Rückendeckung für undankbare Zivilcourage

Unsympathischer Kyrios

Ein schwieriges Gleichnis mit einem unsympathischen Kyrios und einem Ausgang, der es schwer macht, in dem Herrn der Gleichniserzählung den Vater Jesu Christi zu sehen. Nichtsdestotrotz wird dieses Gleichnis weitgehend in dieser Spur ausgelegt und die ταλαντα zur Metapher für menschliche Begabungen herangezogen. Sprachlich ist das ein false friend, denn ταλαντον ist nichts anderes als eine Gewichts- und, davon abgeleitet, eine Währungseinheit von ganz erheblichem Wert.

Geht es auch ohne den false friend? Und erschließt sich vielleicht eine andere, womöglich sogar evangeliumsgemäßere Deutung? Ich will es versuchen, und folge dabei einer Linie, die ich bei Matthias Jung gefunden habe und die über Margot Runge und Marlene Crüsemann zurückgeht auf Luise Schottroff.1

Mutiger Widerstand

Erzählerisch ist der dritte Sklave die eigentliche Hauptperson der Geschichte: auf ihn und seine Auseinandersetzung mit seinem Herrn läuft die Handlung zu. Die zweimal wortwörtlich gleiche Belobigung der beiden erfolgreichen Sklaven liest sich als Spannungsaufbau hin zum dritten. Was ist bei ihm anders? Er hat den Gehorsam innerhalb des vorgegebenen Systems verweigert und setzt dann noch eins obendrauf, indem er dem Herrn die Wahrheit ins Gesicht sagt: hart sei er und ein Unrechtstäter.

Seine Aufgabe wäre gewesen – und so haben es die beiden anderen ja (vor-)gemacht –, mit dem Anvertrauten zu arbeiten und es so zu vermehren. Mindestens um den Zinsertrag bei den professionellen Geldwechslern, besser aber durch eigene Geschäfte. Geldverleih zu Wucherzinsen, straffe Schuldeintreibungen bis zur Zwangsenteignung von Land oder Schuldknechtschaft, Übervorteilung. Weizen kann man aussäen und dann abwarten, Geld aber vermehrt sich gerade nicht von selbst.

Dass man aber mit Geld richtig viel Geld verdienen kann, ist kein neuzeitliches Phänomen und die Methoden dazu werden schon von den atl. Propheten kritisiert und auch von Jesus deutlich benannt2.

Der dritte Sklave macht hier nicht mehr mit, er verweigert den Gehorsam. Keine Revolution, der Herr bekommt sein Eigentum wohlbehalten zurück, aber eben auch nicht mehr. Er hat durch Vergraben ordnungsgemäß sichergestellt, dass kein Verlust geschieht, aber er will offenbar nicht unmoralisch handeln, damit der ohnehin fragwürdige Herr noch reicher wird – mutmaßlich auf Kosten von Menschen, die sich nicht wehren können.

Ganz falsch hat er mit seinen Vorwürfen wohl nicht gelegen: Der Herr widerspricht nicht, weist nur auf die Geldwechsler hin, deren Dienste er ja hätte in Anspruch nehmen können. Insgesamt scheint er also einverstanden mit der Charakterisierung – sieht darin aber kein Problem. Der Sklave hingegen bezahlt seinen Mut mit Kerkerhaft.

Ein Gegen-Bild von Gott

Inwiefern könnte diese Konstellation Grundlage einer ermutigenden Predigt sein? M.E. ist dieses Gleichnis nicht als „Herausgeschnittenes“ – als Perikope – sinnvoll, sondern gehört zusammen3 mit dem Gleichnis der wartenden Mädchen und der Vision vom gerechten Gericht ab V. 314: Die Mädchen stehen draußen im Dunkeln, der Sklave vegetiert im Kerker – wenn aber der Menschensohn in seiner Herrlichkeit Gericht halten wird, dann werden andere Maßstäbe gelten. Der harte Sklavenbesitzer unseres Gleichnisses ist nicht Bild, sondern Gegen-Bild für Gott, der schlussendlich denjenigen lobt und annimmt, der dem Notleidenden zu Hilfe gekommen ist.

Ein Einzelner bringt nicht das System zum Einsturz, aber jedes System lebt von den vielen, die „mitspielen“. Crüsemann zieht den Vergleich zu Edward Snowdon5. Vielleicht geht es auch eine Nummer kleiner. Dieses Gleichnis als Rückendeckung für die oftmals „undankbare“ Zivilcourage zu lesen, ist m.E. sachgemäß. Und es muss immer wieder die Frage erlaubt sein, wem das bestehende und eingeforderte System nutzt – und ob es den Prioritäten Gottes entspricht.

Dörte Kraft

 

Anmerkungen

1 https://blog.matthias-jung.de/2016/08/21/ein-mutiger-sklave-spielt-nicht-mehr-mit-predigt-zu-matthaeus-2514-30/ (abgerufen am 15.6.2022). M. Crüsemann/C. Janssen/U. Metternich, (Hg.) Gott ist anders. Gleichnisse neu gelesen, 2014; L. Schottroff, Die Gleichnisse Jesu, 2005.

2 Ex. 22,21-23 vgl. Jes. 1,17.23; Sach. 7,10; Mk. 12,40; Ex. 22,24-26; Dtn. 23,20; Jes. 58,6; Lk. 19,8; Lk. 6,20.24.

3 Mt. 25,1 ομοιωθησεται wird in V. 14 „verlängert“ durch ωσπερ und in V. 31 durch οταν δε kontrastiert: es geht also nicht um Gleichsetzen, sondern um ein vom Hörer zu leistendes Vergleichen, das einen Kontrast herausstellen kann.

4 Schottroff und Crüsemann legen entsprechend den Text V. 14-46 aus.

5 Crüsemann e.a., 62.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2022

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.