Das Problem der toten Gemeinde bei Dietrich Bonhoeffer

Von: Peter Zimmerling
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In zahlreichen Kirchengemeinden der neuen Bundesländer, aber auch in westdeutschen Großstadtgemeinden gibt es viel Platz in den Kirchenbänken. Manchmal predigt der Pfarrer nur für die eigene Familie. Bereits heute haben in Brandenburg, der Kirchenprovinz und der Pommerschen Kirche viele Pfarrerinnen fünf und mehr Gemeinden zu versorgen. Im Gefolge der zunehmenden kirchlichen Finanzknappheit werden in Zukunft 10 Predigtstellen keine Seltenheit mehr sein. Die Kirche steckt in diesen Gegenden in einer scheinbar heillosen Situation – und mit ihr die Pfarrer und Pfarrerinnen.1 Sie drohen sinnlos »verheizt« zu werden. Erstaunlich ist, dass bereits Dietrich Bonhoeffers ehemalige Finkenwalder Vikare vor bald 70 Jahren in der Kirchenprovinz und in Vorderpommern vor ähnlichen Herausforderungen standen. Es lohnt sich im Hinblick auf die heute anstehenden Herausforderungen, Bonhoeffers damalige Überlegungen zu bedenken. Dazu ist zunächst ihr Kontext in den Blick zu nehmen. Im Anschluss daran sind Auftrag und Grenzen zu untersuchen, die Bonhoeffer dem volksmissionarischen Engagement zuweist. Auf dem Hintergrund dieser mehr theoretischen Überlegungen möchte ich die praktischen Schritte kritisch würdigen, die Bonhoeffer für die Arbeit in toten Gemeinden vorschlägt. Daraus sollen schließlich Konsequenzen für die kirchliche Arbeit heute gezogen werden. 1. Zeitraum und Kontext von Bonhoeffers Aussagen zum Problem der toten Gemeinden Bonhoeffers Überlegungen zu toten Gemeinden finden sich alle im Zeitraum, als er Direktor des Predigerseminars der Bekennenden Kirche in Finkenwalde war (1935–37), also in der Zeit, als er aktiv an der kirchlichen Erneuerung im Rahmen der Bekennenden Kirche mitarbeitete. Einmal handelt es sich dabei um einen Teil seiner Homiletikvorlesung von 1936/37,2 zum anderen um einen Abschnitt aus der »Nachfolge« (1. Auflage gedruckt 1937)3 und schließlich um 1936 geschriebene Briefe an Wolfgang Staemmler, führendes Mitglied des Provinz-Sächsischen Bruderrates, und an den ehemaligen Finkenwalder Seminaristen Gerhard Vibrans, der in einer toten Gemeinde der Kirchenprovinz arbeitete.4 Bonhoeffers Aussagen zu toten Gemeinden stehen in unmittelbarem Zusammenhang zu seinen Überlegungen zum Gemeindeaufbau bzw. speziell zur Volksmission. Es war alles andere als selbstverständlich, dass Bonhoeffer sich die Sache der Volksmission zu eigen machte.5 Sie blieb in der Bekennenden Kirche immer eine höchst umstrittene Angelegenheit. Auch Teile der Deutschen Christen traten nämlich für eine Erneuerung der Kirche durch Volksmission ein. Sie meinten, dass mit der Machtergreifung Hitlers die »Stunde der Volksmission« gekommen wäre. Wie sie die volksmissionarische Arbeit inhaltlich verstanden, zeigt besonders krass das folgende Beispiel. 1936 legte Reichsbischof Müller eine volksmissionarische Veröffentlichung unter dem Titel »Deutsche Gottesworte« vor. Im Vorwort stand: »Für Euch, meine Volksgenossen im Dritten Reich, habe ich die Bergpredigt verdeutscht, nicht übersetzt… Eurer Reichsbischof.«6 Die Seligpreisung der Sanftmütigen übersetzte er mit den Worten: »Wohl dem, der allezeit gute Kameradschaft hält. Er wird in der Welt zurechtkommen.«7 Bonhoeffer kritisierte lapidar, daß hier Glaube und Gemeinde auf der Strecke geblieben wären.8 Es ist angesichts einer solchen Veröffentlichung im Nachhinein nur schwer nachvollziehbar, wieso viele an der Volksmission interessierten Männer der kirchlichen Mitte, die sog. Neutralen, weiterhin meinten, dass der Kirchenkampf für die Erneuerung der Kirche hinderlich wäre. Gegenüber derartiger theologischer Naivität hielt die Barmer Theologische Erklärung in großer Klarheit fest: »Es muss die Kirche Kirche bleiben, sonst kann sie nicht missionarisch wirken.