der Liebe ihres Mannes.«

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2000

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