Kommt das Gottesreich disruptiv?

Am Ende des Kirchenjahres fragen wir erneut nach unserer Sehnsucht nach Frieden und Erneuerung. Der Wochenspruch nährt die Hoffnung auf Frieden, den wir mehr als in den letzten Jahren herbeisehnen. Der Wochenspruch unterstreicht, dass wir als Friedensstifter Mitwirkende an Gottes Friedensreich sein können. Die Perikope für den Sonntag hebt uns ins Bewusstsein, wie zwiespältig die das NT abschließende inbrünstige Bitte „Komm, Herr Jesus, komm“ ist. Denn an apokalyptische Szenarien denken beim Stichwort „Reich Gottes“ heute wohl nur noch wenige. Und das, obwohl die Medienberichterstattung kaum eine Dramatik auslässt, in Untergangsszenarien schwelgt und viele schon heute von der dichten Folge der Hiobsbotschaften überfordert sind.

Zur Zeit Jesu konnte man sich die messianische Aufrichtung der Gottesherrschaft kaum anders vorstellen als eine Theophanie mit Befreiung von Fremdherrschaft, Zornesgericht und heilvoller Restitution Israels mit den dafür nötigen Insignien göttlicher Macht. Die Perikope geht dagegen uneindeutig mit dieser Erwartung um. Zum einen grenzt sich Jesus ab: „Das Reich Gottes kommt nicht mit äußeren Zeichen.“ Zum anderen unterstreicht er, dass eine Welt mit ihren Gesetzmäßigkeiten – auch im selbstverständlichen alltäglichen Zusammenleben – erst untergehen muss, bevor Neues beginnt.

Jenseits aller geschichtlichen Zeiten

Den ntl. Aussagen zur Endtheophanie ist nach Michael Welker gemein, dass sie ein Ereignis beschreiben, das „jenseits aller geschichtlichen Zeiten liegt, weil es alle geschichtlichen Zeiten betrifft“. Er erkennt in den bildhaften Vorstellungen „gezielte Provokationen“, um alle Konzeptionen von Welt, Wirklichkeit und Zukunft zu problematisieren und zu transzendieren (M. Welker in: „Reich Gottes“, Hg. W. Härle, Marburg 1999, 103ff).

Praktisch in fast jeder Kombination der dualen Begriffe „gegenwärtig oder zukünftig“, „immanent oder transzendent“, „innersubjektiv oder äußerlich wahrnehmbar“ wurde das Reich Gottes biblisch und in der theologischen Tradition schon beschrieben. Die jeweiligen Annahmen haben dabei, so Welker, nicht nur Menschen, sondern „ganze Kulturen tief geprägt“.

Es verbietet sich also praktisch in der Predigt, eine „wahre“ Interpretation der Perikope zu versuchen. Vielmehr dürfen wir fragen, welche Antwort uns aktuell am besten passt. Deckte sich das Verständnis eines emergenten Kommens des Reiches Gottes lange eher mit dem eigenen Erleben, so könnte es sein, dass angesichts vieler erst kürzlich erlebter und in naher Zukunft befürchteter disruptiver Prozesse auch eine disruptive Endtheophanie wieder anschlussfähig wird.

Jesus stellt Noah und Lot als Protagonisten einer Ahnung vor, dass „die Dinge“ nicht richtig laufen und „Schlimmes“ bevorsteht, und die daraus ihr Handeln ableiten. Ahnungsvoll sind wohl die meisten unter uns, dass die Katastrophen dieser und noch mehr der kommenden Tage infernalische Folgen haben könnten, sobald bestimmte Kipppunkte überschritten sind. Dennoch gehen die meisten schnell wieder zum daily life über. Beunruhigt ja, aber doch nicht so sehr, dass man die Dinge und das eigene Leben radikal infrage stellen würde.

Veränderndes Handeln

Es lohnt sich in diesem Zusammenhang an Jürgen Moltmanns „transformative Eschatologie“ zu erinnern. Er wandte sich schon früh gegen die „transzendentale Eschatologie“ (Theologie der Hoffnung, 1980): Gott komme weder in einem zeitlosen oder übergeschichtlichen Sinne, noch am Ende der Geschichte. Vielmehr sei die Welt ein offener Prozess, in welchem das Heil und die Vernichtung der Welt auf dem Spiel stünden. Moltmann forderte deswegen eine handlungsfähige Theologie, der es nicht darum gehe, „die Welt, die Geschichte und das Menschsein anders zu interpretieren, sondern sie in der Erwartung göttlicher Veränderung zu verändern“. Eine so verstandene Eschatologie leite zum transformativen Handeln an, um nach Möglichkeiten und Kräften die Neuschöpfung aller Dinge vorwegzunehmen, die Gott verheißen und Christus in Kraft gesetzt hat: „Die Befreiung der Unterdrückten, die Aufrichtung der Erniedrigten, die Heilung der Kranken und die Gerechtigkeit der Armen“. Heute müssen wir die Diakonie an der gefährdeten Schöpfung ergänzen (Röm. 8,22.23; Kol. 1,20). Solchermaßen verwirklicht sich im umfassend verstandenen diakonischen Handeln, das aus dem Hören auf Gottes Verheißung folgt – egal ob in den Gemeinden oder in der Unternehmensdiakonie –, wenig spektakulär und apokalyptisch Jesu Wort für die Jetzt-Zeit: „Denn sehet, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“

 

Lieder

EG 152 „Wir warten dein, o Gottes Sohn“
EG 426 „Es wird sein in den letzten Tagen“

 

Markus Eisele

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2022

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