Fragen und Probleme rund um kirchliche Reformprozesse (II) - Eine kleine Bilanz
25 Jahre Reform in der EKHN

Von: Christoph Bergner
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Innerhalb des in der letzten Ausgabe des DPfBl von Friedhelm Schneider entwickelten kirchlichen Koordinationschemas nimmt Bergner eine gemeindetheologische, Theologie und Selbstregulierung betonende Position ein. Diese ist verknüpft mit der Forderung nach Rationalisierungsprozessen der Bürokratie. Christoph Bergner führt aus, dass gerade in der Administration der Kirche große Rationalisierungspotenziale schlummern.

Seit Mitte der 80er Jahre wird in der Evang. Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) über nötige Reformen diskutiert. Viele Maßnahmen sind umgesetzt worden, viele sollen noch nötig sein, um die Kirche wirklich zukunftsfest und -tauglich zu machen. Mehr als 25 Jahre sind vergangen – eine Zeit, die einerseits überschaubar ist, andererseits auch langfristige Entwicklungen sichtbar machen kann. Eine gute Gelegenheit also, Bilanz bzw. Zwischenbilanz zu ziehen.

Der Kirche geht das Personal aus

Nach 25 Jahren Reform gibt es ein immer drängender werdendes Problem: Der Kirche geht das Personal aus. Schon 2007 verkündete die Stellvertretende Kirchenpräsidentin einer verblüfften Synode: »Nach Einsicht der Kirchenleitung … ist erkennbar, dass 30% dieser Pfarrstellen (Gemeindepfarrstellen der EKHN, Ergänzung des Vf.) nicht zu besetzen sind. Da können wir gerne gemeinsam überlegen, wie wir uns der Situation stellen. Dass das etwas Provozierendes hat, sich mit dieser Realität auseinanderzusetzen, das ist gar keine Frage. Da müssen wir dran.«

Provokation? Was würde wohl passieren, wenn ein Vorstand der Hauptversammlung ein solches Ergebnis langfristiger Planungsbemühungen präsentierte und dieses Ergebnis auch noch als Provokation deklarierte? Direkt gefragt: Was lassen sich landeskirchliche Synoden eigentlich alles gefallen? Dennoch: Diese Provokation soll in den folgenden Erörterungen aufgenommen werden. Sollten die Reformer die zukünftigen Mitarbeiter vergessen haben? Was 2007 für den Pfarrdienst gesagt wurde, gilt inzwischen auch für andere kirchliche Dienste. Es wird zunehmend schwerer, Kantorenstellen zu besetzen. Ähnliches gilt für den großen Bereich evang. Kindertagesstätten: Personal, das der Arbeit ein evangelisches Profil geben könnte, ist immer weniger zu finden. In der ambulanten Pflege deutet sich eine vergleichbare Situation an.

Die Situation betrifft nicht nur die EKHN. Aus Bayern etwa wird berichtet: »Die aktuelle Statistik über die Vakanzquote in der bayerischen Landeskirche zeigt, dass in einigen Dekanaten vor allem in Oberfranken und in der Oberpfalz Vakanzquoten von 20 bis fast 30% erreicht werden und keine Entspannung abzusehen ist, weil Bewerbungen ausbleiben.«1

Was ist in den letzten 25 Jahren geschehen?

In der EKHN begann die Reformbewegung mit der Veröffentlichung von »Person und Institution«. Die Schrift reiht sich ein in eine Fülle von ähnlichen Publikationen in der EKD und ihrer Gliedkirchen. Sie alle gingen von den gleichen Voraussetzungen aus:

1. Die Kirche hat viele Mitglieder durch Kirchenaustritt verloren.

2. Der demografische Wandel wird den Mitgliederschwund beschleunigen.

3. Die Finanzkraft der Kirche wird langfristig abnehmen.

4. Die klassische Arbeit der Kirche in den Gemeinden entspricht nicht mehr der Lebenswelt der Kirchenmitglieder.

Der Ton der Reformbemühungen war immer dramatisch. Ein Zuwarten würde – so der Tenor – verheerende Folgen haben. Diese hohe Brisanz, die immer noch zitiert und bemüht wird, wenn neue Reformschritte angemahnt oder umgesetzt werden, begleitet die Diskussion über ein Vierteljahrhundert.

