Hinterm Horizont geht’s weiter

Zu wenig!?

Im zweiten Gottesknechtslied ist das „Achtergewicht“ im V. 6 auffällig (in der Lutherbibel mit Fettdruck hervorgehoben). Die wichtigste Botschaft neben all den anderen bedeutsamen Themen wie z.B. Berufung, Erwählung, Zweifel, Trost steht nämlich erst am Schluss: Der geheimnisvolle „Knecht Gottes“ hat neben dem großen Auftrag, das verstreute Gottesvolk wieder zusammenzubringen, die noch viel größere Mission, „Licht für die Völker“1 zu sein.

„Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist“ – wie fühlt sich das an für die Person, die diesen Auftrag erhält? Als göttlicher Zuspruch? „Ich habe noch Größeres mit dir und den Völkern vor!“ Als Zumutung? „Du denkst zu klein von deinem Auftrag!“ Als Überforderung, anknüpfend an V. 4 („Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich … Jetzt auch noch das?“)?

Das zweite Gottesknechtslied gibt darauf keine Antwort, wie das „zu wenig“ von den Betroffenen empfunden wird. Die biblische Überlieferung hat offenbar kein Interesse an dieser modernen, subjektivierenden Fragestellung. Was allein zählt, ist die universale Ausweitung des göttlichen Heils für Juden und Heiden.

Zu wenig? – Dein Glaube ist groß

In dieser Spur bewegt sich das Evangelium des Sonntags aus Mt. 15,21-28. Die Begegnung mit der heidnischen Mutter überrascht mit der Pointe, dass Jesus gegen seine ursprüngliche Überzeugung dann doch rettend eingreift. Und das, obwohl er selbst sich zunächst nur zu „den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ gesandt sieht und weitergehende Ansprüche und Bitten brüsk abweist!

Der große Glaube der Kanaanäerin durchbricht die bisher unüberwindbare Grenze zwischen Juden und Heiden. Zeichenhaft erfüllt sich in dieser Begegnung Jesu mit der kanaanäischen Frau, was dem „Knecht Gottes“ bei Jes. prophezeit wird. Jesus soll nicht nur Heiland für die eigenen Leute, für das Haus Israel, sein – das ist noch „zu wenig“! Er soll „Licht der Völker“ sein und die „Enden der Erde“ erreichen.

Zu wenig? – Gottes Auftrag reicht über die eigene Begrenzung hinaus

Was dem „Knecht Gottes“ in Jes. 49,1-6 und Jesus in Mt. 15,21-28 zugemutet wird, scheint zunächst eine Überforderung zu sein. Schließlich ist es ein natürliches Bedürfnis, sich zuerst auf die eigenen Leute zu konzentrieren! Zuerst die eigene Gemeinde, den eigenen Kirchturm, das eigene Milieu … im Blick zu haben. Oder?

Dazu kommen frustrierende Erfahrungen und fehlende Resonanz eigener Mühen: „Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz“ (V. 4). Auch hier können Prediger und Predigerin sowie Gemeindeglieder mit eigenen Erfahrungen anknüpfen. Allerdings, damit ist die Geschichte Gottes noch nicht an ihr Ende gekommen, wie der folgende Vers des Gottesknechtsliedes zeigt.

Wertvoll und wegweisend ist der Zuspruch, den der „Knecht Gottes“ mit diesem Ehrentitel empfängt. Er bekennt: „Ich bin vor dem HERRN wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke“ (V. 5). Die erfahrene Wertschätzung und die Stärke Gottes ermöglichen die Überschreitung des Horizonts. Wo menschliche Möglichkeiten an ihr Ende kommen, wird die Angewiesenheit auf göttlichen Beistand handgreiflich. Als von Gott Wertgeschätzte können wir uns im Gebet ihm zuwenden und ihn um Wandlung bitten: „Meine engen Grenzen, / meine kurze Sicht / bringe ich vor dich. / Wandle sie in Weite, / Herr, erbarme dich.“2

Gottes Zuspruch und Anspruch überschreiten so die eigenen Begrenzungen und die Fixierung auf unser menschliches „zu wenig“.

 

Anmerkungen

1 Interessant ist dabei die Verschiebung der Übersetzung von „Licht der Heiden“ (Luther 1984) zu „Licht für die Völker“ (Luther 2017).

2 Vgl. das Lied „Meine engen Grenzen“, Text: Eugen Eckert, Musik: Winfried Heurich, 1981 (Regionalteile des EG).

 

Albrecht Schödl

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2022

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