Gott wohnt bei uns in allen Unsicherheiten

Krieg statt Frieden

„Sie sollen sicher im Land wohnen, und niemand soll sie schrecken“ (V. 28) – man möchte den Satz direkt in die Fürbitten übernehmen, denn die Nachrichten zeigen jeden Abend etwas anderes: Drohnen, die über Kiew kreisen und wahllos Häuser zerstören. Familien, die gerade noch beim Frühstück saßen und jetzt ihre Angehörigen in den Trümmern suchen. Ein Krieg tobt am Rande Europas, ein „Bund des Friedens“ scheint in weite Ferne gerückt. Auch hierzulande schwindet dieses Grundgefühl von Ruhe und Sicherheit. Menschen sorgen sich um ihr Auskommen, sie sind verunsichert angesichts der vielen Krisen. Gottes Verheißung ist schwer zu erkennen in diesen Tagen.

Gott selbst wird Frieden schaffen

Der Friedensbund von Ez. 34,25-31 verheißt ganz elementare Dinge. Gott will sein Volk schützen vor den Gefahren von außen: Sie sollen niemandem mehr dienen müssen und den Völkern ringsum nicht mehr zum Raub werden. Gott will sein Land segnen im Innern: Die Bäume werden Früchte und das Land wird Ertrag bringen. So werden sie sicher wohnen und erfahren, dass Gott der Herr ist. Der Prophet illustriert dies mit dem Bild von den wilden Tieren: Selbst in der Steppe und in den Wäldern soll man ruhig schlafen können, weil Gott die bösen Tiere vernichtet hat. Das ist kein Tierfriede wie in Jes. 11,6-9, auch kein Völkerfriede wie in Jes. 2/Mi. 4, auch kein Friedensbund zwischen Gott und Mensch wie in Jes. 54,7-10. Es geht einfach nur um das sichere Wohnen im Land. Gemeinsam ist diesen Verheißungen nur eins: Gott wird diesen Frieden schaffen. Es braucht keinen Vermittler, Gott selbst wird bei ihnen sein und sie werden sein Volk sein (V. 30).

Diese Rede vom Friedensbund steht übrigens inhaltlich, sprachlich und formal in keiner Verbindung zu V. 23f. Die Rede vom Hirten, vom Knecht David, der das Volk weiden soll, bildet vielmehr den Abschluss von V. 17-24, einem Abschnitt mit ganz anderen Motiven. Hier geht es um soziale Verwerfungen innerhalb des Gottesvolkes. Die Verbindung mit dem Friedensbund V. 25-31 durch die Perikopenordnung erschient willkürlich.

Keine Sicherheit – nirgends

Die Hoffnung auf Frieden hat sich auch zur Zeit Jesu noch nicht erfüllt. Die kleine Familie, Maria, Josef, das Kind, erleben das Gegenteil: Die Willkürherrschaft der Römer, kein Raum, keine Sicherheit, gerade einmal der provisorische Schutz eines Stalles. Kurz darauf die Flucht vor dem Herrscher, der alle Säuglinge umbringen lässt. Sicher wohnen? Niemand soll sie schrecken? Von wegen! Um den Frieden, den Gott gibt, wird man auch damals inständig gebetet haben.

Gott verbindet sich mit uns Menschen

Was lässt sich dann predigen in der Christnacht mit diesem Friedensbund aus Ez. 34? Vielleicht nur dies: „Sie sollen erfahren, dass ich, der Herr, ihr Gott, bei ihnen bin.“ (V. 30) Gott verbindet sich mit seinem Volk besonders in Zeiten von Not und Unterdrückung. Das ist die Erfahrung Israels. Und wir feiern in der Christnacht, dass Gott Mensch geworden ist und sich mit uns Menschen verbündet. Gott wohnt bei uns in allen Unsicherheiten: Wo Menschen Wärme suchen und sich allein fühlen. Wo Häuser bombardiert werden, und Menschen auf der Flucht sind. Wo der Regen das Zuhause wegspült, und Menschen nicht wissen, wohin. Gott ist an der Seite derer, die leiden. „Sie sollen erfahren, dass ich bei ihnen bin.“ Und um den Frieden, in dem alle sicher wohnen können, müssen wir weiter bitten. Er wird nicht von Menschen gemacht, sondern von Gott. Das ist unsere Hoffnung.

 

Titus Reinmuth

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2022

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