Weihnachten – schön gemalt und denkwürdig

Predigtsituation und -text

Wohl für die allermeisten ist Weihnachten am 2. Weihnachtstag am Ausklingen – oder schon abgehakt. Der familiäre Höhepunkt dürfte am Heiligabend und/oder am ersten Weihnachtsfeiertag gewesen sein. Nun werden allenfalls letzte Besuche gemacht – oder man erholt sich, ist eventuell beim Skifahren oder zu einem (Kurz-)Urlaub in wärmere Gefilde geflogen. Wer kommt da noch in den Gottesdienst? Nur die ganz treuen Gottesdienstbesucher*innen? Eventuell auch vom diesjährigen Weihnachtsfest Enttäuschte, die doch noch etwas weihnachtlichen Glanz erhoffen? Wie auch immer: der vorgesehene Text reißt einen nicht vom Hocker bzw. der Kirchenbank. Friedrich von Sallet dichtete etwas ironisch:

Der war ein Sohn, der war ein Sohn, der war ein Sohn – der zeugte den, der zeugte den, der zeugte den – So schleppt sich’s fort in trägem Leierton, bis tote Namen wirr im Hirn sich drehn.“1

Der Stammbaum Jesu besteht aus Versen quod nos tam parum curamus (Gnomon zu 1,1). Kein Wunder, dass mit diesem Text kaum gepredigt wurde/wird. Doch ein zweiter und weitere Blicke lohnen sich. Denn unsere Perikope ist randvoll gefüllt mit Theologie. Sie ist „schriftgelehrtes Kunstwerk“ (Konradt, 28). Nurmehr zwei Dinge seien hervorgehoben. Es beginnt schon im ersten Vers: Sprachlich an Gen. 2,4 und 5,1 angelehnt, wird Jesus auf Abraham auf David zurückgeführt. Und außerdem trägt er bereits hier den Hoheitstitel Christos/Messias. Am auffälligsten aber sind vier Frauen. Sehr deutlich heißt es in Klaus Bergers „Kommentar zum NT“ (2011,15; vgl. Luz, 91 und Konradt, 30f), dass „es sich jeweils um eine illegitime Schwangerschaft oder eine solche (handelt), bei der der Vater nicht der regulär dafür gehaltene Mann war. Tamar und Rahab sind Dirnen, die Frau des Uria kommt durch ein Verbrechen an Davids Seite, Rut stammt aus dem feindlichen Volk der Moabiter. Bei Josef hat Gott selbst diese ‚merkwürdige‘ Linie aufgegriffen. Was zuvor im Stammbaum menschlich fragwürdiges oder im Dunkel der Geschichte versunkenes Geschehen war, hat Gott hier durch den Heiligen Geist mit eigener Handschrift fortgesetzt und umgewandelt.“ Wahrlich: „Und Gott schreibt auch auf krummen ­Linien grade“.2

Gottesdienst und Predigt

Die zentrale Stelle in Gottesdienst und Predigt könnte im Verein mit „Es ist ein Ros entsprungen“ eine in der Biblioteca Apostolica Vaticana, Signatur Vat. Lat. 3770, fol. 171v (https://digi.vatlib.it/view/MSS_Vat.lat.3770 – am unteren Balken bis 171v scrollen) vorhandene Seite des Horenbout-Stundenbuches einnehmen. Herzlichen Dank an die Bayrische Staatsbibliothek München für ihre Suchmühen und Glückwunsch zum Sucherfolg!

 

Anmerkungen

1 Vollständig zit. bei Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus (EKK I/1) Zürich/Neukirchen-Vluyn 1985,97. Neben Luz vgl. Matthias Konradt: Das Evangelium nach Matthäus (NTD 1) Göttingen 2015, und vor allem Daniel Marguerat: Jesus aus Nazaret. Heimatloser, Heiler, Poet des Gottesreiches, Zürich 2022, 45-59.

2 Kurt Steinel (Gelnhausen 1959).

 

Gerhard Maier

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2022

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