Feste Burg und zweifelnde Predigt

Wessen Lieder wirst Du singen? (EG 577)

Mit Antworten zu dieser Frage könnte Kirchen- und Weltgeschichte geschrieben werden. Am Reformationstag mag das Sommerlochthemenlied Layla Geschichte sein und doch bleibt die moralisch-ethische Kompassnadel gegenwärtig zittrig. Jetzt, zwei Monate nach der „documenta“-Antisemitismus-Debatte werden diese Töne wieder zunächst leiser sein und doch eben mit der Person Luthers zum Gespräch werden können. Zu den Nöten fällt allen etwas ein: Kriege wüten. Viren wallen. Ein traditioneller Reformationstag mit der ebenso vertraut-klischeehaften Absage an die Halloweens könnte als „fein lustiges“ (V. 5) Liedchen vom Brünnlein vor dem Tore dahinplätschern. Auch werden sich die Geister wieder scheiden, ob die Burg nun feste besungen wird. Doch folgt die Überschrift des Psalms in der Lutherbibel dem Luther zwar, dem Bibeltext jedoch herzlich wenig.

Welche Bilder wirst Du malen?

Am Reformationstag ein Psalmlied von Korachitern. Das ist weniger die reale Autorenschaft als die erste Verbindung dieses Psalms zur Geschichte der Korachiten als glatzköpfige Tempelsänger. Ihres Zeichens politische Liedermacher, in der Tradition Korachs, der anachronistisch protestantisch gegen religiöse Führungsansprüche eines Einzelnen die Stimme für ein „Priestertum aller Israeliten“ erhob. Daneben die anregende, zweite Verbindung des Psalms, wenn man der einzigartigen Leseanweisung „nach der Weise junger Frauen“ folgt. Da bekommt manch machtvoll tönende Stimme der „protestantischen Marseillaise“ (Heinrich Heine) kirchen(lied)geschichtlicher Tradition am 31.10. noch eine andere Variation. Denn der Psalm bewegt sich nach hinten und nach vorne. Er klingt nach einer Musiktradition von jungen Frauen, die trommeln (Ps. 68,26) und tanzen (Ri. 11,34), wie es der Grundton der Großerzählung des Exodus ist – seit Mirjam (Ex. 15,20). Der Psalm besingt als Vertrauenslied die zu beschützende Stadt in auswegloser Situation. Der Gott Jakobs (V. 2.8.12) ist auch der Gott Rahels und Lea und wie sie heute heißen. Und nennt die Namen der Krieger, denen das Bild der Stärke und Gewalt zugeschrieben wird, an dem Gott kein Gefallen hat (Ps. 147,10).

Welche Anfechtung wirst du nennen?

Wie der Psalm, so bewegt sich die Reformationstagshymne. 1529 war sie rhythmisch kompliziert und doch ein „leichtes“ Lied für die Laute, mit „beschwingtem Beat, fast taugte es auch als Rap“ (Robert Leicht). Das nach innen gekehrte Bußlied für den Sonntag Oculi wurde erst nach J.S. Bach mit Pauken und Trompeten zum antikatholischen Triumphzug. Braucht auch EG 362 eine Reformation, durch die Variationen hindurch, zurück zum Wurzelpsalm? Kommt Lied zum Psalm zurück und kommt dieser zugleich in der Gegenwart an: „wenngleich die Welt unterginge“, und das tut sie doch gerade. Zumindest gehen gewohnte Weltsichten unter: selbstsichere Relevanzburgen, überhebliche Welterklärungsungestüme, unendliche Ressourcenmeere. Die Zeiten des (vermeintlichen) Triumphs sind vorüber. Der Psalm ist wieder da und mit ihm alle persönliche Anfechtung. Und während die Großkrisen kein Geheimnis sind, kommt meine Existenz und mein Ich merklich in die Krise. Ähnlich dem bettlerischen Luther. Ähnlich dem in der Wüste versuchten Christus. Ähnlich dem Beat des Vaterunsers, bei dem ich in und vor Versuchung und Anfechtung bewahrt werden will. Im Wallenden und Wütenden trifft der Psalm auf zweifelnde Herzen und weniger auf sichere Burgen. Die Macht eines Lieds, weil mir sonst die Stimme versagt, und die Gabe des Psalms, der Worte für die Mitbetenden und Mitsingenden hat. Der Reformationstag als Ort und Wort angefochtenen Lebens, zweifelnden Predigens, mit bittenden Händen.

 

Lars Hillebold

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2022

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