Man sieht nur, was man weiß. Das Bonmot Goethes trifft heute insbesondere auf die Bildsprache und Motivik christlicher Kunst zu. Sie erschließt sich den zeitgenössischen Betrachtern nicht mehr ohne weiteres. Nur noch rudimentär ist das Wissen um die Bedeutung biblischer Geschichten und Szenen vorhanden. Und so bleibt vielfach stumm und museal, was einmal als Ausdruck lebendigen Glaubens gelesen und verstanden werden konnte.

Verdienstvoll ist es darum, wenn der frühere Direktor des Religionspädagogischen Instituts der badischen Landeskirche, Eckhart Marggraf, zu einer Spurensuche in Kirchen, Klöstern, Kapellen und Museen im Südwesten Deutschlands einlädt. Marggraf hat sich schon früh für den Dialog zwischen Kunst und Religion eingesetzt.

Dafür steht die von ihm mitentwickelte Veranstaltungsreihe „Religionsunterricht im Museum“ mit der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe wie auch die „Gottesdienste im Museum“ im international renommierten Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM).

Viele der auf seiner Spurensuche entdeckten Kunstschätze befinden sich heute in der Karlsruher Kunsthalle. Marggraf gelingt es, sie ans Licht zu heben, ihren kunstgeschichtlichen Wert erstrahlen zu lassen und durch eine einfühlsame und theologisch aktualisierende Interpretation Zugänge für den heutigen Betrachter zu eröffnen.

Zur besseren Orientierung für den Leser hätte man sich zuweilen Bildunterschriften gewünscht, die eine deutlichere Beziehung zwischen Text und Abbildung herstellten. So muss man immer wieder ein bisschen blättern. Aber die kleine Unbequemlichkeit nimmt man angesichts des reichhaltigen Bildmaterials und der guten Bildreproduktionen gerne in Kauf.

Reflexionen zum biblischen Bilderverbot wie auch zum Kirchenbau finden sich genauso wie grundsätzliche Überlegungen zum Verhältnis von Religion und Kunst. Unter der Überschrift „Freier Umgang mit biblischen Themen“ lässt man sich einladen zur Betrachtung von Claude Lorrains „Anbetung des Goldenen Kalbes“ aus dem Jahr 1653 oder Caspar David Friedrichs „Felsenriff am Meeresstrand“ von 1824. Besonders erwähnenswert wegen seines aktuellen Bezugs ist das Gemälde „Die sieben Todsünden“ von Otto Dix, das in der Karlsruher Kunsthalle zu sehen ist, oder die provokative zeitgenössische Verarbeitung von Kreuzesmotiven bei Georg Baselitz und Arnulf Rainer.

Marggrafs Deutungen in Verbindung mit den Kunstobjekten sind Anregungen zur persönlichen meditativen Auseinandersetzung wie auch zu einer möglichen didaktischen Verwendung im Religionsunterricht oder im Gottesdienst. Denn schließlich, darauf weist Marggraf bereits in seinem Vorwort hin, hat der Mensch zu allen Zeiten mit künstlerischen Selbstzeugnissen auf seine Welt reagiert und im Medium der Kunst über sich selbst reflektiert. Und das gilt durchaus auch für die Kunst der Gegenwart, wenn man denn ihre Botschaft zu entziffern versteht. Dazu leistet dieses Buch einen schönen Beitrag.

Klaus Nagorni