Liebe üben

Bislang rangierten diese Verse als sog. „weiterer Text“ und sind vermutlich nicht oft Grundlage einer Predigt gewesen. In seinem ersten Jahr als Predigttext nun steht der Abschnitt quasi in Konkurrenz zum am folgenden Montag stattfindenden Reformationstag – manch eine Gemeinde wird am Sonntag schon dieses Fest feiern wollen.

Das „Lied der Lieder“

Die Einleitungsfragen sind für das Lied der Lieder umfassend debattiert1 – und bleiben doch unergiebig. Wir kennen weder den Verfasser, noch den Abfassungs- bzw. die Überarbeitungszeiträume näher, wir wissen nicht, wo diese Texte entstanden sind, und das Buch hat weder eine erkennbare Gliederung, noch eine „Handlung“ – jedenfalls keine, auf die sich eine Mehrheit der Exegeten hätte einigen können. Es muss also ohne gehen. Wir wissen, dass das Hohelied erst spät einen festen Platz im Kanon der hebräischen Bibel hatte. Es hat praktisch keinen expliziten Gottesbezug und feiert in vielfältigen, poetischen und anschaulichen Bildern die erotische Liebe von Mann und Frau. Sowohl die jüdische als auch die christliche Tradition kennen ­einen breiten Strom der allegorischen Auslegung des Hoheliedes und damit der mystischen Deutung der menschlichen Liebe auf die Gottesbeziehung hin.

Mit dem Lied der Lieder haben wir eine Sammlung von Liebesgedichten vor uns, in denen Mann und Frau – überwiegend aber die Frau bzw. ein Mädchen – zu Wort kommen und in immer wieder neuen Bildern der Sehnsucht nach und der Freude an der Gegenwart, Zärtlichkeit und Schönheit des/der anderen Ausdruck verleihen2.

Unsere zwei Verse besingen die unbesiegbare Kraft der Liebe – nur ein Tor, der die Liebe nicht kennt, käme auf den absurden Gedanken, sie für Reichtum kaufen zu wollen. Mit dem NT vertraute Predigthörer mögen sich erinnert fühlen an Paulus’ Aufzählung all dessen, was uns nicht von der Liebe Gottes trennen kann.

Zwei Predigtideen

Für eine Predigt sehe ich zwei Möglichkeiten: eine Bildbetrachtung oder den Versuch, diese Verse mit dem Wochenspruch aus Mi. 6,8 zu verknüpfen.

Der große Liebende und Leidende, Marc Chagall, hat zum Hohelied u.a. eine Darstellung hinterlassen, die im Internet aufzufinden ist3: „Hohelied IV“, 1958. Vor leuchtendrotem Hintergrund trägt ein geflügeltes Pferd ein Brautpaar über Leben und Leiden der Welt hinweg. In der Symbolsprache Chagalls steht das Pferd für Stärke, Verlangen, auch Freiheit, der Hahn für Fruchtbarkeit. Unterhalb des Pferdes kann man die dunkle Sonne des Leidens erkennen, die Silhouette der Stadt Jerusalem, jüdische Menschen mit Menorah oder Gebetbuch, einen Rabbi mit zum Gebet erhobenen Händen, Mütter mit Kindern, ein weiteres Liebespaar, einen Harfenspieler und am linken Bildrand einen niederfahrenden Posaunenengel. Alles, was das Leben ausmacht hat hier Raum, nichts davon widerspricht der Liebe, nichts entkräftet sie.

Anders interessant kann eine Verbindung mit dem Wochenspruch aus Mi. 6 werden. Im Ohr haben wir alle den Luthertext, in dem es heißt: Liebe üben. Damit wäre „Liebe“ das verbindende Stichwort – freilich muss der Schritt geschafft werden von der erotischen zur Nächstenliebe. Sonst bleibt es eine bloße Stichwortassoziation, ohne dass der eine Text den andern befruchten würde.

Der hebräische Text hat hier אהאבת חסד, das Lieben der Gnade, der Güte. Recht tun und Güte lieben und besonnen mitgehen mit deinem Gott – so verdeutscht es die Bibel in gerechter Sprache. Hier ist es das Üben und Lieben der Gnade, mit denen der Mensch auf den Spuren Gottes unterwegs ist, und die gerade nicht beschränkt werden können auf die schönen Stunden. Denn: auch große Wasser ­löschen die Liebe nicht aus.

Es ist eine Herausforderung, die menschliche, erotische, verlangende Liebe zu preisen, sie nicht abzuwerten oder umzudeuten, sondern sie als großes Bild des noch Größeren zu deuten.

 

Anmerkungen

1 Eine kompakte Darstellung der Deutungslinien bis 1998 bietet A. Brenner in: Kompendium Feministische Bibelauslegung, 2. Aufl. 1999, ab 233.

2 Die Neuübersetzung von Klaus Reichert ist als Hörbuch erschienen, gelesen von Anna Thalbach – leider vergriffen, aber eine Hörprobe unter: https://www.audiolibrix.de/de/Directory/Book/6725/Hoerebuch-Das-Hohelied-Salomos-Lesung-mit-Musik-Diverse-Autoren vermittelt einen Eindruck von der sinnlich-würdevollen Interpretation des Textes und ist ein intuitiver Zugang zu diesem besonderen Genre – auch zu der Kraft, die Inhalt unserer Verse ist.

3 Z.B.: http://www.gaebler.info/kunst/nizza/04.htm, analog in: Marc Chagall, Bilder zur Bibel, 1983, 103.

 

Dörte Kraft

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2022

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