Keine falsche Antithese!

Zum Text

Der Text gehört wegen Uneinheitlichkeit und vermeintlichen Widersprüchen zu den schwierigsten Abschnitten bei Mt. Er setzt sich aus vier ursprünglich selbstständigen Logien zusammen. Mt. hat sie als Übergang zu den nun folgenden sog. Antithesen zusammengefügt. Ob sie auf Jesus selbst zurückgehen, ist in der Forschung umstritten. Im Text spiegelt sich die Auseinandersetzung zwischen Juden- und Heidenchristen hinsichtlich der Einhaltung des Gesetzes wider.

V. 17: Mit „Gesetz und Propheten“ wird bei Mt. das AT bezeichnet (vgl. 7,12; 22,40). Jesus will demnach die Tora nicht „abschaffen“ (griech. katalysai), sondern „erfüllen“ (pleroosai), d.h. den eigentlichen Gotteswillen zur Geltung bringen.

V. 18: Die feierliche Einleitung „Amen, ich euch“ leitet ein neues Logion ein. Das Jota ist im griechischen Alphabet der kleinste Buchstabe und entspricht dem hebräischen Jod (vgl. Lk. 16,17). Der im Gesetz geforderte Gehorsam gegenüber Gottes Gebot gilt auch für Jesu Jüngerinnen und Jünger.

V. 19: Angeredet werden nun die Lehrenden. Wenn einige von ihnen die Gültigkeit der Tora anzweifeln, werden sie nicht als Ketzer verdammt, sondern lediglich in die Kategorie „klein“ eingestuft.

V. 20 beginnt wiederum mit der feierlichen Einleitung „ich sage euch“. Jesus unterscheidet zwischen seinen Anhängern sowie den Schriftgelehrten und Pharisäern. Letzteren spricht er das Bemühen um die Tora nicht grundsätzlich ab. Aber die Gerechtigkeit bei den Nachfolgern Jesu soll „überfließen“ (periseuein), also besser in das Leben umgesetzt werden als bei den Schriftgelehrten und Pharisäern.

Zur theologischen Bedeutung

Jesus hat die Einhaltung des Gesetzes nicht grundsätzlich infrage gestellt. Er interpretiert allerdings den Sinn der Gebote anders als seine Gegner und erlaubt das Ährenraufen am Sabbat: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ (Mk. 2,27) Er heilt am Sabbat (Mk. 3,1-6). Andererseits hält er sich an die Tora, indem er die Geheilten für die Reinigung zu den Priestern schickt (Mt. 8,4). Den reichen Jüngling, der bereits das Gesetz einhält, fordert er auf, noch mehr als das Gebotene zu tun, nämlich alles zu verkaufen und ihm nachzufolgen (Mt. 19,16-22).

In den folgenden sog. Antithesen (Mt. 6) verschärft Jesus die Bestimmungen hinsichtlich Töten, Ehebruch, Ehescheidung, Schwören und Nächstenliebe. Es geht um die Einheit von Lehre und Praxis. Die Tora wird nach Mk. 12,28-34 in der Liebe zu Gott und der Liebe zum Nächsten zusammengefasst. W. Stegemann hält deshalb den Begriff „Antithesen“ für falsch, da Jesus keinen Gegensatz zum Judentum vertritt. Vielmehr bewegt sich seine Interpretation des Gesetzes im Bereich der innerjüdischen Toraauslegung. U. Schnelle betont, dass Jesu Verkündigung nicht um die Tora, sondern um das Kommen des Reiches Gottes kreist.

Zur Predigt

Bei der Predigt am sog. Israelsonntag soll die enge Verbindung des Christentums mit dem Judentum aufgezeigt werden. Es gilt dem Missverständnis zu begegnen, dass der Gott des AT äußerliche Gesetzlichkeit und blinden Gehorsam fordert, während Jesus den Gott der Liebe predigt. Jesus plädiert nicht für eine Gesetzlosigkeit. Vielmehr bilden die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten nach dem Sonntagsevangelium (Mt. 12,28-34) den Kern der Gebote Gottes, die bereits im AT gefordert werden (vgl. Dtn. 6,5; Lev. 19,18). Sie behalten auch für Christen als von Gott gegebene Lebensordnung ihre Gültigkeit.

Es geht nicht um Abgrenzung, sondern um Dialog zwischen Juden und Christen. Denn Jesus war Jude. Martin Buber nennt ihn seinen Bruder. Er teilt mit den Christen den Glauben Jesu, nicht aber den Glauben an Jesus. Die beiden Testamente geben Zeugnis von demselben einen Gott, der zunächst dem Volk Israel und durch Jesus Christus allen Menschen seine heilvolle Gegenwart zusagt. In der Kirche sind die Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden aufgehoben (vgl. Gal. 3,28). Diese Botschaft muss am Israelsonntag dem leider zunehmenden Antisemitismus entgegengestellt werden.

 

Lieder

EG 295 „Wohl denen, die da wandeln“
EG 659 (ELKB) „Freunde, dass der Mandelzweig“

 

Literatur

Wolfgang Stegemann: Jesus und seine Zeit. Bibl. Enzyklopädie 10, 2010
Udo Schnelle: Theologie des Neuen Testaments, 3. Aufl. 2016

 

Hermann Vorländer

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2022

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