Welche Folgerungen zog die EKHN aus den Analysen?

In der EKHN wurde den Kirchengemeinden bescheinigt, dass sie nicht genügend Menschen mit ihrer Arbeit erreichen. Deshalb müssten die Strukturen geändert und Kompetenzen auf die »mittlere Ebene« verlagert werden. Dieser Prozess begann im Jahr 2000. Auf der Ebene des Dekanats wurden sog. Profil- und Fachstellen für Ökumene, Bildung, Gesellschaftliche Verantwortung und Öffentlichkeitsarbeit geschaffen. Ihre Verwirklichung wurde an größere Dekanate gebunden. Zunächst sollten nur Fusionen genehmigt werden, die zu Kosteneinsparungen führen; später waren sie auch möglich, wenn sie keine Mehrkosten verursachen; heute dürfen sie kosten, was sie wollen. Bis zur Herbst-Synode 1997 sollte die Mindestgröße eines Dekanats 40.000 Mitglieder betragen, später wurde sie auf 60.000 bis 70.000 erhöht. Inzwischen plant man noch größere Dekanate. Den Fach- und Profilstellen wurden Arbeitszentren zugeordnet, die die Arbeit koordinieren und Qualitätsstandards sichern sollen, und ein Investitionsprogramm in sog. »Häuser der Kirche« sollte der neuen Struktur einen angemessenen baulichen Ausdruck verleihen. Bei der weiteren Verringerung von 60 Dekanaten (1997) auf 25-28 im Jahr 2016 wird sich auch die Frage nach dem Schicksal vieler solcher Häuser stellen.

Im Gemeindepfarrdienst wurden 1240 Pfarrstellen (1997) bis 2007 auf 1034 reduziert. Bis 2025 ist eine Reduktion auf 776 Stellen geplant. Im Vorfeld dieser neuerlichen Stellenkürzung haben im Frühjahr 2012 17 Dekanatssynoden die EKHN-Synode gebeten, sich an den bisherigen Beschluss einer jährlichen Kürzung um 1% zu halten. Es regte sich Widerstand auf Gemeindeseite2.

Während die Kirchenleitung in der EKHN am eingeschlagenen Kurs unbeirrt festhält, gibt es andernorts schon kleine Veränderungen. 2011 hält Herbert Dieckmann, Hannover, fest: »Wir sind sehr erfreut, dass die Kirchenleitung nun einsieht, was wir ihr schon vor genau fünfzehn Jahren bei den demütigenden Auseinandersetzungen um Besoldungskürzung, Dienstwohnungs-Überzahlung, Pfarrstellenstreichung, Abweisung examinierter Pfarramtsbewerbern, Pastoren-Bedrückung durch Ephoren und KV sowie pausenloser Pastorenschelte vergeblich vorgehalten haben: Pastorinnen und Pastoren sind für unsere Gemeinden nicht überflüssige (und daher bedenkenlos einzusparende) Kostenträger, sondern vielmehr zentrale Koordinatoren und unersetzliche Begleiter der gesamten Gemeindearbeit, was unsere Gemeindeglieder schon immer wussten.«3

Die Kirche als Organisation

Doch es geht um mehr. Der Umbau der Kirche ist deshalb von Brisanz, weil damit eine Neukonzeption des Kirchenverständnisses einhergeht. Die Spardebatte dient – wie die faktisch positive Entwicklung der EKHN-Kirchensteuern zeigt – als Vorwand, um Änderungen durchzusetzen. Was zeichnet die neue Sicht auf Kirche und Gemeinde aus?

