Geborgen in Gottes Gegenwart

Ein merkwürdiges Datum

Am Jahreswechsel verschmelzen der Blick zurück und der Blick nach vorne. Zwei entgegengesetzte Perspektiven rücken ganz dicht zusammen. Mit welchen Gefühlen wagen wir da den Blick zurück und den Blick nach vorne? Welche Gesichter setzen wir auf, wenn wir in das vergangene Jahr schauen oder auf das kommende Jahr ausblicken?

Zwischen Höhen und Tiefen

Paulus spricht aus der Fülle umtreibender Lebenserfahrungen und mitten heraus aus einem Sturm des Hin- und Hergerissenseins zwischen Oben und Unten, Rechts und Links, Leid und Trost, Angst und Gewissheit. Wer oder was will uns trennen von Gott und seiner Liebe? Das ist die Frage, um deren Antwort Paulus ringt. Und dann folgt eine Aufzählung von allerlei dramatischen Lebensbelastungen und -bedrohungen – aus der Biographie des Apostels. Die Apg. illustriert das auf lebendige Weise: sie erzählt von den Gefahren, denen Paulus und seine Mitarbeiter auf ihren Reisen durch das östliche Mittelmeer immer wieder ausgesetzt waren, von Verhaftungen und Gefängnisaufenthalten, von Prügelstrafen und Auspeitschungen, von kalten Nächten ohne Obdach und Brot, von Wanderungen in glühender Hitze ohne Wasser, von einem Schiffbruch und von Todesurteilen. Es ist eigentlich erstaunlich, wie jemand in seinem Glauben gefestigt bleibt und an Gott gerade nicht verzweifelt, wenn er all das erlebt hat.

Gefühle und Mitgefühle

Verfolgung, Hunger, Blöße, Gefahr oder Schwert – das sind vielleicht weniger unsere Probleme, aber vielfach die Probleme derer, die mit uns Wand an Wand wohnen und möglicherweise in kalten Wohnungen sitzen, weil sie die Heizkosten nicht aufbringen, oder die ihre Heimat verlassen mussten, weil dort ein brutaler Krieg herrscht.

Und die dunklen Stunden der Niedergeschlagenheit oder Angst ereilen jeden und jede von uns. Das sind Lebensumstände, die wir teilen, wenn auch in unterschiedlichem Maß. Derlei Gefühle ereilen uns leicht gerade bei solchen Gelegenheiten wie dem Jahreswechsel.

Für Paulus sind sie aufgehoben in der Nähe Gottes – gut aufgehoben. Hier dürfen sie sein und müssen nicht verdrängt oder verborgen werden. Wahrscheinlich gibt es niemanden, der besser verstünde als Paulus, dass Niedergeschlagenheit und Angst überhaupt nur dort ausgesprochen und ausgehalten werden können, wo sich derjenige auch aufgehoben weiß, der niedergeschlagen ist und ängstlich.

Was sonst noch von Gott trennen kann

Aber da ist noch eine zweite Aufzählung in dem, wovon Paulus schreibt (V. 38f): Der Gedanke, dass uns Leid oder Tod, irdische Mächte und Gewalten von Gott trennen könnten, mag ja nachvollziehbar sein. Aber wie ist es mit dem „Leben“, den „Engeln“, den himmlischen Mächten und Gewalten, von denen Paulus spricht? Kann uns das, was wir als gut, hilfreich und heilsam empfinden, von Gott trennen? Oder anders formuliert: Kann sich uns ein „gelungenes und glückliches Leben“ in den Weg stellen, wenn wir auf der Suche nach der Gemeinschaft mit Gott sind? Paulus rechnet offenbar auch mit dieser Möglichkeit, und dass er es tut, macht ihn zu einer Persönlichkeit, die ausgesprochen realistisch auf das ­Leben blickt.

Gottvergessenheit stellt sich erfahrungsgemäß oft gerade dann ein, wenn wir mit uns und mit der Welt im Reinen sind. In einer Silvesternacht scheint diese Erfahrung besonders nahe. An glücklichen Tagen, im Taumel schöner Ereignisse und Gefühle, in der Geborgenheit von Freundlichkeit oder Erfolg bleibt der Glaube schnell an der Garderobe draußen hängen.

Paulus kennt auch diese Erfahrung und nimmt sie mit auf in sein Nachdenken über das, was zu Gott führt und was von ihm trennt, was an ihm zweifeln lässt und was ihn neu gewiss macht. Auch unsere Gottvergessenheit wird Gott nicht daran hindern, uns nahe zu sein – ein tröstlicher Gedanke.

 

Lieder

EG 64, 1-3.6 „Der du die Zeit in Händen hast“

EG 398, 1-2 „In dir ist Freude“

EG 351, 1.2.11-13 „Ist Gott für mich“

 

Peter Haigis

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2022

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