Nur Pächter dieser Erde

Eine Welt ohne Gott?

Wirklich bedrohlich kommt uns dieser Gedanke gar nicht vor. Der Gedanke, Gott würde uns den Rücken kehren. Er ginge sozusagen außer Landes. Er überließe uns vertrauensvoll die Erde und ihre Güter, die Schöpfung mit ihrem Reichtum, die Menschheit in ihrer ganzen Vielfalt. Das einzige, was er zurückließe, wäre sein Wort: Die Erde gehört dem Herrn. Ihr sollt sie nun bebauen und bewahren und euch gegenseitig lieben wie euch selbst. Was würde geschehen? Eine Welt ohne Gott? Wäre das so schlimm? Es ginge doch prima ohne ihn, oder?

Die Erde und ihre Güter würden ganz alleine uns gehören. Wir könnten alle Bodenschätze aus den Erzen schlagen. Wir könnten alles Wasser und alle Energie, alles Öl und alles Gas unter der Erde fördern und für uns verbrauchen.

Die Schöpfung und ihr Reichtum würden dann ganz alleine uns gehören. Wir könnten Tiere jagen, um sie zu essen, oder um uns mit ihren Pelzen oder ihrem Elfenbein zu schmücken. Wir könnten sie züchten, einsperren und ihnen so viel Eier und Fleisch abringen, wie nur irgend möglich ist.

Die Menschheit in ihrer ganzen Vielfalt würde auch uns gehören. Völker und Länder, Rassen und Religionen. Und wir könnten es einfach darauf ankommen lassen, wer der Stärkere ist. Wäre ein Land das Stärkere, dann könnte es einfach sein Nachbarland politisch aus dem Gleichgewicht bringen und so lange Unfrieden stiften bis es ihm gehört – Stück für Stück und am Ende ganz. Der Stärkere würde siegen. Das ginge schon. Aber ginge es auch gut?

Eine Welt ohne Gott!

Je länger und je konkreter wir uns ausmalen, wie es wäre, wenn Gott unserer Welt den Rücken kehren würde, desto deutlicher werden uns zwei Dinge:

1. Es wäre ganz fürchterlich. Wir Menschen würden Gottes Gebot, die Erde zu bebauen und zu bewahren und den Nächsten so zu lieben wie uns selbst, genauso schnell zu den Akten legen wie unseren Gott selbst. Wir würden die Erde ausbeuten, die Schöpfung zerstören und uns gegenseitig zugrunde richten.

2. Wir sind längst schon soweit. Es ist doch schon weltweit Wirklichkeit. Wir haben unsere Welt doch schon längst an den Abgrund gebracht.

Kein Gott ohne Welt

Was aber tut Gott, um seinen Weinberg, seine Welt, seine Menschheit zu retten? Zunächst einmal hat er lange, sehr lange Geduld. Er schickt Propheten, die warnen und mahnen. Aber keiner, kein einziger von ihnen hatte auf Dauer Erfolg. Gott hatte immer noch Geduld. Er schickte das Kostbarste, was er hat: Jesus von Nazareth, seinen Sohn. Auch dieser mahnte und predigte, auch er rief auf zur sofortigen, radikalen Umkehr. Er redete den Menschen ins Gewissen, doch bitte zu den Geboten Gottes zurückzukehren, zur Menschenliebe, zur Ehrfurcht vor dem Leben, zum Frieden und zur Gerechtigkeit. Und nicht nur das: Jesus brachte die ganze Liebe Gottes zu den Menschen, seine ganze Liebe zu seiner Schöpfung mit sich und verschenkte sie an alle, vom Pharisäer bis zur Sünderin.

Selbst das hat nichts genutzt. Wir Menschen haben ihn zum Schweigen gebracht. Er endete am Kreuz. Wie lange noch will Gott Geduld haben? Und was soll das heißen, „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen“? Was für ein Wunder? Das Wunder ist folgendes: nicht die Rassenwahnsinnigen, nicht die Machthungrigen und die Kriegstreiber sind die Steine, auf denen unsere Zukunft ruht, sondern die Zeugen der Liebe und des Friedens und der Gerechtigkeit. Darauf baut Gott seine Welt und seine Kirche. All diese Steine, die Propheten und die Mahner, die, die um das Evangeliums und um der Liebe willen ihr Leben lassen mussten sind die Steine, mit denen Gott seine neue Welt baut. Und Jesus Christus ist der Schlussstein, der das ganze Gewölbe zusammenhält.

Auch wir sind nur Pächter dieser Erde. Sie ist uns geliehen. Und jeder Mensch an unserer Seite. Selbst unser eigenes Leben ist uns nur geliehen. Gott wird sich uns wieder zuwenden. Er wird zurückkehren in seinen Weinberg. Und dann möchte er Früchte sehen. Unsere Früchte der Liebe, der Gottesfurcht, der Gerechtigkeit und der Wahrheit. Es liegt an uns, ob Gott Früchte bei uns findet.

 

Lied

EG (EKHN) 634 „Die Erde ist des Herrn“

 

Dorothea Zager

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2023

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