Die evangelische Kirche betrachtet sich als Großunternehmen, das mit strategischen Zielsetzungen gesteuert werden muss. Die Aufgaben der Gemeinden werden nach funktionalen Gesichtspunkten beschrieben. In der EKHN werden sie in den sog. Profil- und Fachstellen abgebildet. Werden diese Aufgaben näher beschrieben, so stellt sich die Frage nach der angemessenen Ausstattung und Umsetzung. Werden entsprechende Qualitäten und Standards definiert, kann die Gemeinde die gewünschten Aktivitäten nicht mehr allein wahrnehmen. Sie braucht also Unterstützung. Diese Unterstützung leistet das Dekanat. Deshalb wird es mit zusätzlichem Personal ausgestattet, das nun für die Gemeinden und das Dekanat arbeiten soll. Das Spezialwissen, das Bildungsarbeit oder gesellschaftspolitische Anliegen erfordern, wird eher von Nicht-Theologen erwartet. Deshalb werden Pfarrstellen umgewidmet und nun von Publizisten, Soziologen oder Pädagogen besetzt. Die Gemeinden ihrerseits sollen sich vernetzen und auf bestimmte Aufgaben konzentrieren, die sie auch in Zukunft noch erfüllen wollen. Die genannten Aufgabenfelder stehen gleichberechtigt nebeneinander, alle dienen der »Kommunikation des Evangeliums«4.

Das organisatorische Dilemma

Dieses Konzept hat gravierende Folgen: Es bedarf einer hohen Koordination. Da grundsätzlich jede kirchliche Aktivität zentrale Bedeutung für die Weitergabe des Glaubens haben kann, ist ihre Wirkung zu evaluieren. Das Dekanat muss daher mit neuen Entscheidungsbefugnissen ausgestattet werden, für die zusätzliche finanzielle Mittel bereitgestellt werden. Neben der organisatorischen Aufgabe ist ein permanenter innerkirchlicher Diskurs nötig. Die Steuerung dieses Prozesses ist eine wichtige Aufgabe der kirchenleitenden Gremien. Sie müssen nun die unterschiedlichen Erfordernisse der Dekanate aufgreifen, ihrerseits Impulse geben und in Synoden durchsetzen. Das wiederum geht nicht ohne eine Stärkung der Leitungsorgane. Im geschilderten Modell entsteht eine Kirche mit aufwendigen Strukturen und einer klaren Hierarchie.

Doch das Konzept hat erhebliche Schwächen. Es bricht mit dem protestantischen Prinzip, dass die Kirche aus den Gemeinden, den lokalen Zusammenschlüssen herauswächst. Kleine Einheiten kommen mit wenig Bürokratie aus und schaffen über persönliche Beziehungen Vertrauen und Nähe. Da letztlich die Kirchenleitung alle wichtigen Entscheidungen trifft, verabschieden sich immer mehr Mitarbeitende aus der innerkirchlichen Dauerdebatte. »Die Kuh wird so lange im Kreis herum geführt, bis sie zusammenbricht«, stellte einmal der Vorsitzende des Finanzausschusses der EKHN fest. (Auch er hat sein Amt inzwischen niedergelegt.) Der Stärkung der Leitungsorgane entspricht die Schwächung der ehrenamtlichen Arbeit in Kirchenvorstand und Synode. Die Fluktuation in den Gremien steigt, die Qualität sinkt.

Die EKHN liegt auf der Linie des EKD-Papiers »Kirche der Freiheit« (2006). Um die Urteilsfindung nicht beliebig werden zu lassen, müssen bestimmte Vorgaben gemacht werden. Beispielsweise wird dort die Erhöhung des sonntäglichen Gottesdienstbesuchs von 4% auf 10% der Gemeindeglieder vorgeschlagen.

Ein besonderes Problem der Standardisierung besteht darin, dass die kirchlichen Strukturen ständig an neue gesellschaftliche Verhältnisse angepasst werden sollen. Die kirchenleitenden Organe sind also dauerhaft damit befasst, neue Standards zu kreieren. Die ständige Selbstbeschäftigung kirchlicher Gremien wird zu einem wichtigen Bestandteil des Systems.

