Er lässt sich finden, er ist nahe!“

Eine erste Entscheidung fällt bezüglich des Umfanges der Perikope. Schon beim ersten, flüchtigen Durchlesen fallen der Stilbruch und der inhaltliche Wechsel zwischen V. 11 und 12 auf. Ulrich Berges1 folgend besteht Jes. 55 aus vier Strophen (V. 1-5; V. 6f; V. 8-11 und V. 12f). Entweder predigt man also nur mit V. 6f2 mit den Leitworten Gott suchen, Buße und Vergebung. Dies passt sehr gut zur vorösterlichen Buß- und Fastenzeit. Deshalb plädiere ich dafür. Oder man konzentriert sich auf V. 8f (Gottes unerforschliche Wege) und/oder V. 10f (Gottes wirksames Wort). Non multa, sed multum. Auf jeden Fall bitte ohne V. 12!

Am naheliegendsten erscheint mir – unter Einbeziehung des Wochenspruches („Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.“ – Hebr. 3,15) – eine (Abendmahls-)Predigt unter der Überschrift „Gott – ganz nahe oder sehr fern?“3

Dazu schlage ich die folgenden liturgischen Elemente vor:

 

EG 165, 1+6 „Gott ist gegenwärtig“
oder
EG 166, 1-3 „Tut mir auf die schöne Pforte“

Eingangsgebet:
Ganz nah ist dein Wort, Herr, unser Gott,
ganz nah deine Gnade.
Begegne uns denn mit Macht und Erbarmen.
Lass nicht zu, dass wir taub sind für dich,
sondern offen mach uns und empfänglich.
(Huub Osterhuis: Ganz nah …, 1967, 23)

Psalm im Wechsel: Ps. 119 (EG 748)

nach dem Stillen Gebet: Ps. 145,19

EG 199, 1+2 „Gott hat das erste Wort“

EG 346, 3 „Ach sucht doch den, lasst alles stehn“

Einladung zum Abendmahl mit Worten Calvins zur Perikope:
„Der Herr ist nahe und bietet sich uns an, wenn die Stimme des Evangeliums an unser Ohr dringt. Er bietet sich uns an … und daraufhin sollen wir zu ihm gehen.“

EG 347, 1-6 „Ach bleib mit deiner Gnade“

 

Anmerkungen

1 Er findet in seinem Kommentar (Jesaja 55-66 [HThKAT], Freiburg 2022, 114-118) sehr viele jesajanische u.a. Parallelen und stellt diese in die atl. Tradition. Urevangelisch, fast wie aus Karl Barths Feder liest man: „Gottes ‚Nähe‘ … ist nicht etwa das Resultat der Hinwendung des Menschen zu JHWH, sondern einzig und allein durch ihn ermöglicht. Dieses Nahe-Sein liegt jedem menschlichen Tun voraus und ist nur der göttlichen Gnade geschuldet. Letztlich ist dies auch die Begründung für das ethische Handeln …“ (115) Die atl. Linien werden ins NT fortgeführt und vertieft (vgl. etwa Mk. 1,2-4.14f oder Röm. 2,4 u.v.a.m.) – und sind in der Predigt weiter auszuziehen. Biblisch-christlich sind Buße, Vergebung, Bekehrung, Versöhnung nur so zu denken, dass „des Menschen Umkehr und Gottes Erbarmen so ineinandergreifen, daß der Vorgang nicht mehr in ersten und zweiten Schritt auseinanderzudividieren ist.“ (Werner Grimm/Kurt Dittert: Deuterojesaja …, Stuttgart 1990, 471)

2 In Claus Westermanns sehr konzentrierter Auslegung von V. 6f auf einer einzigen Seite, der auch die Überschrift dieses Impulses entnommen ist (Das Buch Jesaja, Kapitel 40-66 [ATD 19], Göttingen 1966, 231; vgl. die Überschrift „Sucht den Herrn, da Er sich finden lässt“ (in: Roland Gradwohl: Bibelauslegung aus jüdischen Quellen Bd. 3, 246 (Stuttgart 1988) und Ruth Poser in ihrer GPM-Meditation (77/2022, 143): „Gott will gesucht, angerufen, erkannt werden.“ (vgl. Luthers Jesajaauslegung bei Walch VI, 743-747)

3 Zu beiden Erfahrungen gibt es unendlich viele mündliche oder literarische Berichte; hinzuweisen ist jetzt besonders auf Ingolf U. Dalferth: Deus Praesens, Tübingen 2021.

Gerhard Maier

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2023

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