«9 Neben der deutsch-christlich geprägten gab es eine zweite volksmissionarische Bewegung, mit der Bonhoeffer sich intensiver auseinandersetzte. Anfang der 30er Jahre fasste von England her die sog. Oxford-Gruppe, auch Gruppenbewegung genannt, in Deutschland Fuß. Sie erregte damals die Öffentlichkeit, ist heute jedoch weithin in Vergessenheit geraten. Bonhoeffer begegnete ihr erstmals in England.10 Die Bewegung wurde von dem lutherischen Pfarrer Frank Buchman (1878-1961) in den USA gegründet.11 Sie betonte die Zusammengehörigkeit von persönlicher Frömmigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung. Praktische Kennzeichen ihrer Spiritualität waren das tägliche Hören auf Gottes Wort (»Stille Zeit«) und das Leben nach den Maßstäben Christi (in Anlehnung an die Bergpredigt: absolute Ehrlichkeit, Reinheit, Selbstlosigkeit, Liebe).12 Bonhoeffer nahm verschiedene Anliegen der Gruppenbewegung positiv auf. So war auch er der Auffassung, dass Menschen, die dem Glauben fernstanden, veranschaulicht werden sollte, wie sich der christliche Glaube im Leben konkretisierte. »Eines der Hauptmomente der Predigt [wird] sein müssen, vom lebendigen Christus Zeugnis abzulegen. Das ist Pflicht der seelsorgerlichen Liebe« (51513). Bonhoeffer kritisierte an der Bewegung ihre kirchenpolitische Blindheit. Sie übersah für ihn, dass sie mit der Preisgabe der Ziele der Bekennenden Kirche unweigerlich zum Instrument der Nazis wurde und das Evangelium so nicht mehr als kritische Instanz gegenüber gesellschaftlichen Fehlentwicklungen wirksam werden konnte.14 2. Auftrag und Grenzen volksmissionarischer Arbeit Angesichts toter Gemeinden und in der Auseinandersetzung mit den volksmissionarischen Bestrebungen der Deutschen Christen und der Oxford-Gruppenbewegung kam es Bonhoeffer darauf an, Auftrag und Grenzen volksmissionarischen Wirkens näher zu bestimmen. Den Auftrag für die volksmissionarische Verkündigung leitet Bonhoeffer nicht aus einer besonderen Berufung, sondern aus dem der christlichen Gemeinde grundsätzlich gegebenen Verkündigungsauftrag ab. »Es soll aller Welt das Evangelium gepredigt werden.«15 Allerdings erfährt die volksmissionarische Verkündigung – und genauso die Verkündigung in toten Gemeinden – gegenüber der traditionellen Sonntagspredigt eine charakteristische Zuspitzung. Sie muss Verkündigung sein auf Entscheidung hin. »Die Predigt wird stark Entscheidungspredigt für das versammelte Dorf sein« (515). Bonhoeffer nimmt in diesem Zusammenhang ein Bild Luthers auf: »Das Wort ist wie ein Platzregen, der noch einmal niedergeht. Unter diesem Wissen müssen wir predigen« (515).16 Bemerkenswert ist, dass Bonhoeffer insgesamt intensiver über die Grenzen als über den Auftrag volksmissionarischer Aktivität nachgedacht hat. In Abgrenzung zur Volksmission der Deutschen Christen weist er darauf hin, daß es keine biblische Verheißung gibt, wonach sich das deutsche Volk in seiner Gesamtheit zu Christus bekehren wird (513). Umgekehrt geht es in der volksmissionarischen Verkündigung aber auch nicht um die Bildung einer reinen Gemeinde. Ziel der Bekennenden Kirche ist einzig und allein der Kampf für eine evangeliumsgemäße Verkündigung (CA 7 – »das Evangelium rein predigen« – als eine der beiden notae ecclesiae): »Es geht eben in allem [dem Kirchenkampf] nicht um die Herstellung einer ›reinen‹ Kirche, sondern um die ungehinderte freie Verkündigung … Gott selbst scheidet. Nicht wir. Aber wir dürfen ihm auch nicht widerstreben. Wir predigen das Wort zur Ent-scheidung« (192f.). Bonhoeffer grenzt sich gegen alle Versuche ab, Gottes Wirksamkeit durch sein Wort beherrschen zu wollen. Gott bleibt in seinem Handeln frei (»ubi et quando visum est deo« – CA 5). In der Nachfolge der Reformation und der dialektischen Theologie geht Bonhoeffer von der Selbstwirksamkeit des Wortes aus. »Verheißung ist gegeben, dass Gottes Wor sich allezeit ein Volk schaffen wird« (513, Hervorhebung von P. Z.). Dieser Gedanke bedeutet eine große Entlastung für alle volksmissionarischen Bemühungen: Es liegt letztlich in keiner Weise an der Kunst und dem Einsatz der Prediger, ob ihre Verkündigung ankommt, d.h. Glauben findet. Aus diesem Grund kann Bonhoeffer – anders als die Deutschen Christen – auf jede Form von Anpassung der volksmissionarischen Verkündigung an den Geschmack der Zeit verzichten. »Die Predigt muß unter allen Umständen das ganze Wort sein vom gekreuzigten und auferstandenen Herren. Wir können es nicht nach eigenem Gutdünken dosieren« (514). Genauso grenzt Bonhoeffer sich gegen jede Form von Manipulation der Hörer und Hörerinnen durch die volksmissionarische Verkündigung ab. »[Wir] können also auch nichts erzwingen, sondern müssen alles dem Wort überlassen« (514). Für die Verkündigung des Wortes Gottes ist der Raum der Freiheit unverzichtbar. Schließlich stellt Bonhoeffer – und jetzt wird es spannend – jede Form von volksmissionarischer Verkündigung unter Vorbehalt: »Volksmission heute in Deutschland ein sehr fragwürdiges Unternehmen« (514). Er ist der Überzeugung, dass volksmissionarische Aktivitäten nicht die Tatsache übergehen dürften, dass ihnen in einem Land wie Deutschland eine Verachtung der Verkündigung des Wortes Gottes vorausgegangen ist. Bonhoeffer fragt, welche Konsequenzen aus dem Getauftsein der Hörerinnen und Hörer für die volksmissionarische Verkündigung zu ziehen sind. »Wir können nicht mehr predigen, als predigten wir zu Heiden … In der Taufe ist etwas geschehen an denen, zu denen wir reden« (514). Außerdem wird normalerweise Sonntag für Sonntag in jedem Dorf und jeder Stadt gepredigt. Hinter der Ablehnung der sonntäglichen Verkündigung – die daran sichtbar wird, dass volksmissionarische Aktivitäten überhaupt nötig sind – lauert für Bonhoeffer die Gefahr der Verstockung (514). Bleibt auch noch die volksmissionarische Verkündigung ohne Echo, zieht er daraus dieselbe radikale Konsequenz wie Jesus in der Bergpredigt: »Wo die Predigt verworfen wird, sollen die Perlen nicht vor die Säue geworfen werden, sondern der Staub von den Füßen geschüttelt werden« (513) (Mt 7, 6; 10, 14). Warum dieser grundsätzliche Vorbehalt gegenüber volksmissionarischer Arbeit bei Bonhoeffer? Zunächst: Es ist ein theologischer Vorbehalt. Bonhoeffer möchte damit Gottes Gottsein schützen: »Denn anders zu reden, wäre eine Verachtung der Güte Gottes« (514). In der normalen sonntäglichen Verkündigung ruft Gott den Menschen bereits zur Umkehr! Indem Bonhoeffer Gottes Gottsein betont, wird verhindert, dass Gott – in diesem Fall: durch volksmissionarisches Engagement – religiös vereinnahmt wird; kann er nicht länger unter der Hand zum Erfüllungsgehilfen des Menschen werden. Der Hinweis auf die Möglichkeit der Verstockung durch Gottes Zorn erinnert an das alttestamentliche Prophetentum, das für Bonhoeffers Predigt, aber auch für sein Selbstverständnis insgesamt entscheidende Bedeutung besaß.17 Das primäre Charakteristikum der alttestamentlichen Schriftprophetie liegt in der Gewissheit des unausweichlichen Endes der bisherigen Geschichte Israels, wobei die Ansage des Endes von den Propheten mit der Aufdeckung gegenwärtiger Schuld begründet wird.18 Nur durch das Gericht hindurch ist – wenn überhaupt – ein Neuanfang möglich. Übertragen auf die volksmissionarische Verkündigung heißt das: Die Umkehr ist längst überfällig, die Zeit wird knapp. Bonhoeffer zitiert in diesem Zusammenhang Hebr 4, 7: »›Heute, so ihr seine Stimme höret, so verstocket eure Herzen nicht!