Für die Gemeinden und Einrichtungen vor Ort gilt es nun, den wechselnden Vorgaben zu entsprechen, um weitere Mittel für ihre Arbeit zu erhalten. Die EKD etwa hält einen Abbau von 50% der Kirchengemeinden für notwendig. Die EKHN ist mit ihren Kürzungsvorstellungen also noch moderat. Das Konzept bedeutet nicht nur einen kirchlichen Dauerstress, sondern zugleich einen enormen Verbrauch an Ressourcen.

Das ekklesiologische Problem

Die Reformen beruhen auf einem Kirchenverständnis, das der Zürcher Systematiker Walter Mostert (1936-1995) in seiner evangelischen Ekklesiologie kritisch beschrieben hat: »Lange Zeit hat es in der Rezeption vom … soziologischen Gesellschaftsmodell als der letzte Schrei gegolten, Kirche nur noch von ihrer sozialen, empirischen, gesellschaftlichen Seite und Rolle her zu verstehen, also als eine sekundäre Institution. Heute wirkt sich diese Monomanie an der Kirche verheerend aus, weil die Kirche eine religiöse Gemeinschaft ist, zu deren empirischen Bestand eben dieser religiöse Kern vonnöten ist.«5 (Mosterts Analyse erklärt, warum die heute umgesetzten Reformen aus den 70er Jahren stammen. Sie sind kurioserweise von Anfang an ein Anachronismus gewesen.) Von den sekundären Institutionen gilt für Mostert, dass sie zu einem sozialen Gebilde gehören, aber »ihr Wesen nicht selbst und eigens darstellen.«6 Ihnen stellt er die primären Institutionen der Kirche gegenüber: Predigt, Abendmahl, Taufe und Gebet. Kritisch fragt er: »Ist die Erscheinung der Kirche in ihren sekundären Institutionen, die heute als Inbegriff des Repertoires der Kirche, ihres Weltbezugs angesehen wird, nicht in Wahrheit abstrakt und daher auch wirkungslos, weil in ihr ja das spezifisch Kirchliche weitgehend verdeckt ist?«7

Das Interesse an den sekundären Institutionen erklärt Mostert mit dem Versuch der Kirche, sich »der Zeit anzupassen, ihren politisch-sozialen-ethischen Nutzen zu zeigen, also die Kirche rein funktionalistisch zu betrachten und sie dadurch der Mitwelt zugänglich und akzeptabel zu machen. … Die Kirche versteht sich nur aus ihrer Funktion heraus.«8 Am Beispiel der Seelsorge verdeutlicht Mostert seine Kritik. Mitte der 60er Jahre wanderte die Seelsorge aus der geistlich-religiösen Sprache aus und wandte sich der Psychologie und der Psychotherapie zu. Das Spezifische der kirchlichen Seelsorge, das den Glauben und das Gottesverhältnis des Menschen in den Blick nimmt, trat in den Hintergrund. Doch die Arbeit des Pfarrers wurde nicht – wie erhofft – attraktiver. Nicht der Pfarrer, sondern der psychotherapeutische Spezialist war nun gefragt.9 In der Funktionalisierung ihrer Arbeit enthält die Kirche der Welt und den Menschen ihre spezifische Erfahrung vor, »den Glauben, das also, wessen die Welt bedarf und was die Welt wirklich verändern würde.«10 Sie selbst aber gerät in eine Identitätskrise. »Sie leiht sich gleichsam ihre Identität aus, läuft in Kleidern herum, die gar nicht die ihren sind und ihr am Leibe schlottern oder ihr viel zu eng sind.«11

