Auf der Seite der Zukunft wartet das Leben

Das Sonntagsproprium

Die Epistel aus dem Römerbrief gehört seit dem Mittelalter zu diesem Sonntag und räumte einer zentralen Frage der paulinischen Theologie Platz ein, nämlich danach, wie sich die Gerechtigkeit Gottes im neuen Leben der Christen in Christus ergreifen lässt. Erst im vorigen Jahrhundert wurde der Taufbefehl (Mt. 28) als Evangelium diesem Sonntag zugeordnet und der Taufsonntag fand seinen Weg in das Kirchenjahr. Die Entscheidung, aus welcher Perspektive es die Perikope in den Blick zu nehmen gilt, ist somit durch das Sonntagsproprium vorgegeben. Die Taufe soll zum Fokus der Auslegung werden.

Der Text

Paulus beschreibt in einem bemerkenswerten Wechsel von Aktiv und Passiv, Aorist, Perfekt und Futur die Beziehung derer, die zu Christus gehören. Es kann einem schwindlig werden, wie Paulus zwischen den Zeiten und den Handlungsrichtungen hin- und herspringt. In allem geht es um die Beziehung zu Christus, um das „mit Christus“ sein und um die Folge dieser Beziehung für uns, also die von Paulus Angeredeten.

Es gibt ein Vorher und eine Zukunft. Beide unterscheiden sich. Das Vorher ist von der Macht der Sünde bestimmt, die Zukunft davon, dass die Sünde keine Macht mehr über uns hat. Die Scheidelinie zwischen dem Vorher und der Zukunft ist der Weg Christi in den Tod zur Auferstehung. Der Wechsel von Passiv zu Aktiv führt in die Zukunft. Unsere Verbindung zu Christus entsteht nicht durch unsere Aktivität: wir sind bzw. waren passiv. Wir sind in Christus hineingetauft, mit begraben, mitgekreuzigt; wir werden gleichförmig mit Christus in seinem Tod. Unser von der Sünde bestimmter Leib wird beseitigt. Es ist bereits an uns geschehen. Der Aorist zeigt es an. Die Verbindung zu Christus entsteht durch eine einmalige, abgeschlossene Handlung – das charakterisiert den Aorist. V. 10 unterstreicht es. Das einmalige Ereignis des Todes Christi schafft die Beziehung.

Ein für allemal ist Christus gestorben und wir sind in der Taufe (V. 3 – 1. P. pl. Aor. Passiv) mitbegraben in seinen Tod. Die Auferstehung Christi ist unsere Zukunft, die uns durch die an uns geschehene Verbindung zu Christus betrifft. Die Verben, mit denen Paulus über unsere Zukunft schreibt, sind im Aktiv: Wir werden im neuen Leben wandeln (V. 4), wir werden mit Christus in seiner Auferstehung vereinigt sein (V. 5). Dieser Übergang vom Passiv zum Aktiv, vom Geschehen hin zum Neuen konzentriert sich in der Taufe.

Tauftheologie

Die Taufe markiert rituell die von Paulus beschriebene und selbst erfahrene Abtrennung (passiv) von einem alten Leben und das Ankommen in einem neuen Leben, in dem man zu Christus gehört. Vom Alten wird man getrennt und im Neuen gibt es keine Verbindung zum Alten mehr. In dieser Zukunft hat die Macht des Alten (Sünde) keine Verfügungsgewalt. Mit Christus kommt die radikale Trennung vom Alten.

Ob diese schwindelerregende Paulusrede glücklichen Eltern am Taufstein zumutbar ist? Paulus hätte zumindest nicht gezögert, uns Getauften aufzutragen, die eigene Taufe mit seiner Perspektive zu sehen und uns unserer Taufe zu erinnern. Das Taufgedächtnis könnte mit Blick auf Röm. 6 von der aktiven Zukunft sprechen, die der Befreiung von lebensfeindlichen Mächten durch die Taufe (passiv) folgt.

Dramatische Wenden im Leben sind allgemeine biographische Erfahrungen, seien sie durch politische Mächte entstanden oder durch das private Ausgeliefertsein an Lebensfeindliches. Getaufte sind wie Opfer von Lügnern, die auf die Wahrheit gestoßen werden und sich radikal von denen trennen, die sie betrogen haben. Sie haben nichts mehr mit der Lüge zu tun und widmen sich von nun an der Wahrheit. Getaufte sind wie Flüchtlinge, die aus Hoffnung auf das Leben über das Meer fliehen. Getaufte haben das Leben auf der anderen Seite des Taufwassers erreicht. Christus hat sie mit seiner Auferstehung auf der Seite des Lebens aus dem Wasser gezogen.

Wahrscheinlich ist auch den glücklichen Eltern am Taufstein bewusst, dass die Taufe jetzt an ihrem Kind geschieht (passiv). In der Zukunft muss ihr Kind selbst und verantwortlich auf der Seite des Lebens wandeln (aktiv). Die Predigt sollte ihnen sagen, dass auf der Seite der Zukunft das Leben wartet und Christus da ist.

Unter den Taufliedern eignen sich als Predigtlied EG 209 „Ich möchte, dass einer mit mir geht“ und EG 210 „Du hast mich, Herr, zu dir gerufen“.

 

Katharina Wiefel-Jenner

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2022

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