Heraus aus den Tretmühlen

Dem Nächsten als Nächster begegnen, ohne Wenn und Aber

„Tröstet, tröstet mein Volk! Spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich, und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat…“ (Jes. 40,1-2a). Wie ein Trompetenstoß, dieser Aufruf, zu Beginn von Händels Messias fast zärtlich durch Töne entfacht. Ja, auch wir wollen in diesen ungewissen Zeiten die Trostbotschaft weitersagen und mit adventlichen Chören füllen. Die gute Nachricht erzählen, den historischen Abstand nicht weiter ausleuchten, sondern im Heute aufstrahlen lassen.

Und doch gibt es diesen Einwand: „Siehe, um Trost war mir sehr bange“ (Jes. 38,17). Fragen wir uns: Wann und wie habe ich einem anderen Menschen zur Seite gestanden, nach einem Unglück, in der aktuellen Seelsorge? Wurde meine Hilfe angenommen? War es mir wichtig, einfach nur da zu sein, die Situation mit auszuhalten, weitere Hilfe zu holen, bleiben zu können… Dem Nächsten als Nächster begegnen, ohne Wenn und Aber, mit einer großen Selbstverständlichkeit.

Auch innere Wüsten sollen getilgt werden

Nun wieder der Blick in die offene Szene, der Gang in die Wüste; Staub, Hitze und Kälte, Natur pur. Auch heißt es: „Rede freundlich mit Jerusalem.“ Mit Wüstenbewohnern, Asylsuchenden, Unfreien und Umhergetriebenen. Eine gewaltige Erschütterung wird kommen, Täler werden erhöht, Hügel erniedrigt und krumme Wege begradigt. Auch innere Wüsten sollen getilgt, in unserem Zusammenleben muss vieles zum Guten gewendet werden. Wie kommen wir heraus aus der Tretmühle des immer Mehr, aus Depressionen bei Alt und Jung, dem Zerbrechen von Beziehungen… Frieden bei uns, wie lange noch?

Predigen als Anleitung zur Freude

Nun wird es konkret mit einer direkten Ansprache, denn es spricht eine Stimme: „Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde…“ (Jes. 40,6-8).

Und doch folgen wir diesem Auftrag, weiterhin Texte auszulegen und Gottesdienste zu feiern. Die Freude am Predigen habe ich mir bis heute erhalten können, trotz mancher gesundheitlichen Einschränkungen. Und ein Buch ist mir immer noch ein treuer Begleiter, die Predigtlehre von Rudolf Bohren. Sein Votum „Predigen ist schön, es macht Freude. … Predigtlehre ist Lehre zur Freude; Anleitung zur Predigt, Anleitung zur Freude; das Predigen soll in die Freude führen! In der Freude kommt die Rede von Gott zu ihrem Ziel. Freude bildet jenen zartesten Beweis Gottes …“ (Rudolf Bohren, Predigtlehre, 17).

 

Literatur

Rudolf Bohren: Predigtlehre, Chr. Kaiser Verlag München 1971

Traugott Giesen: Bibel-Energie, Radius 2013

Jack Miles: Gott, Eine Biographie, WBG 1995

 

Lieder

EG 7, 1-5 „O Heiland, reiß die Himmel auf“

EG 8, 1-6 „Es kommt ein Schiff geladen“

EG 10, 1-4 „Mit Ernst, o Menschenkinder“

EG 13, 1-3 „Tochter Zion, freue dich“

 

Lorenz Kock

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2022

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