In haltlosen Umständen gehalten

Und der Friede Gottes…“

Der letzte Vers der Perikope ist wohl vertraut, oft als Predigtschluss verwendet. Die geläufige Formulierung ist durchaus sinnvoll und lässt sich als innigste Worte des Apostels Paulus an seine geliebte Gemeinde in Philippi verstehen; sie entspricht aber nicht ganz dem griechisch überlieferten Wortlaut, dessen Übersetzung inzwischen in die 2017-Revision der Luther-Übersetzung aufgenommen wurde: „Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren“ ( = Futur).

 

Gewissheit

Der in ungewisser Situation in Gefangenschaft lebende Apostel spricht seiner Gemeinde in seinem wahrscheinlich um 55 n. Chr. in Ephesus geschriebenen Brief die Gewissheit zu, in der er sich selbst in den äußeren haltlosen und erniedrigenden Umständen gehalten weiß: „Der Friede Gottes wird eure Herzen und Sinne, d.h. (im Sinne des mit der Hebräischen Bibel vertrauten jüdischen Theologen) eure Gedanken, euer Wollen und Empfinden, in Christus Jesus, in seinem einzigartigen Beziehungsraum, der Gemeinschaft des Gottvertrauens, bewahren (V. 7, vgl. mit Christus, 1,23). Lebt mit mir in dieser Gewissheit!“

Das ist nicht grundlos oder die reale Situation (Auseinandersetzung mit judaistischen Gegnern u.a.m.) schönredend, es hat seinen Grund: Der Kyrios ist nahe! Advent! Für die ersten Gemeinden, denen die Hebräische Bibel mehr in der griechischen Übersetzung vertraut war, bezeichnete „Kyrios“ nicht ausschließlich Christus Jesus als ihren Herrn, sondern es klang für sie auch der biblische Gottesname an.

 

Advent

„Advent“ heißt darum: Gott kommt, und durch ihn ebenso: Christus Jesus kommt. Das ist die Botschaft des Advent. In diesem Raum der Gewissheit leben und warten wir als Einzelne und als Gemeinschaft, die sich an Jesus von Nazareth und seinem Evangelium von Gottes weltweit ausgerichteten Königtum () orientieren. In diesem Raum ist Freude angesagt, „freut euch“ (, V. 4) und zwar stets, zu allen Zeiten, immer (); das griechische Wort kann auch als Gruß gebraucht und so mit einem guten Wunsch verbunden werden, der meine innere Haltung zum Ausdruck bringen möchte.

Wieder klingen Worte aus der hebräischen bzw. griechischen Bibel an, dem AT: Die Freude am Kyrios ist eure Stärke (Neh. 8,10), und wieder sind in der Rede vom „Kyrios“ zwei Namen präsent: der Gottesname und der Jesus-Name. Das Damaskuserlebnis des Paulus, das sein Leben radikal verwandelte und ihn zum Apostel Christi Jesu werden ließ, veranlasste ihn zwar zu einer neuen Deutung seiner religiösen israelitisch-jüdischen Tradition, nicht aber zu einer Abwendung vom Glauben Israels an Gottes Bund, Treue und universalem Heil.

Vielleicht ruft Paulus auch darum zweimal die Gemeinde auf, sich zu freuen – weil erst in dieser doppelten Beziehung unsere Freude die nötige Tiefe und Höhe, Himmel- und Erdverbundenheit atmet. Solche Freude kann nicht in der Innerlichkeit bleiben, im Innen-Raum, sondern dringt hinaus in die Welt, weltweit. Zu ihr gehört „eure Güte“ ( ), die wir „allen „Menschen“ entgegenbringen, sie erfahren und spüren lassen, denn: „Der Kyrios/Gott/Christus Jesus ist nahe“ – Advent (V. 5). Das griechische Wort öffnet durch seine verschiedenen Bedeutungsnuancen (Güte, Milde, Nachsicht/Nachgiebigkeit, Freundlichkeit, s. W. Bauer, WbNT; M. Luthers Übersetzung mit „Lindigkeit“ eignet ein besonderer Charme) einen kreativen homiletischen Raum.

 

Nicht vom Sorgen bestimmt sein lassen

Der nahe Advent des Kyrios bereitet seiner Gemeinde und allen, die sich nach seiner auf umfassenden Frieden ( / ) ausgerichteten Zukunft sehnen, einen hoffnungsvollen Weg. Sein Weg ist eine tiefgründende „Freude in allem Leide“ (EG 398). Dass Paulus, obwohl in seinem Kerker festgehalten, seiner Gemeinde diesen weitaus stärkeren, alles Vorfindliche „überragenden“ (, V. 7) „Friedenshalt“ gibt, bekräftigt seine Glaubwürdigkeit. Es ist sein Wissen um den Weg und seine Erfahrung mit dem Leiden Christi, der österlichen und adventlichen Begegnung mit dem Auferstandenen, mit dem Kreuz Christi, das für ihn Zeichen, Halt und Gewissheit wurde, dass Gott im tiefsten Leid anwesend ist.

Paulus, der allen Grund zur Sorge hätte, ruft seine Gemeinde auf: „Sorgt euch um nichts“ (V. 6); fasst man das Adjektiv als Akkusativ des inneren Objekts auf, lässt es sich statt durch „um nichts“ durch „in keiner Weise/in keiner Hinsicht“ übersetzen. Mit diesem Aufruf meint der Apostel selbstverständlich nicht das Sorgen und Kümmern um den täglichen Lebensunterhalt, die Arbeit, die Familie, die Grundbedarfe und allgemein menschlichen Beziehungen. Ich höre und verstehe seinen Aufruf so: Lasst euch nicht von einem Sorgen bestimmen, das euch unter unguten Druck setzt, isoliert und die Oberhand über euch gewinnt. Leben ist mehr! Ein Sorgen ohne Gott („denn Gott sorgt für euch“, 1. Petr. 5,7) treibt in die Sorgenfalle und schließlich in die Sorgenverfallenheit. Es liegt nahe, anzunehmen, dass sich Paulus auf Jesu Aufruf (vgl. Mt. 6,25) bezieht – er verwendet die gleiche Formulierung und verstärkt sie sogar.

 

Literatur

Gerd Theißen: Das Neue Testament, München 42010, 38f.45-47

Angela Standhartinger: Der Philipperbrief, HNT 11/1, Tübingen 2021

Matthias Konradt: Ethik im Neuen Testament, GNT 4, Göttingen 2022

 

Lieder

EG 11 „Wie soll ich dich empfangen“

EG 12 „Gott sei Dank“

EG 18 „Seht, die gute Zeit ist nah“

 

Heinz Janssen

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2022

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