Leben unter dem offenen Himmel Gottes

Über keine andere Person aus der Frühzeit des Christentums wissen wir so viel wie über Paulus. Zu allen Zeiten hat er Menschen herausgefordert: Die einen sind begeistert von seiner Person und Lebensleistung, die anderen entwickeln einen abgrundtiefen Hass auf ihn. Friedrich Nietzsche nennt ihn den „Verderber des Christentums“; viele feministische Theologinnen sehen in ihm einen Frauenfeind.

Eine Lebenswende von enormer Bedeutung

Die Lebenswende vor Damaskus nimmt für das ganze Leben und Werk des Paulus eine Schlüsselstellung ein. Insgesamt wird die Bekehrung des Apostels achtmal im NT berichtet: fünfmal von Paulus selbst in seinen Briefen und dreimal in der Apg. Daraus lässt sich schließen, dass sie in der urchristlichen Gemeinde eine enorme Rolle spielte. Vor der Christusbegegnung war Paulus das jüdische Gesetz, die Tora, Mitte seiner Erkenntnis und seines Wirkens – Jesus von Nazareth dagegen der gotteslästernde Prophet. Durch die Bekehrung wurde sein bisheriges Christusverständnis in revolutionärer Weise verwandelt. Jesus Christus war für ihn nicht länger der Verführer Israels, sondern der zum „Sohn Gottes in Macht“ (Röm. 1,4) eingesetzte Herr (2. Kor. 5,16).

Entscheidend für die Theologie und Verkündigung des Paulus war, dass er die Begegnung mit Jesus Christus als Begnadigung erfuhr. Statt des wohlverdienten Gerichtes über den Christuslästerer erlebte Paulus Annahme und Versöhnung durch Gott. Damaskus veränderte sein Gesetzesverständnis. War ihm bis dahin die Gesetzeserfüllung der einzige Weg, um vor Gott gerecht zu werden, lernte er nun, dass der gekreuzigte und von Gott auferweckte Jesus von Nazareth das Ende des Gesetzes als Heilsweg bedeutete (Röm. 10,4). Die Herrlichkeit Gottes auf dem Angesicht des erhöhten Christus überstrahlte die Herrlichkeit, die der Tora innewohnt (2. Kor. 3,7-11).

Mit der Erfahrung der Vergebung erschöpfte sich die Wirkung der Begegnung mit dem Auferstandenen für Paulus noch nicht: Er wird im gleichen Augenblick zum Apostel berufen. Er wurde selbst zum Prediger der Versöhnung. Die Besonderheit seiner Berufung bewirkte bei ihm den Eindruck einer besonderen Verpflichtung. Der Predigttext berichtet, dass Paulus unmittelbar nach der Begegnung mit dem Auferstandenen begonnen habe, als Zeuge Jesu Christi zu wirken. Als studierter Rabbiner hatte Paulus das Format, in der jüdischen Synagoge mit dem AT zu belegen, dass Jesus der von Gott gesandte Messias war.

Für jeden Menschen bedeutsam

Lukas hat in der Apg. den Bericht von der Begegnung des Paulus mit dem auferstandenen Jesus von Nazareth wahrheitsgemäß wiedergegeben. Dass Paulus erblindet, ist Beleg für die äußere Wirklichkeit des Vorgangs. Seine Wucht wird auch am körperlichen Zustand des Apostels wahrnehmbar (Apg. 9,8f). Die Begegnung mit Jesus war keine Vision, die sich nur innerseelisch abspielte, sondern ein einzigartiges Ereignis, das sich weder in seinem Leben noch dem anderer Christen wiederholte. Es ist nur mit den Ostererscheinungen der Jünger vergleichbar.

Die Bekehrung des Paulus ist für jeden Menschen bedeutsam. An ihr wird sichtbar: Gott möchte, dass jeder Mensch erkennt, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist – egal, wie weit er sich von Gott entfernt hat. Normalerweise geschieht das nicht durch ein einmaliges Erlebnis wie bei Paulus, sondern in einem längeren Prozess mit mehreren Schritten. Auch heute noch wachsen die meisten Christen Stück für Stück in den Glauben hinein: durch Taufe, Kindergottesdienst, Konfirmation, Religionsunterricht und junge Gemeinde. Jedem Menschen, der glaubt, beginnt sich der Himmel bereits in dieser Welt zu öffnen. Fortan lebt er unter dem offenen Himmel Gottes. Normalerweise folgt daraus automatisch der Wunsch, anderen Anteil an der eigenen Erfahrung mit Gott zu geben. Deshalb sind nicht nur Haupt- und Ehrenamtliche, sondern alle Christen berufen, in ihrem Leben das Evangelium mit Wort und Tat zu bezeugen.

 

Peter Zimmerling

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2022

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