Die scheinbare Objektivität, die die Formulierung von Standards suggeriert, existiert in Wahrheit nicht. Der Funktionalisierung der Kirche entspricht eine Subjektivierung des Glaubens. In ihrem Bemühen den Bedürfnissen der Zeitgenossen und dem gesellschaftlichen Wandel gerecht zu werden, lässt sich die Kirche auf den »subjektivistischen Geist der Neuzeit«12 ein. Dass die Zeitungsmeldung über die Kirche die gleiche theologische Dignität wie der Sonntagsgottesdienst im ekklesiologischen Programm der Kirche bekommen konnte, ist nur über die Wahrnehmung von kirchlicher Arbeit aus der Sicht persönlicher Betroffenheit möglich. Dass der Gottesdienst an sich eine Qualität hat, die ihn von anderen Vollzügen der Kirche grundlegend unterscheidet, ist aus dem Blick gekommen. Entsprechend hält es auch beispielsweise die Impulsstudie der EKD für sinnvoll, an die Stelle des theologisch ausgebildeten Pfarrers ein Netzwerk von Prädikanten zu setzen, die ortsunabhängig eingesetzt werden können. Der Widerspruch zwischen den objektiven Standards, die sich auch in vielen ökonomischen Ansprüchen dokumentieren, und der Subjektivierung des Glaubens lässt sich nicht auflösen. Es sei denn, man schafft eine Kirchenleitung, die jeweils bestimmt, welcher Subjektivierungsschub gerade gewünscht und standardisiert wird.

Die Subjektivierung der Kirche

Entscheidend für unseren Zusammenhang ist, dass scheinbar objektive Kriterien eine ganz subjektiv empfundene Religionsausübung hervorbringen. So verweisen die Planer in den Kirchenämtern denn auch immer wieder auf die ausdifferenzierte Gesellschaft und die Individualisierung der Lebensformen, auf die die Kirche in ihrer Arbeit eingehen müsse. Mostert hat die Problematik der Subjektivierung scharfsinnig beschrieben: »Gegen den Bezug des Menschen auf Gott, der das Wesen der Religion ist, setzt sich ein Bezug des Menschen auf sich selbst durch, der als Religion auftritt, aber irreligiös ist … Wir können heute diese Phänomene als Religion ohne Gott beobachten. Religion ist rein subjektives Gefühl, Selbsttranszendierung des Menschen, ohne daß in dieser Transzendenz etwas anderes gesucht wird oder getroffen wird als das Ich.«13

Mosterts Überlegung zeigt die Gefahr subjektiver Zugänge: Wo Religion nur noch als Selbsterfahrung erlebt wird, ist die Gemeinschaft der Kirche bedroht oder doch nur noch als Gemeinschaft Gleichgesinnter möglich. Entsprechend hoch ist die immanente Gefahr der Ausgrenzung Andersdenkender. Die Verdrängung wichtiger kirchlicher Gruppen aus den Leitungsorganen der Kirche gehört zu den Konsequenzen.

Die Subjektivierung macht die Kirche auch im Umgang mit ihrer Herkunft anfällig. Der Reformeifer vieler Synoden und Kirchenleitungen erweist sich als traditionsresistent. Es gilt geradezu als besonders reformfreudig, wenn uralte Traditionsbestände der Kirche aktuellen Bedürfnissen geopfert werden. Die Schließung von Kirchen oder der Verkauf von Pfarrhäusern gilt als besonders entscheidungsfreudig. Kürzlich erklärte ein Propst auf einer Dekanatssynode, er habe Angst vor der »Pfarrerkirche«. Die Streichung von Gemeindepfarrstellen käme den Gemeinden zugute.

Schließlich sei auf die Ideologieanfälligkeit des funktionalen Kirchenverständnisses hingewiesen. Jesus hat keine neue Religion verkündigt. Das »Christentum ist in seinem Ursprung mit einem Minimum an Institution, Kult, Ritus ausgekommen … Die Kirche hatte einen Herrn, einen Glauben als Gottesverhältnis, aber keine Ideologie.«14 Die Kirche der Funktionen dagegen ist verliebt in ihre Selbstdarstellung, ihre gesellschaftliche Relevanz, ihre öffentliche Wirksamkeit. Sie misst ihre Bedeutung in Umfragen und Untersuchungen. Sie macht sich abhängig von Stimmungen in der Gesellschaft.

