Die Darmstädter Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe wurde im Jahr 2021 als UNESCO-Weltkulturerbe ausgezeichnet. Von 1906 bis 1913 war Ernst Riegel (1871-1939) deren Mitglied und entwarf in Zusammenarbeit mit der 1891 gegründeten Paramentenwerkstatt in Darmstadt 203 Antependien, die die Werkstatt herstellte. Riegel, ein gelernter Bildhauer und Goldschmied, wurde 1906 als Lehrer an die kunsthandwerkliche Lehrwerkstatt in der Künstlerkolonie berufen und 1913 in Köln mit der Leitung einer Gold- und Silberschmiedklasse beauftragt (z.B. fertigte er die Amtskette des Darmstädters Oberbürgermeisters an). 1926 wurde er zum Professor ernannt. Riegel gestaltete zahlreiche Sakralgeräte wie z.B. Taufschalen und Taufkannen, Abendmahlskannen, Patenen und Kelche, Kreuze etc.

Marie Luise Frey-Jansen, die Leiterin der Paramentenwerkstatt, die sich heute Textilwerkstatt am Elisabethenstift in Darmstadt nennt, und Dörte Folkers, die ehrenamtliches Mitglied im Ortskuratorium Wiesbaden der Deutschen Stiftung Denkmalschutz ist, nahmen die Ernennung der Darmstädter Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe zum UNESCO-Weltkulturerbe zum Anlass, den „Paramentenschatz“, der in Zusammenarbeit mit Ernst Riegel entstanden ist, zu heben und zu dokumentieren. Die Textilwerkstatt, gegründet 1891, ist in Besitz sämtlicher Auftragsbücher seit Anfang ihres Bestehens und kann somit 159 Aufträge dokumentieren, an denen nachzuweisen ist, dass Riegel insgesamt 203 Antependien entworfen hat. Hinzu kamen je nach Beauftragung durch eine Kirchengemeinde auch Altareinkleidungen, Klingelbeutel, Taufschalen etc. Ernst Riegels Altargeräte sind an 30, seine Antependien an 112 Gemeinden geliefert worden. Von den 203 Antependien sind 89 Exemplare erhalten. Teilweise sind sie sogar noch heute in Gebrauch! Alle 89 Exemplare sind in dem von Folkers und Frey-Jansen vorgelegten Buch fotografisch abgebildet.

Dieses Buch ist in vier Teile gegliedert. Der erste Teil befasst sich mit Riegels Antependien und den Sakralgeräten. Es geht dabei auch ein wenig um Riegels persönlichen Werdegang, um die Auftragsbücher der Paramentenwerkstatt, um die Art der Aufträge und ihre Ausführung; auch die Kosten der Paramente und das Künstlerhonorar werden aufgeführt. Der zweite Teil ist der Gestaltung der Antependien gewidmet, dabei werden die Motive Kreuz, Dornenkranz, Alpha und Omega, Christogramm, Wein und Ähren, Spiralen, Vögel, Sprüche und Ensembles behandelt. Der dritte Teil sichtet den bis heute erhaltenen Bestand. Die Zusammenarbeit Riegels mit der Werkstatt wird ebenso thematisiert wie die Frage, wie die Paramente sachgemäß aufbewahrt und gepflegt werden und wie sie restauriert sowie auf- und umgearbeitet wurden. Ausgewählte Werkzeichnungen sind ebenso abgebildet wie die erhaltenen Antependien selbst. Der vierte Teil des Buches bietet einen ausführlichen Anhang mit 13 Tabellen, die z.B. veranschaulichen, wie viele Aufträge in welchen Jahren eingegangen sind, wie viele Gemeinden Altar-, Kanzel- und/oder Lesepultantependien bestellten. Deutlich wird zudem, dass nicht nur Kirchen, sondern auch Kliniken, Justizvollzugsanstalten, eine Kaserne und zwei Privatpersonen Paramente bestellten. Eine Tabelle informiert, in welche „Landen“ die Paramente gingen (nach heutigen Bundesländern geordnet) oder welche liturgischen Farben und wie viele davon bestellt worden sind. Darüber hinaus finden sich eine Literaturliste und der Bildnachweis, und auch die Namen der Kirchengemeinden, die Paramente von Riegel besitzen, werden geboten.

Das Buch zeichnet sich durch zahlreiche und gute Farbfotos der Paramente, der Werkzeichnungen und der Sakralgeräte aus. Es bietet auch Fotos, die die Paramente in den jeweiligen Kirchen am Altar und an der Kanzel zeigen. Der Text informiert über Riegels Kunst wie über die Herstellung der Paramente und erklärt die Motive, so dass sowohl das künstlerische Wirken von Ernst Riegel als auch die Herstellung der Paramente in der Paramentenwerkstatt gewürdigt wird. Frey-Jansen und Folkers haben hiermit ein verdienstvolles Werk vorgelegt, das einen Kultur- und Kirchenschatz dokumentiert, der in vielen Kirchengemeinden den künstlerischen Geschmack des ersten Drittels des 20. Jh. zwischen Historismus, Jugendstil und Art Déco wiedergibt und geistliche Inhalte lebendig werden lässt, die bis heute wirken.

Jörg Neijenhuis