Fenster zum Himmel

Annäherung

Wie predigen über einen Text, dessen Poesie sich einer nüchternen Analyse entzieht; einen Text, der schon zigtausend Mal gepredigt wurde und den selbst kirchenferne Mitmenschen kennen und – lieben? Jede gelehrte Erklärung auf der Kanzel zerstört den Zauber. Deshalb beschränke ich mich auf einige Annäherungen und verweise für exegetische Detailarbeit auf die Kommentare und insbesondere den Artikel „agape“ unter www.bibelwissenschaft.de/wibilex/

Zuhören

Wenige Bibelworte können ganz unterschiedliche Menschen so sehr berühren wie 1. Kor. 13. Und wenige Verse tauchen in so unterschiedlichen Lebenskontexten auf wie V. 13: Als Wegweiser und Vorzeichen für das Leben wird die Trias Glaube, Hoffnung und Liebe als Taufspruch gewünscht. Mancher Konfirmand nimmt diesen Faden wieder auf und wählt das Wort zum Konfirmationsspruch. Traupaare finden ihre Gefühle füreinander in dem Vers wieder, gern verbunden mit der Zusage aus V. 8, wonach die Liebe niemals endet. Und Trauernde suchen darin Antworten oder wenigstens Ahnungen auf die drängende Frage „Was bleibt?“ Selbst auf Grabsteinen ist dieses Pauluswort zu lesen – stiller Protest gegen den scheinbar allem ein Ende setzenden Tod.

Um diese Anknüpfungspunkte im Leben vieler Menschen zu verstehen, heißt es zunächst, aufmerksam zuzuhören. Die Arbeit, den alten Text mit der aktuellen und persönlichen Lebenswelt zu „versprechen“ (Ernst Lange), haben die Menschen ja schon mehr oder weniger elaboriert selbst übernommen. Wo sind Glaube, Hoffnung und Liebe spürbar geworden? Welches Gottesbild mag dahinterstehen?

Stoppschild

Liebe ist in der deutschen Sprache ein „geschundenes Wort“ (Christof Böttrich in seiner Studie in GPM77/1, 149). Paulus selbst stellt in V. 12 ein Stoppschild auf: Alle menschlichen Erkenntnisse und Erfahrungen, auch die von Liebe, bleiben vorläufig, rätselhaft, dunkel. Das wird deutlich, wenn man die großen Begriffe mit eigenen und fremden Erfahrungen abgleicht: Glaube ist unter den Bedingungen unserer Existenz angefochten, von Zweifeln begleitet und kann einem Menschen auch verloren gehen. Hoffnung kann enttäuscht werden, und nicht immer ist diese Ent-täuschung heilsam. Und menschliche Liebe kann nicht nur ein Fenster zum Himmel öffnen – sie kann auch Verzweiflung, Eifersucht gar Tod bedeuten. Frommer Kitsch wird dem Hymnus des Paulus nicht gerecht.

Bedeutungsvielfalt

Was im Koine-Griechisch fein zwischen Eros, Philia und Agape differenziert wird, läuft im Deutschen in dem einen Wort „Liebe“ zusammen. Zwischen dem brennenden Begehren zweier Frischverliebter über die Erfahrungen tiefer Freundschaft bis zur Nächstenliebe einer Kinderkrankenschwester, die in der achten Nachtschicht hintereinander noch gute Worte für verzweifelte Eltern hat, muss alles unter diesem Überbegriff Platz finden. Eine Differenzierung tut hier zweifellos Not; eine Verwechslung von Eros und Agape kann entsetzliche Folgen haben (Missbrauch!).

Wahr ist aber auch, dass sich – zumal mit Blick auf Gott – eine strikte Trennung verbietet. Laufen nicht in der Liebe Gottes alle drei Fäden zusammen, wenn Mose mit Gott redet „wie mit einem Freund“ (2. Mos. 33,11) und die Liebe Christi zur verlorenen Menschheit so brennend ist, dass der Gottessohn sogar zum Sterben bereit ist? Auch die Salbungsgeschichte Lk. 7 (besonders V. 44-47) rückt Erotik und Nächstenliebe eng zusammen. Zu unterscheiden, ohne zu trennen, ist hier geboten.

Geschichten erzählen – und deuten

Mich reizt bei einer Predigt zu 1. Kor. 13 der Ansatz bei den Erfahrungen, die Menschen mit dem Text machen. Warum nicht einige dieser persönlichen Geschichten erzählen – und deuten? Die eigene Kasualpraxis dürfte einen Fundus bieten; auch eine gemeinsame Vorbereitung mit unterschiedlichen Gemeindegliedern ist denkbar: Was bedeuten mir Glaube, Hoffnung, Liebe? Und was erzählen sie mir von dem Gott, der selbst die Liebe ist? Vielleicht kann die Erfahrung menschlicher Liebe in aller Vorläufigkeit ein starkes, Glaube und Hoffnung nährendes Bild für die Liebe Gottes zu uns Menschen sein und eine Brücke hin zu Gottes Zukunft.

Lieder

EG (Baden, Anhang) 86 „Wenn das Brot, dass wir teilen“

EG (Baden) 608 „Ubi caritas“

 

Steffen Groß

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2023

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