Die Stärke, der seit einem Vierteljahrhundert vorgetragenen Argumente liegt darin, dass sie kaum widerlegbar sind. Denn jedem Kritiker kann vorgehalten werden, dass er eben in einem milieuverengten Kirchenbegriff gefangen ist und die eigentlichen Aufgaben und Herausforderungen noch nicht erkannt hat. Die konsequente Orientierung an kirchlichen Defiziten, die man niemals wird beheben können, macht jeden Einwand obsolet. Die Reformideologie immunisiert gegen Kritik. Deshalb bedeuten alle Evaluationen nur eine Verschärfung der Gangart. Am offensichtlichsten ist dies bei den Ergebnissen der Mitgliedschaftsstudien der EKD oder auch bei der Evaluation der Mittleren Ebene der EKHN der Fall. Während alle diese Studien seit Jahrzehnten belegen, wie wichtig den Menschen die Gemeinde vor Ort ist, die Kirche, der Pfarrer/die Pfarrerin, Kindergarten und Diakoniestation, planen die Reformer an dieser einfachen Wahrheit vorbei.

Was bleibt nach 25 Jahren?

1. Der Selbstbeschäftigungsgrad der Kirche ist erheblich gestiegen. Funktionäre und Technokraten bestimmen die Tagesordnung. Wichtige Themen der Kirche wie z.B. die Bedeutung des Gottesdienstes, die Aufgabe der Seelsorge und des Religionsunterrichts standen seit 25 Jahren nicht mehr auf der Tagesordnung einer Synode.

2. Die Strukturveränderung an sich ist zum Prinzip kirchenleitenden Handelns geworden. Die Anlage dieses Prozesses löst ständig neue Reformen aus. Die Reform ist zur Dauerbeschäftigung geworden.

3. Insgesamt hat es keine Einsparungen gegeben, sondern Umschichtungen von unten nach oben. Verlierer sind die Gemeinden und der Pfarrdienst.

4. Die Sprache der Reform klingt ökonomisch. Doch die ökonomischen Ergebnisse sind dürftig. Die tatsächlichen Kosten sind hoch.

5. Der Verwaltungsaufwand ist gestiegen. Für seine Verwaltung gibt ein Dekanat etwa das Fünffache aus wie 20 Jahre zuvor. Vermutlich hat die Kirche noch nie so viel Geld für ihre Verwaltung ausgegeben wie heute. Vermutlich war ihre Organisation noch nie so schlecht und die leitenden Mitarbeiter noch nie so gut bezahlt.

6. Die Gemeinden werden zu Filialen der Kirche. Nachdem Kirchenmusiker, Gemeindepädagogen und Fach- und Profilstellen auf der Ebene des Dekanates angesiedelt worden sind, sollen nun die Gemeindepfarrstellen folgen. Sie werden zu Pfarrstellen der Region. Nach den Diakoniestationen sollen auch die Kindergärten aus den Gemeinden abgezogen werden.

7. Das Gegenüber von kirchlichen Mitarbeitern ist nicht mehr die Gemeinde und ihr Kirchenvorstand, sondern ein Gremium, das von der täglichen Arbeit weit entfernt ist und deshalb durch Dokumentationen und Präsentationen unterrichtet werden muss und sich vor allem als Kontrollorgan versteht.

8. Die Kirchenvorstände sind weitgehend entmündigt. Sie werden durch Ehrenamtsakademien darauf vorbereitet, die Arbeit zu übernehmen, die früher durch den Pfarrer gemacht wurde.

9. Die Fluktuation von Ehrenamtlichen ist gestiegen. Gerade kompetente Mitglieder ­haben die Synoden in den letzten Jahren verlassen. Der Niveauverlust und die hohe Fluktuation erleichtern die Durchsetzung von Reform­schritten.

10. Die EKHN hat in den letzten 5 Jahren nichts unternommen, um nachhaltig für pastoralen Nachwuchs zu werben. Das hat verschiedene Gründe. Einer darf dabei nicht übersehen werden: Die Zusammenlegung von Gemeinden, die Fusion von Dekanaten lässt sich besser durchsetzen, wenn kein Personal mehr da ist.

