„Wie viel Moral verträgt der Mensch?“ Unter dieser Überschrift stand ein interdisziplinäres Symposion der Internationalen Hochschule Liebenzell (IHL) im März 2022. Den motivierenden Ausgangspunkt bildete die Beobachtung des Phänomens einer zunehmenden „moralischen Aufladung“ in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen unserer Zeit. Statt um „richtig“ oder „falsch“ gehe es heute vielfach um „gut“ oder „böse“, um „erlaubt“ oder „zu ächten“. Dass diese manichäische Sichtweise nicht der Wahrheitsfindung dient, sondern vielmehr die gesellschaftlichen Spaltungen vertieft, verbindet die Analysewege und Diagnosen der Autoren, die dieser Sammelband vereint. Während in der Vergangenheit die christliche Theologie in Verdacht stand (mitunter durchaus zu Recht), ihre Sicht der Dinge übergriffig vorzutragen oder gar inquisitorisch durchzusetzen, seien es heute Sozialwissenschaftler, parteipolitische Akteure und vorpolitische (NGO-)Aktivisten sowie Vertreterinnen und Vertreter der Medien, die eine Art „kultureller Hegemonie“ (Antonio Gramsci) auf dem Wege einer Moralisierung der Debatten zu gewinnen suchen. Verantwortliche Vertreter der Kirchen würden zu diesen Phänomenen schweigen oder diesem Trend gar noch Vorschub leisten. Sieben evangelische Theologen begeben sich in Distanz und Widerspruch dazu. Sie fragen nach den Hintergründen, Folgen und Nebenwirkungen dieses ambivalenten und in Teilen destruktiven Prozesses.

Die beiden Herausgeber eröffnen den Band mit zwei grundlegenden Beiträgen. Daniel Straß (Universität Augsburg) unternimmt eine Begriffsklärung von „Morphologie“ und „Übermoral“ und skizziert einleitend eine Antwort auf die selbst gestellte Frage, „[…] warum die Theologie dazu etwas zu sagen hat.“ Der Komplex der Übermoral sei anhand signifikanter Elemente erkennbar: durch die bemerkenswerte „Essenzialisierung von Meinungsunterschieden“ (19), die „emotionale Codierung von Meinungsunterschieden durch eskalierende Sprache“ (20), die „Inszenierung von Wissenschaftlichkeit bei gleichzeitig zunehmender Vernunftabstinenz“ (20), an einem hohen Maß an „Intoleranz“ (21), „sozialer Exklusion“, der „graduellen Verunmöglichung Andersdenkender“ (23) und „Machtförmigkeit“ (24). Als maßgeblichen Background der aktuellen Erscheinungsformen der „Übermoral“ identifiziert Straß (mit Verweis auf Charles Tayler) die „spätmoderne Säkularität“ und den mit dieser (in Teilen) verbundenen „ausgrenzenden Humanismus“.

Detlef Hiller (Internationale Hochschule Liebenzell) fügt daran anschließend „Gedanken zu Gleichheit und Identität“ hinzu, die die gegenwärtige Kulturdiskussion widerspiegeln. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich eine „interpretative Wende“ (45) vollzogen. Das wachsende Bewusstsein für Dekolonialisierung, Demokratisierung und Antirassismus führte zu einer forcierten Kritik an Herders Kulturbegriff der Differenz und zu einem Verständnis von Kultur als einem Prozess, der „[…] fluide, offen und nicht mehr vorrangig ethnisch“ (45) wahrgenommen wird. Anhand einiger Fallbeispiele zeigt Hiller auf, wohin eine moralisierend-ideologische Übertreibung dieser Perspektive führen kann. Um derartige Fehlentwicklungen zu vermeiden, empfiehlt Hiller einen Blick auf den biblisch geprägten Umgang der Alten Kirche mit Gleichheitskonflikten, als Motto formuliert: „gleichwertig, aber nicht gleichartig“ (49) In gegenwärtige sozialpolitische Begrifflichkeit übersetzt hieße dies: „Gleichberechtigung statt Gleichstellung“ (57). Im Anschluss an ein hermeneutisches „Drei-Felder-Modell“ kritisiert Hiller die sich rasant ausbreitende „woke“ Kultur als voraufklärerisch. Tendenziell fördere „wokeismus“ keine „Wachheit“, sondern wohl eher „[…] Feudalismus oder sogar Rassismus im neuen oder auch nur gewendeten Gewand.“ (85)

