Not-wendige Lieder

Erste Gedanken beim Lesen des Predigttextes

Wie führe ich mein Leben richtig? Und dann im Text der Hinweis auf die Zeit. Mir fällt der Song von Peter Janssen (1934-1998) ein „Wieviel Zeit braucht ein Mensch, / um ein Mensch zu werden? / Wieviel Zeit hab ich noch?“ Oder auch Wolf Biermanns (*1936) „Ermutigung“: „Du lass dich nicht verbrauchen, / gebrauche deine Zeit!“

Ich bleibe an der Bemerkung hängen, dass die Zeit „böse“ sei?! Was ist zu tun? Den „Willen des Herrn“ erfüllen! Und dann moralische Empfehlungen: Sich weniger mit geistigen Getränken als eher mit geistlichen Liedern befassen. Singt und spielt dem Herrn!

Das Singen und Spielen gefällt mir gut. Aber schließt das ein Schnäpschen aus? Ist das nicht zu prüde? Und heißt es nicht von Jesus, er sei ein Fresser und Weinsäufer gewesen (Mt. 11,19) – also jemand, der gerne mit den Menschen gefeiert hat? Worum soll es in der Predigt gehen, dass sie nicht in ein Moralformat abrutscht sondern Lust auf „Weisheit“ macht?

Gedanken zu einer Predigt

„… es sind böse Tage“ (V. 16b)

Nachdem die „bösen Tage“ der Corona-Pandemie in die zweite Reihe gerückt sind, steht der Ukrainekrieg im Vordergrund. Die Angst vor einer Energie- und Nahrungskrise beschäftigt viele Menschen. Die „bösen Tage“ zeigen sich auch im Klimawandel mit Überschwemmungen, Dürren. Böse ist, was unser „normales“ Leben in Unordnung bringt, was uns erschüttert, ängstigt und hoffnungslos macht. Zu dem Genannten kommen noch die Folgen der Pandemie: Ängste vor Infektionen, vor der Nähe von Menschen, Misstrauen in die Nachrichten, Suche nach neuen Begegnungsformen – auch in der Kirchengemeinde. Das „Böse“ unserer Tage fordert neue Regeln und Umgangsformen, eine neue Sprache und ein neues Denken. Das „Böse“ macht Angst – und möchte doch bewältigt werden, damit es zum Guten wird.

Kauft die Zeit aus!“ (V. 16a)

Was tun? Die Zeit auskaufen, findet sich im NT nur noch Kol. 4,5. Die mediale Fassung des Wortes verstärkt die Bedeutung und erhält eine Totalität wie der „Sommerschlussverkauf“: Die Zeit muss bis zum Letzten ausgeschöpft und „ausgekauft“ werden. Viele Menschen haben die Zeit der Pandemie dazu verwandt, ihr Haus, ihre Wohnung neu zu ordnen. Andere haben ihre Dokumente und Unterlagen sortiert. Menschen legen Holzvorräte an – für einen strengen Winter 2022/2023. Hamsterkäufe für „Notzeiten“ werden in Zeitungen empfohlen. Was fehlt noch? Menschliche Beziehungen wachsen sehr langsam. Aus Zeiten der Pandemie ist „Vorsicht!“ geboten. Der PC ist für viele das Kontaktmedium geworden. Aber auch hier gibt es Viren­angriffe …

Angebote des Eph.: Musik! (V. 19)

Der Brief zeigt die Möglichkeit auf, die „bösen“ Tage im Alkohol zu ertränken. Jede Sucht katapultiert in ein besseres Sein, erleichtert das Leben und lässt „das Böse“ vergessen. So aber nicht die neue Gemeinde aus Juden und Heiden: Die „Kirche“ soll ein anderes, ein neues Verhalten an den Tag legen. Mit Musik. Lieder sind ein guter Aufstand gegen das „Böse“. Eph. übernimmt die musikalischen Gedanken von Kol. und führt sie „militant“ weiter. „Denn wir haben nicht mit Fleisch oder Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen“ (Eph. 6,12a). Doch wie sollen die Lieder, wie die Musik aussehen, die die Not und das Böse dieser Tage wenden können? Wie sehen Not-wendige Lieder aus?

Dank (V. 20)

Dank ist angesagt – jederzeit und für alles. Wir blicken auf das, was uns freut, stärkt und aufrichtet. Was haben wir dazugelernt? Worin sind wir hoffnungsvoller geworden? Das Böse zieht hinunter – auch in Depression und Hoffnungslosigkeit. „Wir ziehen aus aus der Brotlosigkeit / in das Land, wo Milch und Honig fließt. / Wir ziehen aus aus der Hoffnungslosigkeit, / komm steh auf, wir ziehen aus“ (Eckard Bücken). Dagegen will Eph. zum Standhalten ermutigen, zum Widerstand gegen das Böse. Mit Dank „der Stadt Bestes suchen“ (Jer. 29,7)? Auch heute noch sehr beliebt: „Danke für diesen guten Morgen“ (Martin Gotthard Schneider). Aber können wir heute (noch) mit der letzten Strophe singen: „Danke, ach Herr, ich will dir danken, / dass ich danken kann“? Und können wir damit das Böse bezwingen? Im Vaterunser bitten wir, dass Gott uns vom Bösen erlöse. Eph. ermutigt dazu, gegen das Böse anzukämpfen. Ist das nicht der echte Paulus? In Anlehnung an die biblischen Balladen von Klaus-Peter Hertzsch: Der ganze Mensch sei voll Gesang! – Das wäre eine angemessene Kleidung der Kirche.

Intelligenztest (V. 17)

Der Predigttext beschreibt dieses Verhalten als „Einsicht“, lat. intelligentia. Dies sei der Wille Gottes, der mit diesem neuen Verhalten geschehe und Gestalt annehme. Also keine geistigen Getränke, sondern geistliche Lieder zur Bewältigung der Krise und der Not. Und dazu braucht es die Anderen, die „Gemeinschaft der Heiligen“, die Kirche. Gemeinsam singen und spielen, das lässt das Wort Gottes in uns wachsen, sodass neue Ideen sprühen und das Reich Gottes unter uns Raum gewinnt. „Dann wird die Freude wachsen, / weil unser Leben Kreise zieht“ (EG 589 EKKW). Und wenn auch keine völlige „Erlösung vom Bösen“ geschieht, so entsteht doch ein bisschen Licht in der Welt und Böses wird in Gutes gewandelt. So entstehen neue Werte, Normen und Umgangsformen. So wird aus der Klage: „Meine engen Grenzen, / meine kurze Sicht bringe ich vor dich. / Wandle sie in Weite: / Herr, erbarme dich“ (EG 584 EKKW) eine neue Sicht: „Weit wie das Meer ist Gottes große Liebe“ (EG 622 NE-LK). Darin bestätigt sich der „Intelligenztest“ der Kirche und dass wir Christen auf einem guten Weg sind.

Weitere Lieder: EG 589 „Komm, bau ein Haus“ (EKKW), EG 607 „Laßt uns miteinander“ (EKKW).

 

Literatur

Schalom Ben-Chorin: Paulus, 1980
Wolfgang Kraus u.a. (Hg.): Das Neue Testament jüdisch erklärt, 2021
Gert Otto (Hg.): Sachkunde Religion, 1969
Die Bibel in gerechter Sprache: 4. Aufl. 2020
Klaus-Peter Hertzsch: Der ganze Fisch war voll Gesang, 13. Aufl. 2005

 

Christoph Kühne

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2022

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