Sei klug und halte dich an Wunder“

Eine Doppelerzählung

Man könnte über die Heilungsgeschichte Worte aus dem Gedicht „Rezept“ von Mascha Kaleko schreiben: „Sei klug und halte dich an Wunder“. Ist die Aktion der Freunde der letzte Versuch, dem Gelähmten zur Gesundheit zu verhelfen? Jedenfalls scheint Hoffnung im Spiel, dass Jesus helfen kann. Es scheint auch von niemandem in Frage gestellt zu werden, dass Jesus nicht nur Prediger ist, der ihnen „das Wort“, Synonym für Evangelium bis heute, sondern auch Therapeut ist und Kranke heilen kann.

Zum Ort des Geschehens ist zu sagen, dass es sich um ein palästinensisches Haus mit einem Flachdach handelt, auf das von außen eine Treppe hinaufführt, das dann abends als zusätzlicher Wohnraum dienen kann und auch für den Aufenthalt von Tieren geeignet ist. Die nötige Tragfähigkeit wird durch stabile Holzbalken mit Lehmzwischenräumen erreicht. Diese Bedachung konnten die vier Krankenträger aufreißen und durch das entstandene Loch den Kranken hinunterlassen. Als Jesus sah, mit welcher Tatkraft sie zu Werke gingen, deutet er es als Glauben in Stellvertretung und sprach den Gelähmten an: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ Sicher hatten die Anwesenden die sichtbare Heilung erwartet. Ein retardierendes Element, dass Jesus zuerst die Sündenvergebung zuspricht. Enttäuscht? Damit endet der erste Teil der Geschichte (V. 1-5).

Der zweite Teil (V. 6-12) ist ein Streitgespräch zum Thema: Wer kann Sünden vergeben? Doch nur Gott allein! Alle anderen Behauptungen sind Blasphemie, Gotteslästerung! Das wissen die anwesenden Schriftgelehrten genau. Jesus kennt auch diese Diskussion und stellt die bis heute bekannte Frage: Was ist schwerer, das Unsichtbare zu tun, also Sünden vergeben, oder das Sichtbare, die zu sehende Heilung des Gelähmten. Und dann, so quasi als Erweis seiner Vollmacht, auch Sünden zu vergeben, klappt die Heilung des Gelähmten nach: „Nimm dein Bett und geh heim.“ Und er tut es. Und das führt zu Entsetzen und Gotteslob und der Aussage der Anwesenden, so etwas noch nie gesehen zu haben. Alle haben das Gefühl, bei etwas Einmaligem dabei gewesen zu sein.

Mögliche thematische Predigtschwerpunkte

1. Der Zusammenhang zwischen Sünde und Krankheit wird nicht geleugnet.

Da der Mensch eine Einheit von Leib und Seele ist, ist eins ohne das andere nicht zu denken. Aber es wird nicht spekuliert, in welchem Maße eins das andere bedingt, welches die Vorrangstellung hat. Und die Erzählung gibt auch keine Antwort, warum gerade diese Krankheit diesen Menschen quält. Außerdem würden wir heute manche Krankheiten ganz anders definieren, da wir in geschichtlich-kulturell-sozial anderen Kontexten leben. Die jeweiligen Gesellschaften legen fest, was als krank gilt und was nicht.

Ich schlage vor, den Gelähmten als wirklich körperlich Gelähmten, als Paralytiker zu verstehen, der seinen Körper nicht bewegen kann und nicht zu einer geistigen Unbeweglichkeit überzugehen, was manchmal in heutigen Wunderdeutungen geschieht, um Menschen im 21. Jh. das Wunder verstehbarer zu machen. So etwa, dass man bei der Sündenvergebung noch mitgehen kann, als das leichtere, und bei der wirklichen Heilung dann nicht mehr. Aber: Was ist schwerer, Sünden zu vergeben oder zu heilen?

2. Stellvertretender Glaube

Ich habe immer dafür plädiert, dass jeder Mensch für sich selber glauben muss. Aber die unzähligen Fürbittgebete in allen Bereichen des Lebens geben dem stellvertretenden Glauben Raum in der Glaubenspraxis. Gebete um Frieden überall auf der Welt, um Nahrung für Hungernde, Gebete für die Umwelt, für eigene und fremde Kinder … Es gibt in Glaubensgemeinschaften Fürbittstunden. Überall steht die Überzeugung dahinter, dass auch dem stellvertretenden Glauben Erhörung zuteil wird. Als Jesus ihren Glauben sah, wandte er sich dem Gelähmten zu, der kein Wort spricht, namenlos in der Geschichte ist, nur durch seine Krankheit bezeichnet und von Jesus angesprochen wird: „Nimm dein Bett und geh heim!“

3. „familia dei oder Freundeskreis?

In den christlichen Kirchen ist das Bild der familia dei vorherrschend: (Heiliger) Vater, Brüder, Schwestern, Kinder eines Vaters, Brüdergemeine, Schwesternschaften, Familiengottesdienste … Das andere Gemeindemodell orientiert sich mehr am Freundeskreisgedanken. Allerdings haben beide Modelle ihre Stärken und Schwächen. Eine Familie suche ich mir nicht aus. Ich werde in sie hineingeboren und bleibe mein Leben lang ihr Mitglied, selbst bei geäußerter Ablehnung. Einen Freundeskreis suche ich mir aus, schätze mich glücklich, wenn ich aufgenommen werde, möchte ihn nicht verlieren. Die wahren Freunde, der Freundschaftsbund ist eine schöne Idee, bedichtet und besungen.

4. Die positive Weltsicht der Wundererzählungen

Die Wundererzählungen des NT atmen den Auferstehungsgeist von Ostern. Jesu Wundertaten zeigen auf das Ende einer alten Welt und den Beginn einer neuen. Die Gegenwart wird zur Zeit des Heils, im Gegensatz zur pessimistischen Weltsicht der Apokalyptik, die in der Gegenwart nur die große Krise sieht, das große letzte Endgericht, Hamargeddon. Und die Wundererzählungen Jesu haben durch die Jahrhunderte immer wieder Menschen ermutigt, an die Veränderbarkeit der üblen Zustände zu glauben und daran zu arbeiten, gegen sie zu protestieren. Und nicht zuletzt werden sie diakonische Aktivitäten angestoßen haben, dass sich Christen Menschen in scheinbar aussichtslosen Situationen zugewandt haben, sie sozusagen zu den Bettträgern für den Gelähmten bei Mk. 2 wurden.

 

Ursula Bürger

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2022

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