30. Januar 2011, Matthäus 14,22-33
4. Sonntag nach Epiphanias

Von: Kurt Rainer Klein
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Tragfähige Lebensdeutungen

Exegetische Auffälligkeiten
Gegenüber Mk. 6,45-52 ist die Mt.-Perikope um die Episode des sinkenden Petrus erweitert. Beiden Texten geht die Speisung der Fünftausend voraus (vgl. Joh. 6,15-21). Die Mt.-Version endet mit einem Bekenntnis derer »die aber im Boot waren«, Mk. endet mit dem Unverständnis der Jünger. Das Schiff ist Bild für die Gemeinde. Die Evangelien erzählen hier die erste Trennung von Jesus und seinen Jüngern. Möglich, dass eine nachösterliche Erfahrung in die Wirkenszeit Jesu zurückprojiziert wurde. Das Motiv des Wassers steht für Gefahr, Not, Chaos und Tod. Wellen und Wind bringen das Boot in Seenot. In ihrer Furcht sehen die Jünger Jesus als ein Gespenst (griech. Fantasma). Der Zuspruch »Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!« offenbart den Jüngern Jesus als Herr über die Naturmächte. Petrus erbittet von Jesus die Aufforderung, über das Wasser zu ihm kommen zu dürfen. Er geht im Vertrauen – und es geht –, sieht aber dann den starken Wind und versinkt. Auf seinen Hilfeschrei hin (vgl. Ps. 69) ergreift ihn Jesus mit seiner Hand und mahnt Petrus’ Kleinglauben. Als alle im Schutze des Bootes sind, legt sich der bedrohliche Wind. Die im Boot verbeugen sich und loben ihren Herrn für die wunderbare Rettung.

Meditative Annäherungen
Mit ins Boot genommen, spüren wir die Unsicherheit unseres Lebens leibhaftig. Der Ausgang dieser Turbulenzen ist völlig offen. Unerwartet, überraschend, erschreckend nähert sich in tiefster Nacht auf dem Wasser eine Wahrnehmung, die die aufwallende Angst derer, die sich im Boot befinden, in lautstarke Hysterie steigert. Dermaßen in Spannung schreit es aus uns heraus, bis das Vertrauen schaffende Wort Jesu unsere aufgewühlten Seelen glättet und beruhigt.
Gerade hat sich der innere Sturm gelegt, da reizt es uns wie Petrus, mutig um Erlaubnis zu bitten, um sich über das unsichere Wasser Jesus zu nähern. Es gelingt, solange der Blick den im Auge behält, der das Gehen zugestanden hat. Wenn aber die Gefahr zu Bewusstsein kommt, versinken wir in Zweifeln. Dem um Hilfe Schreienden streckt sich in diesem dramatischen Moment die rettende Hand entgegen, die ihn ergreift und bewahrt. Als Ergriffene hören wir die Frage, warum wir gezweifelt haben. Zurück im Boot sind Jünger und Jesus beisammen; der äußere Sturm hat sich gelegt.

Lebensdeutende Impulse
Gerade ist der erste A-380 wegen einer Triebwerksexplosion notgelandet. Trotz aller Dramatik, es ist für alle Insassen noch einmal gut gegangen zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Glauben und Zweifel, zwischen Angst und Vertrauen. Woanders ist es die Ungewissheit einer bevorstehenden Operation. Der plötzlich verlorene Arbeitsplatz, der ins Bodenlose stürzen lässt. Die nach Jahrzehnten ans Ende gekommene Ehe. Die aufgebrochene Sinnfrage, die nach einer tragenden Antwort sucht. So unterschiedlich können sich die Turbulenzen unseres bewegten Lebens darstellen. Wir kennen die täglichen Anforderungen, Erwartungen und Belastungen. Wir sehen in unserer eigenen Biografie die Verwerfungen, Irritationen und Abbrüche. Wir spüren allgegenwärtig die Unsicherheiten, Risiken und Möglichkeiten des Scheiterns.
Auf wen oder was schauen wir in der Herausforderung? Wer oder was trägt uns in turbulenten Zeiten? Wer oder was gibt uns Halt und Zuversicht auf unsicherem Terrain? Mitten in der Nacht, mitten im Taumel kommt mir eine gespenstische Ahnung entgegen. Ich kann davor erschrecken. Ich kann aber auch meine mögliche Zukunft erkennen. Es kommt nicht darauf an, wie die Dinge sind, sondern stets, wie ich sie deute. Sehen wir auf das, was auf uns zukommt, verlieren wir den Halt unter unseren Füßen. Blicken wir jedoch auf den, der uns zu gehen ermutigt, trägt uns das Vertrauen über unsere Unsicherheit, Ängste und Zweifel hinweg. In dieser ermutigenden Geschichte erkenne ich eine tragfähige Deutung für mein Leben: Selbst wenn ich zu versinken drohe in einem Moment der Schwachheit, streckt sich mir eine Hand entgegen, die mich kraftvoll aller Bedrohung entzieht. In all dem, was mich bedrängt und bedroht, kommt ER auf mich zu und ermutigt mich, im Vertrauen den nächsten Schritt zu wagen. Nur so kann ich die tragende Kraft des Glaubens erfahren und meine Ängste und Zweifel überwinden.

Kurt Rainer Klein

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2010

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