11. Die Dauerdebatte über die Zukunft der Kirche und die stetige Dramatisierung von Problemen machen die Kirche offenbar als Arbeitsgeber unattraktiv.

12. Die klassischen Organisationsvorteile der Kirche – flache Hierarchien, hohe Präsenz vor Ort, Selbstorganisation und intrinsisch motivierte Mitarbeiter – sind reduziert worden.

13. Die Reformen werden nicht von den Menschen und den Notwendigkeiten vor Ort her gedacht, sondern von Organisations- und Machtfragen her entwickelt. Sie wirken deshalb nur beschränkt nach außen. Die Evaluation der Dekanatsstrukturreform zeigte, dass das Dekanat kaum wahrgenommen wird. So erklärten etwa 82% der Kirchenvorstände und 71% der Gemeindeglieder, dass sie nicht die Region, sondern die Kirchengemeinde gestärkt sehen möchten. Vom Dekanat wussten nur 21% der Mitglieder bei starker Bindung, 10% bei mittlerer Bindung und 5% bei schwacher Kirchenbindung. Das ursprüngliche Ziel, gerade die Kirchenfernen durch die Dekanatsstrukturreform zu erreichen, wurde bislang verfehlt.

Anmerkungen:

1   Korrespondenzblatt, hrsg. vom bayrischen Pfarrer- und Pfarrerinnenverein in der evang.-luth. Kirche in Bayern, Nr. 6, Juni 2011, 97.
2   Vgl. Kirche ohne (pastorale) Zukunft, hrsg. von C. Bergner/D. Becker/F. Schneider, Resolutionen zur Pfarrstellenbemessung, 40ff, in: www.kirche-der-zukunft.de.
3   Herbert Dieckmann, 24.05.2012, file:///home/ kim/Arbeitsfläche/Hannover/Hannoverscher Pfarrverein » Berichte vom Pfarrvereinstag.
4   Perspektiven des Pfarrberufs, Diskussionspapier zum Konsultationsprozess in der EKHN, 2005.
5   W. Mostert, Jesus Christus – Anfänger und Vollender der Kirche, 2006, 29.
6   A.a.O., 21.
7   A.a.O., 21f.
8   A.a.O., 69.
9   Vgl. S. 70.
10  A.a.O., 70.
11  Ebd.
12  A.a.O., 71.
13  A.a.O., 36. 
14  A.a.O., 41.

Über den Autor

Pfarrer Dr. Christoph Bergner, Jahrgang 1957, Studium der Theologie, Philosophie und Musikwissenschaft in Tübingen und Rom, Promotion zum Doktor der Philosophie mit einer Arbeit über »Die Form der Präludien des Wohltemperierten Klaviers von J.S. Bach«, Pfarrer in Bensheim, 23 Jahre Mitglied der Synode der EKHN, davon 18 Jahre im Finanzausschuss, Autor des Buches »Die Kirche und das liebe Geld« (Calwer Verlag 2009).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2012

3 Kommentare zu diesem Artikel

15.08.2016
Ein Kommentar von Hans Scriba Pfr. i.R. 91J


Die EKD entspricht nicht mehr dem Glaubensbekenntnis. In 12. Generation als Pfr. das zu ereleben, tut weh. Reformationsfest ist eigentlich so kein Fest mehr. Kirche wird nur gebaut durch den Erlöser. Ich danke für diesen offenen Artikel, der leider nur von wenigen gelesen wird, weil z.B. meine Söhne in 13. Generation keine Zeit dazu haben.
26.03.2014
Ein Kommentar von Rudolf Kreck, Pfarrer und Dekan i.R,


