Der Ruhestandspfarrer Edwin Stößinger ist ein produktiver Autor, der erst kürzlich zum Gedenken an Dorothee Sölle eine wichtige Monographie vorlegte und sich auch mehrfach zuvor schon mit Werken von ausgewiesenen Marxisten beschäftigte. Insofern stellt sein neuestes Buch eine Ergänzung zu seinen früheren Publikationen dar. Aber: Wer mag sich heute noch mit dem Erbe des Marxismus befassen? Und wer als Pfarrer*in will sich darüber hinaus ausgerechnet mit atheistischen Marxisten beschäftigen?

Dass diese Beschäftigung sich lohnen kann, dokumentiert das im Juli 2023 abgeschlossene Buch. In seinen Vorbemerkungen legt der Autor sein „Erkenntnisinteresse“ und damit verbunden auch seine grundlegende These dar: „Der Verfasser vertritt die These, dass in der Methodik der Theologiekritik atheistischer Marxisten größtenteils eine Kontinuität in den Positionen und Vorgehensweisen erkennbar ist. Nach dem Kollaps des Ostblocks und mit durch diesen Zusammenbruch bedingt sind jedoch in der ideologischen Abgrenzung von nicht-marxistischen Positionen einige verschärfte, stark abgemilderte und zunehmend widersprüchliche Aussagen aufzufinden.“ (S. 11)

Stößinger belegt diese – allerdings für den Rezensenten wenig überraschende – These durch die fleißige Analyse ausgewählter Autoren und Werke, die im Inhaltsverzeichnis aufgeführt sind und in chronologischer Reihenfolge präsentiert werden: Karl Kautsky, Mao Tsetung und Fidel Castro werden dargestellt, aber auch „Germanenforscher“ (was prima vista erstaunt), sowjetische Philosophiehistoriker, marxistische Lexikographen, Autoren der Zeitschriften „Wissen und Tat“ und „Marxistische Blätter“. Am Ende jedes Kapitels steht eine „kommentierte Zusammenfassung“ der jeweiligen Analyse. Ein knappes Fazit, ein Abkürzungs- und ein Literaturverzeichnis runden das Werk ab.

Fragt man sich, warum ausgerechnet „Germanenforscher“ hier aufgeführt werden, so wird der Theologiebegriff des Autors ersichtlich: Ihm geht es keineswegs nur um christliche Theologie oder bloß um die Theologie der fünf Weltreligionen. Auch heidnische Theologie – die Götterwelt der Germanen – ist ja für die atheistischen Theologiekritiker von Bedeutung gewesen und kommt deshalb in das Blickfeld des Autors. Bei einer so sehr ausgeweiteten Perspektive fragt sich natürlich, warum ausgerechnet die im Inhaltsverzeichnis genannten Autoren und Zeitschriften und nicht noch andere untersucht wurden – die konkrete Auswahl wird, soweit ich sehe, von Stößinger nicht begründet.

Die Redlichkeit gebietet es mir, zu sagen: Ich – der Rezensent – bin kein Kenner der Werke sowjetischer Philosophiehistoriker noch vertraut mit der Zeitschrift „Marxistische Blätter“. Daher kann ich zu den entsprechenden Passagen nur anmerken, dass sie mir auf fleißiger und kritischer Lektüre zu beruhen scheinen. Sein Eingangskapitel über den Sozialdemokraten Karl Kautsky (1854-1938) ist aber zweifellos recht gut gelungen – es belegt deutlich, wie klug und belesen dieser Denker war (immerhin war er zusammen mit Eduard Bernstein einer der beiden Autoren des Erfurter Programms der SPD von 1891) und welche Einblicke er auch in zeitgenössische theologische Literatur hatte. Kautsky war eben ein brillanter Intellektueller, und man kann wirklich im Nachhinein nur bedauern, dass er ein Atheist war.

Dreierlei scheint mir noch bedeutsam: (1) Stößinger hebt hervor, wie das „dialektische“ Denken die methodische Kontinuität des Marxismus ausmachte (S. 193, 196f). Aus meiner Sicht ist das einer der Kardinalfehler dieser Denkschule. (2) Damit hängt wohl zusammen, dass es zu logisch widersinnigen Formulierungen und Argumenten kommt (S. 194, 197), wenn etwa von bestimmten atheistischen Marxisten Religion insgesamt verworfen wird, zugleich aber behauptet wird, es könne doch auch einen „richtigen Gebrauch“ von Religion geben. (3) Schließlich wirft der Autor die berechtigte Frage auf, ob die marxistische Ideologie möglicherweise in der Gegenwart durch „Verschwörungstheorien“ ersetzt worden sei (S. 199). Dieses aufzuklären, wäre eine Aufgabe für einen gemeinsamen Dialog von Theolog*innen und (atheistischen) Marxist*innen.

Fazit: Ein sehr spezielles Thema, das für am Spannungsverhältnis von Theologie und Marxismus interessierte Personen gut lesbar aufgearbeitet wird. Allerdings ist der Theologiebegriff sehr weit gefasst, und die Auswahl der dargestellten Personen scheint willkürlich getroffen zu sein. Und: Das Buch ist mit einem Ladenpreis von 85,80€ leider nicht gerade günstig zu erwerben.

Eberhard Martin Pausch