Hingabe zählt

Gemeindeentwicklung und Finanzierung

Ich erinnere mich daran, wie ich im Studium fasziniert von der Leisniger Kastenordnung von 1523 gehört habe. Sie gilt als erste evangelische Kirchenordnung und geht auf ein Gutachten Martin Luthers zurück. Mit dem Regeln der finanziellen Dinge war eine wichtige Bedingung für das Entstehen von evangelischen Kirchgemeinden erfüllt. Eingezahlt wurde von denen, die über Einkommen verfügten. Sollten die Einnahmen nicht ausreichen, gab es die Vorgabe „nach seinem Vermögen“ Steuern zu zahlen. Auch Nichtgemeindemitglieder sollten veranlagt werden, so „sie den Segen der Kirchen mit genießen“.

500 Jahre ist das nun her. Gemeindeentwicklung und Finanzierung sind wie damals eng miteinander verbunden. Jedenfalls in unserer deutschen Tradition. Wer in armen Kirchen gelebt und gearbeitet hat, weiß, dass es nicht notwendigerweise so sein muss, dass eine prekäre Finanzierung zwangsläufig zu einer schwächeren kirchlichen und diakonischen Arbeit führen muss. Sie bekommt nur eine andere Form.

Glaube und Geld

Glaube und Geld – kaum ein Thema scheint so belastet. In Zeiten von notwendigen und unausweichlichen Kürzungen und zunehmender Ungewissheit über die Dauer der Kirchensteuer allzumal. Vielleicht auch weil es in den Augen von manchen um das Gegeneinander von Eigentlichem und Uneigentlichem geht? Wie oft haben mir vermögende Gemeindeglieder vorgerechnet, dass sie ihrem Gefühl nach „eigentlich“ zu viel Kirchensteuer bezahlen. Auch Normalverdiener haben mir vorgehalten, dass sie in keinem anderen „Verein“ einen so hohen Beitrag zahlen. Dabei zahlen alle theoretisch den gleichen Anteil. Wie gerne und mit welcher Überzeugung sie es tun, steht auf einem anderen Blatt.

Mit allen, denen es finanziell gut geht, und denen, die wenig haben, lohnt sich der Blick auf die Perikope des Sonntags. Sie wendet den Blick weg von den absoluten Zahlen und hin auf die innere Bereitschaft, etwas von dem abzugeben, was man besitzt. Ich höre auch die Frage, wie gerne wir bereit sind, von unserem Überfluss abzugeben. Untersuchungen zeigen immer wieder, dass Deutschland Spendenweltmeister ist. So schlecht steht es also gar nicht! Gerade die Katastrophe im Aartal im vergangenen Jahr hat gezeigt, dass sich viele erreichen ließen. Die einen haben Geld und Sachen gespendet, andere ihre Zeit und Arbeitskraft. Es gibt also ein ausgeprägtes Bewusstsein davon, dass es einem gut geht und man deswegen auch abgeben kann. Aber was, wenn das wenige, das man zum Leben hat, nicht reicht?

Kreisläufe des Mangels

Dass es in unserer Gesellschaft, gerade auch in Zeiten explodierender Preise, viele gibt, die schon ab Mitte des Monats nichts mehr haben, das sind Geschichten, die die typische Gottesdienstgemeindemittelschicht kaum kennt. Sie lassen sich unter dem Hashtag #Ichbinarmutsbetroffen nachlesen. Als Diakoniepfarrer für Frankfurt und Offenbach weiß ich, was Armut mit Menschen macht. Sie schickt Menschen in zermürbende Kreisläufe des Mangels, verhindert Teilhabe, macht einsam und greift das eigene Selbstbild an und macht krank. Die Perikope nimmt Altersarmut – gerade der Witwen – in den Fokus. Auch heute noch häufiges Phänomen.

Am Anfang der Reformation, bereits in der Leisniger Kastenordnung, hat man sich damit befasst, wie für die Armen gesorgt werden kann. „Man kann diese Ordnung durchaus in die Ursprünge des modernen Sozialstaats einordnen“, schreibt dazu Heinrich Bedford-Strohm. In dieser Tradition sind Christinnen und Christen, Kirche und Diakonie, Kirchengemeinden und soziale Dienste, gleichermaßen aufgefordert, Armutsrisiken und Armut von Menschen in den Blick zu nehmen und sich für Betroffene einzusetzen, individuell, gemeinschaftlich und sozialpolitisch.

Beiträge des Glaubens

Das Lob Jesu, dass „diese arme Witwe mehr in den Gotteskasten gelegt“ als alle anderen, kann und darf irritieren. Gerade sie hätte doch nichts geben brauchen. Ist es aber nicht auch ein Ausdruck ihrer Würde, dass sie gerade daran nicht gehindert wird? In der Fundraising-Ausbildung wird die Perikope zitiert, um über Ethik im Fundraising zu sprechen. Sie soll dafür sensibilisieren, dass jede Gabe – sei sie noch so klein – von Bedeutung ist.

Das lässt sich übertragen: Diese Einsicht, dass am Ende nicht die Größe der Gabe, sondern die damit verbundene Hingabe zählt, gilt nicht nur für das Geld, das in den Kasten eingelegt wird. Wenn es gelingt, im Gottesdienst des 8. So. nach Trinitatis, dafür zu sensibilisieren, dass jede Gabe, auch die, die nicht aus dem Vollen schöpft, ein in den Augen Jesu hochanerkannter Beitrag des Glaubens sein kann, dann ist viel erreicht. Zeit, Talente, Begabungen, Wissen, Können. Was könnten wir alles aus Dankbarkeit hineinlegen in den „Gotteskasten“ und sei es in unseren Augen noch so unbedeutend?!

 

Lieder

EG 182 „Halleluja“ (mit Bezug auf das Evangelium)
EG 268 „Strahlen brechen viele aus einem Licht“

 

Markus Eisele

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2022

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