Gott steigt unten ein

Ein König …

„Euch ist heute der Heiland geboren, der Retter, der Herr, in der Stadt Davids“, also ein König als Nachkomme Davids, der „Sohn Davids“, wie er genannt wurde, in der Königsstadt Bethlehem.

Bitten Sie einmal ein fünf- bis sechsjähriges Kind, einen König zu malen. Das weiß ganz genau, wie ein König aussieht und was dazu gehört. Eine große Zackenkrone auf dem Kopf, das ist ganz klar, einen roten Umhang dazu, vielleicht noch ein Zepter, auf jeden Fall ein Schwert. So hat ein König auszusehen. Und im Hintergrund möglicherweise noch sein Schloss, denn ein König wohnt natürlich in einem Schloss. Und dort haben die drei Weisen ihn auch gesucht. Im Palast natürlich, beim amtierenden König.

in Windeln

„Und das habt zum Zeichen.“ Windeln. Was ist das für ein Zeichen? Sind das Königsinsignien? Haben die Hirten noch nie ein Wickelkind gesehen, dass Windeln für sie ein Zeichen sind? Das ist doch nichts Besonderes? So könnte jedes Kind aussehen. Eben. Genau das ist es.

Wenn man auf den Eiffelturm will oder sonst auf einen Aussichtsturm, dann steigt man nicht oben bei der Spitze ein, sondern ganz unten, im Erdgeschoss. Auch das höchste Haus betritt man von unten. Genau so ist Gott Mensch geworden. Er hat den Eingang unten gesucht, nicht oben.

Gott erlöst seine gefallen und gequälte Welt. Aber er tut es nicht durch einen magischen Akt, sondern indem er in sie eingeht. Indem er selbst zu einem Teil der Welt wird, macht er die Welt zu einem Teil von sich. Und er geht unten in sie ein, ganz unten. „Ihr werdet finden ein Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ Das habt zum Zeichen. Ja, ein Zeichen!

Gott wird Mensch durch menschliche Geburt

Gott wird nicht anders Mensch als wir alle: durch Heranwachsen im Mutterleib und Geburt, durch Aufwachsen in einer Familie, in einem Dorf, durch Lernen in der Schule und zuhause. Gott wird Mensch. Wirklich Mensch. Mensch von unten her, vom Erdgeschoss aus, auf der Erde und nicht irgendwie darüber schwebend.

„Und das habt zum Zeichen.“ Eine Krippe. Die Krippen waren damals Steintröge, die sahen fast so aus wie ein Grab. Da lag er drin. Und die Windeln umwanden seinen Leib wie später die Grabtücher. Das ist das Zeichen. Er steigt unten ein, und er geht auch ganz unten wieder heraus. „Der gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe.“

Das ist der Trost, der Weihnachtstrost für uns alle, das Weihnachtsevangelium: Gott steigt unten ein. Das heißt nämlich: Er beschränkt sich nicht auf die Guten, die Vollkommenen, die Perfekten. Wenn er unten kommt, dann führt sein Weg wohl auch zu mir. Denn da oben bin ich nicht. Ich mache nicht alles gut und perfekt und richtig. Und er kommt auch nicht erst dann, wenn ich das irgendwie hingekriegt hätte. Er kommt heute. Er kommt jetzt. Und weil er nicht oben einsteigt, sondern unten, kommt er auch zu mir.

Das Menschsein angenommen

Auch bei mir ist der Eingang nicht oben, sondern unten. Auch der Zugang für mich zu mir selbst ist nicht oben, sondern unten, in den Nöten, in den Anfechtungen, in den Dunkelheiten. Da will er hinein, da sind seine Windeln und seine Krippe.

Auch zueinander ist der Zugang unten. Nur was angenommen ist, kann erlöst werden. Seit er so gekommen ist, gibt es erlöste Armut. Er hat unser Menschsein angenommen. Und darum gibt es erlöstes Menschsein. Er hat das Menschsein angenommen bedeutet nicht nur: Er hat es sich übergestreift wie ein Kleid, oder: er hat es sich genommen. „Angenommen“ bedeutet: bejaht, wertgeschätzt, geliebt. Es heißt dasselbe, wie wenn wir einander annehmen, bejahen, wertschätzen und lieben. Deshalb ist bereits die Fleischwerdung Gottes in sich ein Akt der Erlösung.

Da kann man es nur machen wie die Engel und wie die Hirten, man kann nur loben und preisen, staunen und anbeten und sich ergreifen lassen. Ja, Ehre sei Gott in der Höhe, und auf der Erde Frieden den Menschen, weil Gott sie liebt.

 

Franziskus Joest

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2022

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