Punkt 1 nennt die entscheidenden Punkte für "Kirche". Bis etwa 1985 war das auch durch die Kirchengremien so gesehen und wurde besonders gefördert. Neben geringer werdenden Ressourcen leiteten "Fusion" und "Selbstbeschäftigung" den Niedergang ein. Der Niedergang wurde in Frankfurt durch Pröpstin Helga Trösken brutal und massiv, diktatorisch und rücksichtslos betrieben. Dazu hat sie viele "prominente" Kirchensteuerzahler zum Kirchenaustritt geführt (Beispiel Bockenheim), auch noch die unter D.Trautwein aufgebaute Ökumene zerstört, den für die schwierige Öffentlichkeitsarbeit wirkenden Regionalverband nahezu aufgelöst und vieles andere. Konstruktive Impulse sind durch ihre Tätigkeit nicht erkennbar. Und doch hat die Kirche überlebt! Fazit: es fehlt oben noch ein Punkt über die Selbstzerstörung von Kirche.
28.03.2014
Ein Kommentar von Rudolf Kreck, Pfarrer und Dekan i.R.


Zu Punkt 8: In Konfliktsituationen aber sollen Kirchenvorstände über Sein oder Nichtsein eines Pfarrers/in entscheiden und sind mit dieser Personalentscheidung überfordert, weil sie nur ermessen können, was für eine Gemeinde gut oder nicht gut ist. Ich habe in der Christuskirche Bad Vilbel erlebt, dass Stimmungsmache und Lust am Streit dazu führen, dass ich als Pfarrer und gewählter Dekan aus Neid ohne jegliche Begründung und ohne mit mir jemals zu reden, beruflich nieder gemacht und meiner intakten sechsköpfigen Familie die Existenz entzogen wird, ohne dass die Kirchenleitung eine adäquate Alternative gesucht hätte. Der Jurist im KV. lässt abstimmen (aus Protest fehlten ein paar vom KV) leichter Stimmengewinn gegen mich und lässt aus Gründen der Solidarität nochmals abstimmen und mir wird von der Kirchenverwaltung vorgehalten, dass der KV einstimmig gegen mich sei, Gründe sind keine da. Ein namhafter Jurist in Wiesbaden ist über diesen Vorgang entsetzt. Ein anderer KV arbeitet für die Ausbildung der Religionslehrer und verpflichtet mich auf diesen Dienst besonders intensiv zu achten, was mir auch am Herzen liegt. Derselbe geht mit anderen KV gegen mich, weil ich dem jungen Vikar die Befreiung vom RU nicht befürworten kann, der anstelle vom RU lieber die Einzeltätigkeiten der Diakonie-schwestern verwalten wollte. Der Präses des Dekanates - ebenfalls im KV. - hat das Büro des Dekanates nicht ein einziges mal betreten müssen, weil ich alle Arbeiten, Probleme und Schreibarbeiten organisiert habe und ihm regelmäßig die Akten zur Unterschrift in seine Wohnung brachte. Er verkündet in einer Gemeindeversammlung (von Pröpstin Trösten initiiert!) globale Vorwürfe: Falsche Amtsführung und Amtsauffassung, Desinteresse am Dienst ohne Begründung. Vieles Andere und auch viele Falschaussagen gibt es in einer Akte in der Kirchenverwaltung zu lesen. Umfangreiche Gemeindearbeit wurde als Privatinteresse deklariert, die eigentliche Arbeit nicht erkannt. Um Ruhe und Frieden herzustellen habe ich freiwillig meine Dienste als Pfarrer und Dekan in Bad Vilbel aufgegeben. Der Bürgermeister und der Magistrat der Stadt Bad Vilbel haben mich aufgefangen, mir eine Wohnmöglichkeit gegeben (wichtig für mich und die Ausbildung meiner vier Kinder) und mir verantwortliche Positionen gegeben. Die Christuskirche Bad Vilbel hat sich weiterhin unverändert verhalten und nach nun 25 Jahren hat es kein Gespräch gegeben. Der nachfolgende Pfarrer hat mit unbeschreiblicher Arroganz, Unmenschlichkeit und Unchristlichkeit bewirkt, dass ich die Christuskirche nie wieder betreten kann. Fazit: Die Kirchenvorstände haben unglaubliche Macht (Kirche von unten nach oben) diese wird verantwortungslos missbraucht und rücksichtslos gegen Menschen angewendet, ohne dass Defizite aufgearbeitet werden.

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