Staunende Begegnung mit Gott

Der Sinn des Predigttextes

Die Perikope wird üblicherweise mit „Speisung der 5000“ überschrieben. Nicht diskutieren möchte ich hier, ob andres an dieser Stelle mit „Menschen“ zu übersetzen ist und dann von insgesamt 5000 Menschen auszugehen ist, die am Speisungswunder teilgenommen haben, oder ob der Begriff wörtlich genommen nur die „Männer“ meint und somit noch Frauen und Kinder draufgerechnet werden müssten. Beide Thesen finden sich in der exegetischen Literatur. Da die Zahl 5000 selbst nicht wörtlich, sondern symbolisch als riesige Menschenmenge zu fassen ist, halte ich die Diskussion letztlich für obsolet.

Viel wichtiger erscheint mir, und damit formuliere ich mein Predigtziel schon an dieser Stelle, welche Richtung die Gesamtauslegung nimmt. Viele Exeget*innen entscheiden sich für die moralische Auslegung der Perikope: Die Jünger sowie die mit Essen ausgestatteten Anwesenden geben bereitwillig, was sie an Proviant dabei haben. Es ginge dann in der Perikope um das „teilen lernen“ und der Predigttext hätte in erster Linie paränetischen Sinn.

Damit aber entschärfen sie die Stoßrichtung des Textes, also die joh. Intention. Gegen diese Verflüchtigung nehme ich den Literalsinn der Perikope ernst, die von einer tief beeindruckenden Begegnung mit Gott spricht. So formuliert es Klaus Berger: „Die Speisungsberichte sind leibhaftig zu nehmen, denn sie verstehen sich als eine schockierende, überwältigende Begegnung mit Gott. Jedes moralische Hinbiegen (Was wird dann mit den zwölf Körben mit Resten?) oder legendarische Verflüchtigen (die Geschichte lehre ‚eigentlich‘ nur, dass Jesus die Güte Gottes predige) verkürzt die Geschichte und verkleinert das Grundlegende. Wenn es um die Begegnung mit Gott geht, haben Ausleger nichts zurechtzulegen, um die Geschichte irgendwie zu erklären und für den Verstand fassbar zu machen. Wer diese Geschichten auf das Erträgliche hin verkleinert, treibt ihnen den Bezug auf Gott aus. In den Speisungsgeschichten begegnet uns der unfassbare große Gott. Es bleibt nur das Staunen.“ (Kommentar zum NT, 347)

Predigt und Gottesdienst

So geht es mir in der Predigt um die Begegnung mit dem Gott, der sich der Vermenschlichung, der Dezimierung, dem vollständigen Verstehen entzieht; der aus seiner uns Menschen entzogenen Weisheit entscheidet und überwältigend an seinen Geschöpfen handelt; der die Welt nicht sich selbst überlässt, doch dessen Handeln nicht schon von vornherein fest steht; der sich dennoch als Gott mit der mütter- und väterlichen Eigenschaft der Fürsorge für seine Geschöpfe offenbart und als solcher vertrauenswürdig ist. Der Glaube an diesen unsichtbaren, aber doch erfahrbaren Gott schließt eine empfangende Haltung in sich, die zugleich demütig ist: Wann und wie Gott an uns und der Schöpfung wirkt, bleibt ihm überlassen.

Einige Einzelbeobachtungen am Text, die dem Predigtziel dienen:
V. 3: Jesus geht auf einen Berg (oros). Berge galten in besonderer Weise als Orte, an denen nach dem Wort Gottes gesucht wurde (Mose in Ex. 19,3, vgl. Mt. 5-7).
V. 4: Es war kurz vor dem Passafest. Entgegen seiner üblichen Praxis ist Jesus nicht in Jerusalem, sondern in Galiläa unterwegs. Johannes hatte schon in Kap. 3 im Gespräch Jesu mit Nikodemus verdeutlicht, dass Gott nicht im Tempel, sondern überall (im Geist und in der Wahrheit) anzubeten ist.
V. 5-9.11: Die Jünger werden als hilflos und doch zugleich hilfsbereit dargestellt. Sie helfen nicht bei der Verteilung (anders bei den Synoptikern!). Jesus allein teilt aus und macht satt.

Im Gottesdienst bietet sich eine Abendmahlsfeier an. Das Wunder der Begegnung mit Christus im Abendmahl spiegelt das Wunder, das die große Menge erlebt hat.

Aus dem Stammteil des EG halte ich die fröhlichen Abendmahlslieder 225 („Komm, sag es allen weiter“) und besonders 229 („Kommt mit Gaben und Lobgesang“) für angemessen. Eher nachdenklich und gut getextet empfiehlt sich auch 228 („Er ist das Brot“).

 

Thomas Damm

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2022

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