‹ Das ist evangelische Predigt. Ist das unbarmherzige Hast? Nichts ist unbarmherziger als den Menschen vorzuspiegeln, dass sie noch Zeit hätten zur Umkehr. Nichts ist barmherziger, nichts ist frohere Botschaft als dies, dass die Sache eilt, dass das Reich sehr nahe ist.«19 Welche Früchte aus der Verkündigung erwachsen, muss Gott selbst überlassen bleiben. 3. Volksmissionarisches Engagement angesichts toter Gemeinden. Praktische Schritte Es lassen sich eine Reihe von praktischen Schritten erkennen, die Bonhoeffer im Hinblick auf das volksmissionarische Engagement angesichts toter Gemeinden vorschlägt. Er entwickelte sie aufgrund der Anfragen von ehemaligen Finkenwalder Seminaristen, die mittlerweile in der Gemeindearbeit vor Ort standen. Der ehemalige Finkenwalder Vikar Gerhard Vibrans war in ein völlig totes Kirchspiel versetzt worden. Von dort schrieb er an Bonhoeffer: »Mein Filial Schweinitz mit 600 Seelen ist eine sehr arme Gemeinde. Dort gehen jeden Sonntag durchschnittlich 1,5 Menschen von 600!! in die Kirche … Nun will ich jeden Sonntag im Ornat einen Pilgergang durchs ganze Dorf machen, um den Leuten überhaupt erst mal zum Bewusstsein zu bringen, dass Sonntag ist … Es ist nun so, dass die Konfirmanden am Sonntag in der Kirche Dienst haben. Andernfalls müssen sie sich entschuldigen. Erfolg: 27 sind es, 1 entschuldigt sich, 25 fehlen … zur Kirche gehen sie noch lange nicht, das ist eben hier nicht Mode. Daran würde ich mich sehr bald gewöhnen. Mein Gehalt kriegte ich ja doch, auch wenn keiner drin sei, so habe sich ein Vorgänger geäußert … Am Trinitatisfest war außer der Küsterin niemand da!!!«20 Bonhoeffers Antwort an Vibrans beginnt mit dem Eingeständnis der eigenen Ratlosigkeit: »Dein Bericht … macht mich nicht weniger ratlos als Dich.«21 Bei allen Überlegungen Bonhoeffers zur Volksmission angesichts toter Gemeinden fällt wohltuend auf, dass er nirgends den Anschein erweckt, Gemeindeaufbau-Methoden zu kennen, die garantiert funktionieren. Vielmehr gewinnt der Leser den Eindruck, dass er einerseits Gottes Gottsein respektiert wissen und andererseits den vor Ort Verantwortlichen keine Vorschriften machen will, sondern ihnen bewusst die Letztverantwortung überlässt. Wichtig ist für Bonhoeffer der die gottesdienstliche Verkündigung flankierende Besuch in den Häusern: »Ich glaube ja auch noch, dass bei treuer Besuchsarbeit die Leute auch wieder zur Kirche kommen werden« (181). Auch bei den vom Finkenwalder Predigerseminar durchgeführten volksmissionarischen Wochen wurde die gottesdienstliche Verkündigung vorbereitet und flankiert von einer Reihe weiterer Gemeindeaktivitäten der Seminaristen: dazu zählten vor allem Hausbesuche, daneben auch Kinderstunden und Bibelbesprechstunden. Entscheidend ist für Bonhoeffer weiter, dass die volksmissionarische Aktion nicht Sache eines Einzelnen bleibt. Zunächst geht es darum, dass sich neben dem Pfarrer eine Gruppe von Gemeindemitgliedern die Aufgabe des Gemeindeaufbaus zueigen macht (vgl. dazu 515). Bonhoeffer beruft sich dabei auf die Aussendungsrede Jesu in Mt. 10, 11–15, wo ausdrücklich gesagt wird, dass die Jünger in demselben Haus bleiben sollen, solange sie an einem Ort sind. Von diesem Haus geht die weitere Arbeit aus. »Die Arbeit in der Gemeinde wird ihren Ausgangspunkt nehmen von den Häusern, ›die es wert sind‹, Jesu Boten zu beherbergen. Gott hat noch überall eine betende und wartende Gemeinde. Hier werden die Jünger im Namen ihres Herrn demütig und willig aufgenommen. Hier wird ihre Arbeit im Gebet mitgetragen werden, hier ist eine kleine Schar, die stellvertretend für die ganze Gemeinde dasteht.