Soziale Schieflagen am Pranger

Perikopengehäcksel

Der Zuschnitt der Sonntagsperikope muss kritisch reflektiert werden. Kernbestand des Predigttextes soll offenbar die Strafrede des Nathan gegen David und dessen raffinierte Überführung durch den Propheten sein. Mit der Auslassung von V. 11f wird dem Urteilsspruch Nathans eine markante Spitze genommen, wohl deshalb, weil auf diese Weise die Nachgeschichte mit Davids Sohn Absalom ab Kap. 13 nicht auch noch erzählt werden muss (vgl. zu V. 11 Kap. 16,22). Umgekehrt ist es sicher gut, nicht mit dem Urteilsspruch, sondern dem Zuspruch der Vergebung (V. 13) zu enden; ob jedoch die tragische Verstrickung mit dem Tod des unschuldigen Kindes Thema der Predigt sein sollte, erscheint fraglich – hier entsteht ein neuer Erklärungsbedarf von komplexer theologischer und seelsorgerlicher Tragweite.

Kein Kavaliersdelikt

Die Vorgeschichte des Ganzen gehört ausführlich zur Predigt hinzu. Sie wird von Nathan in V. 11 nur knapp angedeutet und darf für die Predigthörenden ruhig ausgebreitet werden. Dabei stellt sich freilich die Frage, worauf der Akzent gelegt wird. Ehebruch war zu Zeiten des dtn. Gesetzes (und mit einer redaktionellen Überarbeitung aus diesem Geist heraus haben wir es hier allenthalben zu tun) kein Kavaliersdelikt (vgl. Dtn. 22,22). Das mag heute anders gesehen werden. Indes wäre es verkürzt, auf die Sexualmoral abzuheben, die Geschichte von David, Bathseba und Uria hat noch andere Dimensionen: da geht es um eine hinterhältige Tötung und, wie Nathans Gleichnis zeigt, – vor allem – um Machtmissbrauch und soziale Ungerechtigkeiten. Das könnte kaum aktueller sein!

Zerbrochene Krüge

Die erzählerische Qualität hier, aber auch an anderen Orten des Königsdramas um David hat den Rang von Weltliteratur und steht den antiken Dramen oder Shakespeares Tragödien kaum nach. Die raffinierte Strategie Nathans, den königlich-richterlichen Übeltäter unwissend sich selbst das Urteil sprechen zu lassen, hat Nachahmer, z.B. in Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“. Vielleicht animiert die literarische Qualität der biblischen Erzählung gar zu einer spannenden narrativen Einlage bei der Predigt.

König und Prophet

Wesentlich erscheint mir das Gegenüber von Königtum und Prophetentum: Hier wird der gefährlichen Eigendynamik einer nicht mehr kontrollierbaren Machtinstanz systematisch ein Riegel vorgeschoben. Das hat im AT eine reiche Tradition, angefangen bei der Jotamsfabel (Ri. 9) und Samuels Königskritik (1. Sam. 8) über das dtn. Königsgesetz (Dtn. 17) bis hin zu dieser Geschichte oder auch Elias Kampf gegen Ahabs Gewalttat an Nabot (1. Kön. 21). Das könnte ein eigenes Thema der Predigt werden.

Unrecht vor Gnade?

Unrecht muss beim Namen genannt und Rechtsvergehen müssen angemessen gesühnt werden – das steht außer Frage. Wo aber kommen die Vergebungsbotschaft und die Gnade zu ihrem Recht? Der angekündigte Tod des Wechselbalgs aus der Beziehung Davids und Bathsebas ist wohl keine Lösung des Rechtsproblems. Was aber sühnt den Tod eines unschuldigen Lebens (Uria), wenn nicht mehr gilt: „Auge um Auge“? Und wie steht es um das Verhältnis von aufrichtiger Reue, Vergebung und Sühne? Gott will nicht den Tod des Sünders (V. 13). Die entscheidendere Frage ist: Wie sieht dessen künftiges Leben aus?

Peter Haigis

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2022

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.