Die Seelsorge Jesu

Der irdische Jesus scheint regelmäßig am Synagogengottesdienst teilgenommen zu haben. Die Perikope enthält den atl. Predigttext (Jes. 61,1f) und die Quintessenz der Antrittspredigt Jesu in Nazareth. Jedes männliche Synagogenmitglied mit Bar Mitzwa konnte vom Synagogenvorsteher zum Lesen der biblischen Texte des Sabbats (Tora und Propheten) aufgefordert werden. Im Anschluss war es ihm außerdem erlaubt, den Prophetentext auszulegen. Jesus nutzt die Gelegenheit, um den Einwohnern seiner Heimatstadt seine Sendung zu erklären. Aufgrund des gelesenen Jes.-Textes steht die seelsorgliche Dimension seines Wirkens im Zentrum. Und zwar in vierfacher Hinsicht.

Die Verkündigung der Gnade Gottes

Fixpunkt der Seelsorge Jesu ist die Verkündigung der Gnade Gottes. Schuld und Versagen sollen nicht länger das Leben der Menschen vergiften und vergällen. Jesus will ihnen Anteil geben an der Würde der Söhne und Töchter Gottes. Er nimmt ihnen die Altlasten der Vergangenheit ab. Sie dürfen neu anfangen – täglich mit ausgeglichenem Konto aufstehen. Dadurch werden sie zu den ersten Freigelassenen der Schöpfung (Johann Gottfried Herder). Indem Jesus Menschen die voraussetzungslose Annahme durch Gott in Wort und Tat vor Augen führt, haben sie die Chance umzukehren und zu glauben. Die Annahme des Menschen, so wie er ist, und die Aufforderung zu Umkehr und Neuanfang sind in der Verkündigung Jesu zwei Seiten der gleichen Medaille.

Menschen am Rande der Gesellschaft

Die Seelsorge Jesu richtet sich zwar nicht nur, aber vor allem an Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen am Rande der Gesellschaft leben. Sie stellen die primäre Seelsorgeklientel Jesu dar. Entsprechend bringt Jesus das Ziel seiner Seelsorge ein Kapitel später, in Lk. 5,31f, prägnant mit folgenden Worten zum Ausdruck: „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder zur Buße.“

Raum der Freiheit

Jesus will Menschen in einen Raum der Freiheit führen. Diesem Wunsch entspricht die Art und Weise seines seelsorglichen Vorgehens. Wie die Evangelien zeigen, respektiert er die Würde der Hilfesuchenden, nimmt sie als selbstverantwortliches Gegenüber ernst und degradiert sie nirgends zum Objekt seiner Fürsorge. Der Respekt vor der Freiheit jedes Menschen prägt auch das Handeln des auferstandenen und verherrlichten Jesus Christus: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir“ (Offb. 3,20). Jesus bricht nicht gewaltsam in das Leben eines Menschen ein, sondern wartet, bis er eingeladen wird.

Seelsorge und Leibsorge

Jesus will Menschen ganzheitlich helfen. Seelsorge und Leibsorge gehören bei ihm zusammen. Bis in die jüngste Vergangenheit herrschte in der kirchlichen Seelsorge entsprechend dem Mainstream der Exegese die Tendenz, die biblischen Berichte über die Heilungen Jesu von der volkskirchlichen Erfahrungsebene her zu lesen, wodurch die in den Texten bezeugten Erfahrungen unter den Verdacht gerieten, nicht wirklich geschehen zu sein. Angesichts zunehmender Globalisierung und dem damit verbundenen Bekanntwerden vieler Berichte von Krankenheilungen aus christlichen Gemeinden Lateinamerikas, Afrikas und Chinas ist die wissenschaftliche Bibelauslegung heute vorsichtiger geworden. Ich plädiere darum für ein neues Lesen der Texte, um auf diese Weise europäisch geprägten Menschen mit Hilfe der biblischen Texte Heilungen als neue Erfahrungsdimension des Glaubens zu erschließen. In eine ähnliche Richtung gehen Überlegungen Klaus Bergers, die er bereits vor Jahren in seinem Buch „Darf man an Wunder glauben?“ vorgetragen hat. Er möchte darin „das Außerordentliche als Maß des Christlichen“ wiedergewinnen.

 

Peter Zimmerling

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2022

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