«22 Das herausragende Kennzeichen der Finkenwalder volksmissionarischen Wochen bestand außerdem darin, dass sie von einer Gemeinschaft von Theologen sowohl vorbereitet als auch durchgeführt wurden. Sie erwuchsen organisch aus deren Lebens- und Arbeitsgemeinschaft. Damit wurde dem Einzelpfarramt eine Alternative gegenübergestellt. Nur als gemeinsame Verkündigung hatte die volksmissionarische Verkündigung die Kraft, einen ganzen Ort auf die Beine zu bringen. Die Finkenwalder waren selbst überrascht, wie viele Menschen meist zu den täglichen Abendgottesdiensten kamen. Im Hinblick auf die Gestaltung der Gottesdienste fordert Bonhoeffer zur Improvisation auf: »Bei zwei oder drei Leuten würde ich nicht auf die Kanzel gehen, sondern es mehr wie eine Bibelstunde halten. Du kannst da ganz ruhig frei sein in der Gestaltung« (181). Dahinter steht Bonhoeffers Einsicht, dass der traditionelle Gemeindegottesdienst weithin nicht mehr missionarisch ist: »Das liegt zum Teil an der Liturgie, die einen recht reifen Glauben voraussetzt« (514). Bei den Finkenwalder Volksmissionen fällt auf, dass die Abendgottesdienste ganz auf die Verkündigung, die jeweils vier Vikare unter sich aufteilten, konzentriert waren. Hier hatten sie ihr inhaltliches Zentrum. Aufgrund der vierzigminütigen Verkündigung konnte nur eine kurze Liturgie gefeiert werden. Das entsprach Bonhoeffers Überzeugung, dass die Liturgie vom kirchenfernen Gemeindeglied sowieso nicht mehr verstanden wurde. Bonhoeffer schlägt noch zusätzliche Mittel vor, um Menschen in einer toten Gemeinde zu einer Entscheidung für oder gegen das Evangelium zu führen. In dem bereits zitierten Brief an Gerhard Vibrans schreibt er: »Könntest Du nicht mal als Ortspastor einen Brief an die ganze Gemeinde schreiben … in dem Du ihnen Deine Not sagst, sie ernsthaft ermahnst einen neuen Anfang zu manchen um des Wortes Gottes willen (nicht um Deinetwillen!) und sie aufforderst Dir in einer Gemeindeversammlung klar und offen zu sagen, warum es mit ihrer Stellung zur Kirche so bestellt ist? Kriegst Du die Leute nicht in der Kirche, so erreichst Du sie sicher durch solche Hirtenbriefe …« (181) Bonhoeffer rät also, die Menschen mit ihren Anfragen an die Kirche ernst zu nehmen; die Gründe kennen zu lernen, warum sie nicht zum Gottesdienst kommen und dadurch indirekt zu erfahren, wie ein Gottesdienst aussehen müsste, den sie besuchen würden.23 Er plädiert außerdem für eine Intensivierung der Jugendarbeit und schlägt das Angebot eines Zielgruppengottesdienstes vor, der aktiv von Jugendlichen mitgestaltet werden soll. »Ebenso einmal an alle Jugendlichen einen Brief mit Einladung zum Jugendgottesdienst, an dem sie aktiv teilnehmen« (181). Außerdem empfiehlt er den Aufbau einer Literaturarbeit in der Gemeinde: Jugendschriften zum Verteilen und das Einrichten eines Schriftentischs in der Kirche. Bei allen Vorschlägen geht es Bonhoeffer darum, dass der Entscheidungscharakter der Verkündigung zur Geltung gebracht wird, d.h. wirklich zur Wirkung kommen kann, bevor ein endgültiger Schlussstrich unter das kirchliche Engagement in einem