Du liebe Güte, in den vergangenen Jahrzehnten meiner Praxis als Gottesdienstbesucher und Predigthörer habe ich allzu oft (ganz leise) schreiend die Kirche oder den Gemeindesaal verlassen, weil es mir unerträglich war, unwidersprochen dem Gelaber des oder der Geistlichen vom Altar aus oder der Kanzel weiterhin zuzuhören. Richtig: Es können nicht jeden Sonntag und überall Gottesdienste mit angemessener Kirchenmusik, ausgearbeiteter Liturgie und theologisch und rhetorisch brillanter Predigt stattfinden, leider. Die Alternative darf aber nicht sein, sich mit einem jammervollen Gemeindegesang, dem Herunterleiern zu Leerformeln gewordener liturgischer Versatzstücke und einer Befindlichkeitsansprache, mit assoziativ angehängter Bibelstelle aus dem Steinbruch von Gottes Wort, von der Kanzel herunter, abzufinden (vgl. auch Winkel, 10).

Es wäre eine Generalabrechnung nötig, da ich hier aber eine Rezension über ein Buch mit Predigten und deren Konzeptionen zu schreiben habe, werde ich mich auf die Predigt beschränken. Zumal sich das aus zweierlei Gründen besonders lohnt: Die Botschaft der Bibel ist in der kirchlichen Praxis so weit in den Hintergrund geraten, dass sie unbedingt und als erstes wieder in den Vordergrund gestellt gehört, und der Autor des hier zu besprechenden Buches macht uns vor, wie das gehen kann (Winkel, 11).

Noch ein Satz zu dessen wissenschaftlichem Hintergrund, der, ohne weitere Erklärung, deutlich macht, aus welchem reichen und ertragreichen theologischen Erfahrungsschatz er schöpft: Winkel hat in den 1970er Jahren in Naumburg bei Ulrich Schröter im AT und Werner Schenk im NT die historisch-kritische Methode gelernt. Danach kann man nicht umhin, sich verantwortungsvoll mit den biblischen Texten zu befassen, bevor man über sie redet oder schreibt.

Genau das tut Winkel auf für mich überzeugende Weise. Und vor allem – es geht ja hier um Predigten und nicht um Anwendungsbeispiele für die oben genannte Methode –, er tut es so, dass man der Niederschrift seiner Gedanken zum Predigttext gern folgt, weil sie so formuliert sind, dass sie auch in der Schriftform den Leser in den Bann ziehen und neugierig darauf machen, zu welchen Schlussfolgerungen er kommt. Das hatte zur Folge, dass ich den Predigtband tatsächlich von vorn bis hinten Seite für Seite gelesen habe und das mit Gewinn.

Bevor ich auf diesen Gewinn näher eingehe, möchte ich zwei grundsätzliche aber weniger bedeutende Mängel benennen, die mir gleich zu Beginn aufgefallen sind: Sowohl im Inhaltsverzeichnis als auch bei den einzelnen Kapitel- (Predigt-)Überschriften sind nur die Bibelstellen angegeben. Da hätte ich mir Überschriften gewünscht, die nicht nur dem Laien helfen würden, sofort zu erkennen, um welchen Teil des AT es sich im Folgenden handelt. Zumal es sich geradezu aufdrängt, hier in Konfrontation oder Ergänzung zu den alten Überschriften neue Begriffe einzuführen, die fast immer in der folgenden Predigt(-meditation) sowieso enthalten sind. Damit ist auch gleich das Stichwort für den zweiten von mir diagnostizierten Mangel gefallen: Auch wenn sich die Predigten während der Gottesdienste in Groß Gaglow und anderswo den Hörern im Rahmen des gesamten liturgischen Ablaufs und ihres eigenen mitgebrachten persönlichen Hintergrundes sicherlich auch im Blick auf ihre aktuelle Lebenssituation erschlossen haben mögen, im Buch davon isoliert kann ich die meisten Texte nur als Predigtmeditationen betrachten.

Aber was heißt nur! Bereits die von den Predigtreihen abweichende Zusammenstellung mehrerer Perikopen zeugt von Verantwortung dem biblischen Zeugnis gegenüber (Winkel, 12). Dazu der akribische Umgang mit der hebräischen Quelle. Winkel zeigt, dass nicht immer eine eigene Übersetzung notwendig ist, aber wenn er sich einem anderen Übersetzer anschließt, dann geschieht das kontrolliert und augenscheinlich in dem Wissen, dass man es selbst auch nicht besser formulieren könnte (z.B. S. 39).

Ein Paradebeispiel eigener Übersetzung ist die Geschichte von der Opferung Isaaks (Winkel, 58ff). Der Autor stellt sich diesem sperrigen Text, versucht nicht zu glätten und zu verharmlosen, weder bei der Lesung noch in der folgenden Predigt. In 19 Versen wird von einem Gott berichtet, der sich von der Tradition ritueller Menschenopfer abwendet und dem künftig Tieropfer genügen werden. Das hat nichts mit dem 5. Gebot tun (anders Winkel: „Du sollst nicht töten!“, 60; in den 10 Geboten geht es um das verbrecherische Morden und nicht um die rituelle Tötung oder das Töten zur Selbstverteidigung). Der Kern der Botschaft ist auch nicht der Wandel des Gottesbildes, sondern dass der Gott Abrahams auch weiterhin erwartet, dass der gläubige Mensch „vorbehaltlos und rückhaltlos Gott traut“ (63). Nur in diesem Vertrauen hat der Mensch Zukunft, „soll reich gesegnet sein“ (ebd.).

„Gottvertrauen und Zukunft“, das klingt plakativ, aber so hätte die Überschrift des Winkelschen Lesebuchs auch lauten können, denn diese Begriffe finden sich (mindestens inhaltlich) immer wieder. Und gerade heute sei den Leserinnen und Lesern ins Stammbuch geschrieben: Nach Gottes Verheißung gibt es Vertrauen und Zukunft nur im Frieden. „Frieden bringt er der Welt“ (433).

Lothar Tautz