Vom Sinn jenseits des Sinns

I

Der ethische Anspruch eines „gelingenden Lebens“ wird bisweilen (etwa von Gunda Schneider-Flume) mit dem Argument kritisiert, dass er den sündigen Menschen mit der selbsttätigen Herstellung eines sinnhaften Lebensganzen überfordere, welches angesichts der unweigerlichen Erfahrungen von Leid, Not, Unglück, Irrtum und Scheitern ja doch niemals erreichbar sei. Aus der Perspektive des „sola gratia“ müsse das menschliche Leben ganz unabhängig von seinem Gelingen als kostbar gelten.

Dem rechtschaffenen Hiob widerfährt eine radikale Infragestellung alles bisherigen Lebensglücks. Einen auch noch so verborgenen Sinn vermag er dem ihm geschehenen Unheil nicht abzugewinnen. Gleichwohl hält er auch noch in der scheinbaren Widerlegung seines mustergültigen Lebensentwurfes an seinem Gottvertrauen fest.

II

Eine fatalistische Interpretation dieser Erzählung könnte den frommen, aber womöglich zynischen Ratschlag geben, jedes nur denkbare Ungemach in demütiger Passivität als gottgewollt hinzunehmen. Im Kontrast hierzu ließe sich danach fragen, ob und wie sich selbst tiefgreifende Erfahrungen von Heil- und Sinnlosigkeit durch gestaltende Aktivität so in das zukünftige Selbst- und Gottesverhältnis integrieren lassen, dass sich mit ihnen einigermaßen gut leben (oder zumindest weiterleben) lässt.

Barbara Schmitz versammelt in einem jüngst erschienen Bändchen eindrucksvolle Lebensgeschichten von durch Behinderung, Krankheit oder Verlust beeinträchtigten Menschen, denen es trotz fremder wie eigener Zweifel an der Wert- und Sinnhaftigkeit ihres Lebens gelungen ist, sich in dem konkreten So-Sein ihres jeweiligen Schicksals „ein Zu-Hause-Sein […] zu schaffen“. Hieraus lässt sich auf eine Art adaptive Glückskompetenz schließen, die grundsätzlich jedem Menschen zur Verfügung steht und näherungsweise mit psychologischen Konzepten wie „Resilienz“ oder „Salutogenese“ beschrieben werden kann: Mithilfe welcher individuellen und sozialen Ressourcen kann es gelingen, sich einer durch krisenhafte Ereignisse veränderten Lebenssituation so anzupassen, dass sich darin neuer und unerwarteter Lebenssinn erschließt?

Bei Hiob ist es zunächst die alle Unbegreiflichkeiten übergreifende (durch die mythologische Himmelsszene bestätigte) Gewissheit, dass sein ganzes Leben mit Gutem wie Bösem in Gottes Hand liegt – und dort gut aufgehoben ist. Hinzu kommt die gelebte Solidarität seiner Freunde, welche gerade nicht mit vertröstenden Erklärungen oder aufmunternden Ratschlägen zu helfen versuchen, sondern seine Verzweiflung in gemeinsamer Klage und Trauer mit ihm auszuhalten bereit sind.

III

Dass Glück und Unglück gleichermaßen von der Macht Gottes umfangen sind, bedeutet nicht, dass sie sich zu einem spannungsfreien Lebensganzen zusammenfügen ließen. Die verheißene Vollendung der eigenen Identität durch Gottes Gnade aber hält für jeden Menschen eine schöpferische Perspektive auf die glückhaften wie weniger glückhaften Wechselfälle seines Lebens bereit.

Vor dem geglaubten Horizont einer mit der Geschichte Gottes verwobenen Lebensgeschichte lässt sich daher auch noch dort, wo alle eigenen Möglichkeiten zur Herstellung und Sicherung einer gesunden, glücklichen und sinnvollen Identität erschöpft scheinen, von anderen Menschen und von Gott geschenkter Sinn erhoffen. Jenseits der unvermeidlichen Grenzen biografischer, moralischer oder religiöser Gelingenskonzepte kann durch elementare Glaubensvollzüge wie Liebe, Mitleid, Trost, Vergebung, Humor etc. fragmentarische Lebensfülle vermittelt und entdeckt werden, die alle menschlichen Sinnfragen transzendiert.

 

Lieder

EG 325 „Sollt ich meinem Gott nicht singen“

EG 398 „In dir ist Freude“

EG 649 (RWL) „Wer kann dich, Herr, verstehen“

EG 673 (RWL) „Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt“

 

Literatur

Lars Klinnert: Mehr als eine „Menschenrechtsprofession“ … „Gelingendes Leben“ als ethische Grundkategorie Sozialer Arbeit, in: Bernd Beuscher/Hildegard Mogge-Grotjahn (Hg.): Spiritualität interdisziplinär. Entdeckungen im Kontext von Bildung, Sozialer Arbeit und Diakonie (Religionspädagogik 2), Berlin 2014, 211-236

Barbara Schmitz: Was ist ein lebenswertes Leben? Philosophische und biographische Zugänge, Ditzingen 2022

Gunda Schneider-Flume: Leben ist kostbar. Wider die Tyrannei des gelingenden Lebens, Göttingen 32008

 

Lars Klinnert

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2023

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