Ort gezogen werden kann. »Du musst eben jeden Tag so arbeiten, dass Du eines Tages mit gutem Gewissen sagen kannst: es ist hier gepredigt worden und sie haben nicht gewollt. Oder es geschieht das Wunder und sie hören wieder« (181). Hervorzuheben verdient schließlich, dass Bonhoeffer nicht nur Vorschläge macht, sondern sich auch praktisch engagiert, indem er selbst in die Gemeinden seiner Vikare fährt, um diesen menschlich und seelsorgerlich beizustehen und im Gottesdienst zu predigen (194f).24 4. Bonhoeffers Forderung einer Umstrukturierung des traditionellen Parochialsystems als Herausforderung an uns heute Wenn die genannten Schritte volksmissionarischen Engagements nicht greifen, ist Bonhoeffer bereit, drei radikale, ja revolutionäre Konsequenzen zu ziehen. Dazu gehört zum einen der Abschied vom flächendeckenden Parochialsystem, zum anderen die Umgestaltung des Einzelpfarramts und schließlich – unmittelbar damit verbunden – die Forderung, geistliche Zentren wie das Bruderhaus in Finkenwalde einzurichten. Im Brief an den späteren Präses des Provinz-Sächsischen Bruderrates schreibt Bonhoeffer: »Wenn ich jetzt immer wieder die Berichte von Br. Vibrans … lese, dann fragt man sich doch wie auch hier bei den vorpommerschen Verhältnissen immer wieder, ob wir nicht heute zu einer gründlichen Neuordnung des Kräfteeinsatzes kommen müssen. Unser heutiger Konservativismus ist hier wirklich auch theologisch durchaus nicht so eindeutig gerechtfertigt« (178). In seiner Antwort an Gerhard Vibrans wird Bonhoeffer noch deutlicher: »Wenn ein Dorf nicht hören will, dann gehen wir ins andere. Es gibt da Grenzen« (181). Die Gründe für den Abschied vom flächendeckenden Parochialsystem sind, wie wir sahen, theologischer, aber auch seelsorgerlicher und rein praktischer Natur. Theologisch argumentiert Bonhoeffer mit der Aussendungsrede Jesu an seine Jünger aus den Evangelien und mit dem prophetischen Verstockungsmotiv. Dadurch vermag er, die Entscheidung einer Gemeinde ernst zu nehmen und ihr die Verantwortlichkeit im Hinblick auf den Glauben zurückzugeben. Außerdem möchte Bonhoeffer den sinnlosen Kräfteverschleiß junger Theologen beenden. Auch heute kommt es zu einem derartigen Verschleiß, wenn z.B. in den neuen Bundesländern eine einzelne Pfarrerin für zehn Gemeinden mit ihren Predigtstellen verantwortlich ist. Angesichts einer solchen Arbeitssituation sind Depressionen und Burn-Out-Syndrome vorprogrammiert.25 In der Bekennenden Kirche waren nicht genug einsatzbereite Pfarrer vorhanden. Heute sind es vor allem finanzielle Gründe, die es immer weniger möglich machen, am flächendeckenden parochialen Versorgungssystem festzuhalten. Eine Kräftekonzentration wird unausweichlich. Durch die Entstehung der Bruderschaft der ehemaligen Finkenwalder Vikare und die Einrichtung des Bruderhauses bahnte sich eine Veränderung der traditionellen Gestalt des parochialen Einzelpfarramts an. Bonhoeffer war der Überzeugung, dass der isolierte Ortspfarrer kaum die Kraft aufbringen konnte, das Evangelium in den Strukturen einer zunehmend kirchendistanzierten Gesellschaft kraftvoll auszurichten. Der einzelne Pfarrer bedurfte der brüderlichen Unterstützung durch seine Kollegen. »Der Pfarrer, insbesondere der junge Pfarrer, leidet an seiner Vereinzelung … Sowohl in der Frage nach dem Inhalt der Verkündigung wie in der tatsächlichen Ausrichtung der Verkündigung bedarf er der brüderlichen Hilfe und Gemeinschaft. Die Jahre des Kirchenkampfes haben daher überall, wo die Verantwortung für das Amt ernst genommen wurde, Pfarrerbruderschaften entstehen lassen« (76). Mit der Errichtung des