Henning Wrogemann (Kirchliche Hochschule Wuppertal) widmet sich anhand seiner Exegese der Auseinandersetzungen um die EKD-Handreichung „Klarheit und gute Nachbarschaft. Christen und Muslime in Deutschland“ (2006) dem aktuellen „interreligiösen Dialog als Gegenstand moralischer Wertung“ (87). Am Ende eines Durchgangs in acht Schritten plädiert Wrogemann für die „[…] Akzeptanz der Verschiedenheit legitimer Dialogprofile“ (96) und eine dringend notwendige Unterscheidung von Rationalität und Emotionalität. Dadurch könne auch einer „religiösen Überhöhung“ interreligiöser Dialoge entgegengewirkt werden. Christoph Raedel (Freie Theologische Hochschule Gießen) benennt „Moralisierung“ (mit Wolfgang Merkel) als „[…] eine selbstgerechte Stilisierung der eigenen moralischen Position, um eine andere moralische Position herabzusetzen“. (102) Er plädiert – eng an Dietrich Bonhoeffer anschließend – für eine christlich-gemeindliche Praxis, die „[…] von der Selbstbehauptung zur Selbstprüfung vor Gott“ und „vom Richten zum Aufrichten“ führt. Raedel appelliert an die Kirchen, der „Spirale der Moralisierung“ mit „dem Anstoß des Evangeliums“ entgegenzutreten.

Gegen das landläufige Klischee des Pharisäers als „Heuchler“ setzt der Neutestamentler Roland Deines (Internationale Hochschule Liebenzell) das bis in 19. Jh. im Judentum lebendige Vor-Bild des Pharisäers als „Lehrer einer ganzheitlichen Moral“. Gerold Lehner (Superintendent Oberösterreich) analysiert – in Aufnahme so unterschiedlicher Autoren wir Amy Chua, Christoph Türcke, Norbert Bolz, Bern-Olaf Küppers, Ulrich H.J. Körtner oder Bernd Stegemann – die „Gnadenlosigkeit“ im gegenwärtigen Moralismus. „Moralisieren“ sei „[…] keine rechte oder linke, keine fundamentalistische oder liberale Kategorie“ (144). Sie werde von allen Seiten als Waffe eingesetzt. Mit Hans Schelkshorn beschreibt Lehner die europäische Moderne als einen riskanten Entgrenzungsvorgang, der von der Renaissance über die Aufklärung bis zum politischen Liberalismus führe, der letztlich am eigenen Erfolg zu scheitern drohe. Lehner fragt im zweiten Teil seines Beitrags danach, „[…] welche Art von heilsamer Widerständigkeit denn vom Christentum her zu erwarten wäre.“ (153) Im Anschluss an ein „Lob der Grenze“ (Konrad Paul Liessmann) erkennt Lehner unter Verweis auf Martin Luther, Dietrich Bonhoeffer, Rod Dreher u.a. in den alten wie neuen geistlichen Gemeinschaften, Kommunitäten und Orden attraktive, zukunftsfähige Lebensorte, „[…] an denen eine andre Art des Lebens eingeübt wird.“ (162)

Unter der Überschrift „Wer rettet die Welt?“ untersucht Kai Funkschmidt (Konfessionskundliches Institut Bensheim) die „Heilsversprechen in der Umwelt- und Klimabewegung“. Der provokante Aufsatz stellt diese innerweltlichen „Heilsversprechen“ in einen weiten historischen Kontext – vom weltanschaulichen Optimismus der Aufklärung, über die „[…] gegenkulturellen Aufbrüche der 1960er Jahre in den USA“ (169), den „Club of Rome“ („Grenzen des Wachstums“, 1972), die Gründung der Partei „Die Grünen“ 1979 bis zur Klimabewegung der 2000er Jahre. Funkschmidt konstatiert: „Wie die Umweltbewegung fußt die Klimabewegung auf Untergangsängsten und -drohungen, weitet sie aber aus.“ (172). Die angekündigten Klimakatastrophen nähmen bekannte Topoi religiöser Apokalypsen auf: „Brände, Fluten, Dürren, Seuchen, Hunger, Krieg. Einzelereignisse gelten als Himmelszeichen und Beweise der Vorhersagen.“ (173) Mediale Führergestalten wie Al Gore, Luisa Neubauer oder Greta Thunberg würden nicht selten als „echte Propheten“ (Erzbischof Heiner Koch) willkommen geheißen. (175)

Im Schlussbeitrag geht der Herausgeber Daniel Straß der Frage nach „Wie passen erkenntnistheoretischer Relativismus und wertbezogene Absolutheitsansprüche zusammen?“ Im „Spannungsfeld der Pluralität von Ethosformen“ plädiert er für eine pädagogische Neubesinnung auf Tugenden und Werte, die z.B. philosophische Einsichten von Aristoteles und Max Scheler fruchtbar werden lassen.

Die Beiträge dieses Bandes sind gut lesbar. Sie stehen mitunter quer zum veröffentlichten Mainstream in Wissenschaft, Politik und Medien. Gelegentlich lässt der konfessorische Duktus und der moderat kulturkämpferische Sound eine ausgewogene, argumentativ-sachbezogene Auseinandersetzung mit den Gegenpositionen in den Hintergrund treten. Auf jeden Fall haben die Thesen und Fragestellungen dieses Bandes eine lebendige Auseinandersetzung verdient – sachbezogen, streitbar und möglichst ohne „über-moralische Aufladung“.

Thomas A. Seidel