Bruderhauses in Finkenwalde ging Bonhoeffer noch einen Schritt über die Pfarrerbruderschaften hinaus. Das Bruderhaus wurde von einer Pfarrerbruderschaft mit gemeinsamem Leben getragen. Als die erste evangelische Kommunität überhaupt hatte es eine Reihe von Aufgaben. Im Zentrum stand die Unterstützung der Ortsgemeinde und ihrer Pfarrer. Dabei bot das Bruderhaus jungen Pfarrern für eine begrenzte Zeit eine Art Einübungsfeld in die pfarramtliche Tätigkeit. Es stellte eine Art verlängertes Vikariat dar, wobei der Schwerpunkt auf der Praxis lag. Die Bruderhausmitglieder konnten von Gemeinden zu Verkündigungs- und Vortragsdiensten eingeladen werden. Bonhoeffer war der Überzeugung, dass das gemeinsame spirituelle Leben der Bruderschaft dem Verkündigungsauftrag zugute kam. »Eine Verkündigung, die aus praktischer, gelebter und erfahrener Bruderschaft kommt, wird sachlicher und unerschrockener sein können und weniger in der Gefahr der Versandung stehen« (76). Auch standen die Mitglieder des Bruderhauses für längere Aushilfsdienste in Gemeinden zur Verfügung. Dadurch dass sie während ihrer Mitgliedschaft im Bruderhaus zölibatär und mit gemeinsamer Kasse lebten, waren sie flexibler einsetzbar als mit Familie. Gleichzeitig bot ihnen das gemeinsame Leben im Bruderhaus die notwendige menschliche Geborgenheit. »Sie müssen bereit sein, unter allen äußeren Umständen, unter Verzicht auf alle finanziellen und sonstigen Privilegien des Pfarrerstandes zur Stelle zu sein, wo der Dienst gefordert wird. Indem sie aus einer Bruderschaft herkommen und immer wieder in sie zurückkehren, finden sie dort die Heimat und die Gemeinschaft, die sie für ihren Dienst brauchen. Nicht klösterliche Abgeschiedenheit, sondern innerste Konzentration für den Dienst nach außen ist das Ziel« (77). Im Katholizismus steht seit alters in den Orden eine entsprechende dienstbereite Gruppe bereit. In den vergangenen Jahren hat sich in den neuen Bundesländern eine Reihe von katholischen Ordensgemeinschaften neu angesiedelt, die in der von Bonhoeffer skizzierten Weise ihren Dienst versehen. Wo gibt es eine vergleichbare Dienstgemeinschaft im Raum der evangelischen Kirche? Am wichtigsten war, dass Bonhoeffer das Bruderhaus von Anfang an als spirituelles Zentrum für die gesamte Kirche konzipiert hat. Konsequenterweise war das Bruderhaus in Finkenwalde die erste evangelische Kommunität, die auf Beschluss der Gesamtkirche, d.h. der Bekennenden Kirche, entstanden ist. Im Antrag auf Einrichtung des Bruderhauses schreibt Bonhoeffer: »Der vereinzelt im Amt stehende Pfarrer braucht immer wieder ein geistliches Refugium, in dem er sich in strenger christlicher Lebensführung in Gebet, Meditation, Schriftstudium und brüderlicher Aussprache für sein Amt stärkt …« (77). Heute wissen wir besser als vor 70 Jahren, wie wichtig es ist, dass Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer von Zeit zu Zeit zur Retrait fahren können, Austausch haben und ein Stück geistliche Heimat erfahren, um neu zu sich und zu Gott zu kommen. Manche Schweizer Kantonalkirchen überlegen, ob Pfarrer dienstlich verpflichtet werden sollten, regelmäßig solche Besinnungszeiten in Anspruch zu nehmen. Bonhoeffer hatte bei der Konzeption des Bruderhauses als geistliches Zentrum nicht nur Amtsträger, sondern auch Laien vor Augen: »Auch Laien muss solche Zufluchtsstätte geboten werden«, heißt es in der Fortsetzung des bereits zitierten Textes (77). Wiederum zeigt die Vielzahl von katholischen Klöstern, Exerzitien- und Einkehrhäusern, die nach der Wende in den neuen Bundesländern entstanden sind und deren Angebote sich großer Nachfrage erfreuen,26 dass Bonhoeffers Überlegungen bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Inzwischen gibt es dort auch eine Reihe evangelischer Kommunitäten. Sie wurden noch dadurch verstärkt, dass Kommunitäten aus den alten Bundesländern in den vergangenen Jahren Niederlassungen in den neuen Bundesländern eröffnet haben.27 Es ist dringend nötig, dass die evangelische Gesamtkirche stärker als bisher die Einrichtung solcher geistlicher Zentren fördert und vor allem deren Weg konstruktiv-kritisch begleitet. Anmerkungen 1 Ein plastisches Bild der Situation zeichnet Sebastian Engelbrecht, Kirche in Ostdeutschland. Was tun, wenn am Sonntag nur dreie zum Gottesdienst kommen?, in: Standpunkte, August 2002, 42–47. 2 Dietrich Bonhoeffer Werke (DBW), Bd. 14, hg. von Otto Dudzus u.a., Gütersloh 1996, 513–517. 3 DBW, Bd. 4, hg. von Martin Kuske/Ilse Tödt, 2., durchgesehene und korrigierte Auflage, Gütersloh 1994, 201ff. 4 DBW, Bd. 14, 175ff.180ff. 5 Vgl. dazu auch Eberhard Bethge, Dietrich Bonhoeffer. Theologe, Christ, Zeitgenosse, München 1967, 614ff. 6 Zit. nach Bethge, Dietrich Bonhoeffer, 614. 7 Ludwig Müller, Deutsche Gottesworte, 1936, 9, zit. nach a.a.O. 8 Bethge, Dietrich Bonhoeffer, 614. 9 So Asmussens verbindliche Erklärung zur 3. These. 10 DBW, Bd. 14, 515f. 11 Vgl. hier und im Folgenden: Ingrid Reimer, Art. Moralische Aufrüstung, in: Ev. Lexikon für Theologie und Gemeinde, Bd. 2, Wuppertal/Zürich 1993, 1374. 12 Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand aus der Gruppenbewegung die Moralische Aufrüstung (MRA) und in Deutschland der Marburger Kreis. 13 Einfache Zahlen im Text beziehen sich immer auf DBW, Bd. 14. 14 DBW, Bd. 14, 256f. 15 DBW, Bd. 14, 513 (Homiletikvorlesung). 16 Denn das sollt yhr wissen / Gottes wort und gnade ist ein farender platz regen / der nicht wider kompt / wo er eyn mal gewesen ist« (Martin Luther, »An die Ratsherrn«, 1524, in: WA 15, 32). 17 Vgl. dazu ausführlich Peter Zimmerling, Das prophetische Moment in Bonhoeffers Predigt, in: Pastoraltheologie 89 (2000), 317–331. 18 Vgl. im Einzelnen a.a.O., 320 (mit Belegen). 19 DBW, Bd. 4, 202. 20 DBW, Bd. 14, 171f. 21 DBW, Bd. 14, 180f. 22 DBW, Bd. 4, 201f. 23 Ähnlich geht die Willow-Creek-Gemeinde im Hinblick auf die Gestaltung der sog. »Seekers services« vor. 24 Vgl. dazu auch den Bericht Wolfgang Schraders, eines ehemaligen Finkenwalders, vom Besuch Bonhoeffers in seiner Gemeinde, in: Wolf-Dieter Zimmermann (Hg.), Begegnungen mit Dietrich Bonhoeffer, 4, erweiterte Auflage, München 1969, 141. 25 Vgl. die erschütternden autobiographischen Notizen von Astrid Eichler, Gott hat gewonnen. Unsere Grenzen sind seine Möglichkeiten, Wuppertal 2003, bes. 81ff. 26 Ich denke hier z.B. an das Karmelitenkloster St. Teresa in Birkenwerder bei Berlin. 27 Z.B. die Niederlassungen der Jesus-Bruderschaft Gnadenthal in Hennersdorf (Sachsen) und Volkenroda (Thüringen) und die Station der Communität Casteller Ring im Augustinerkloster in Erfurt.

Über den Autor

P. Z., Geb. 1958 in Nidda/Oberhessen, Studium der Evangelischen Theologie in Tübingen und Erlangen, Pfarrer der EKHN; Habilitation an der Universität Heidelberg; Hochschuldozent für Praktische Theologie an der Universität Mannheim; lehrt ab April 2005 Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig; zuletzt veröffentlicht: Evangelische Spiritualität. Wurzeln und Zugänge, Göttingen 2003; als Herausgeber: Evangelische Seelsorgerinnen. Biografische Skizzen, Texte und Programme, Göttingen 2005.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2005

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