Den Duft Gottes verbreiten

Abraham, eine entkorkte Parfümflasche?

Was ist der Unterschied zwischen einer Parfümerie und einer Gottesdienstgemeinde? Die Parfümerie besteht aus geschlossenen Fläschchen, im Gottesdienst sitzen geöffnete Fläschchen, oder gehen hoffentlich als solche weiter. Jeder, jede von uns ein potentielles Parfümfläschchen, aus dem der Duft Gottes entströmen kann? Zu diesen Überlegungen regt eine frühe Auslegung des Textes im Midrasch an: „Warum musste Abraham in die Welt hinausgehen? Zu Hause war er wie eine Flasche Myrre, edler Balsam mit gut verschließendem Verschluss. Erst wenn er geöffnet ist, kann der Duft sich in alle Himmelsrichtungen ver­breiten.“

Abraham, eine entkorkte Parfümflasche? Wer war denn unser Urahn? Er taucht plötzlich auf, als einer im Menschengeschlecht. GOTT füllt ihn mit Segen und nimmt ihm alle Korken. Alles soll er verlassen. Immer inniger steigert sich dieser Auftrag: Vaterland, Verwandtschaft und dann Vaterhaus, also geographische, soziale und biologische Herkunft, und was damit zusammenhängt. Der Ruf schreckt und verlockt mich. Ich wittere Freiheit, Festlegungen könnten abfallen, wo mir Herkunft zum Stöpsel wurde. Aber ich fühle auch, wie ich manche Korken gerne festhalte; sie lassen mich sagen: ich bin halt so erzogen, ich kann nicht aus meiner Haut. Sie verschließen mich ganz im Sinne meiner Angst.

Geh zu dir selbst“

Abraham, unser aller Stammvater, hört auf GOTT: „Geh“. Im Hebräischen heißt es doppelt: „lech lecha“. Übersetzungen sind: „Geh, geh für dich selbst “ oder „Geh zu dir selbst“. „Zieh fort aus fremder Haut, aus geliehener Seele, aus geborgtem Leib in ein eigenes Land, das ich dir zeigen werde.“ Gott setzt frei für meinen Weg in meiner Haut und meiner Seelenkraft. Den kann keiner für mich gehen. Er ist unvergleichlich. Wieviel Not entsteht aus dem Sich-Vergleichen. Aber wir müssen nicht sein wie …, auch nicht wie Abraham.

Und doch hat GOTT das gleiche Vertrauen zu uns: Geh Du. Alles Weitere kommt dann von GOTT. Dreimal erklingt dazu sein „Ich will“: „Ich will dir zeigen, dich segnen, dich groß machen.“ GOTT schenkt großen Namen, Land, Nachkommen und Schutz vor Verfluchungen. Nichts muss Abraham gewaltsam erobern, nicht er muss verfluchen, nicht er sich einen großen Namen machen. Wie konträr zu den Ansprüchen, uns beweisen zu müssen, uns einen Namen zu machen. Wie viele Eroberungen, wieviel Gewalt durchziehen dessentwegen das Menschengeschlecht bis heute, auch Gewalt gegen mich selbst, nur damit ich noch besser bin.

Das „Ich will“ Gottes ernst nehmen

Was wäre, wenn ich das „Ich will“ GOTTES über meinem Leben ernst nehme? Dass ER es ist, aus dem ich alles empfange? Wie zwischen zwei Polen erscheint mir mein Leben ausgespannt, wenn ich diesen Ur-text lese: Wir sind auf einen ganz eigenen Weg gerufen und zugleich mit allen Menschengeschlechtern verbunden! Wir sind berufen, selbst zu gehen und uns zugleich ganz führen zu lassen. Nichts weiter sein wollen als Gott zu eigen und darin unsere eigenen Wege finden. Wir müssen nichts selber darstellen und sollen uns alles zutrauen. Denn GOTT macht den Menschen zu seinem Partner/Partnerin. Am Anfang der Schöpfung segnet ER allein. Jetzt bezieht er uns in diese Macht mit ein: „Du sollst ein Segen sein.“

Diese Szene ist die Quelle für den göttlichen Segensstrom, der immerzu ausströmt und seine Wege durch Menschen hindurch sucht. GOTT traut uns zu, Seinen Duft in der Welt zu verbreiten. Wir alle können sehr konkret segnen mit Worten und Berührung, z.B. jeden Morgen mit diesem Segensgebet, bei dem ich einen weiten Kreis mit den Armen von oben über dem Kopf nach unten mitvollziehe: „Gesegnet in Dir GOTT, alle Berge und Täler, Wasser und Meere, Lüfte und Winde und Gestirne, Pflanzen und Tiere. Gesegnet in Dir alle, die ich liebe, alle mit denen ich mich schwertue, alle Kranken, alle Ungeborenen, Sterbenden und Toten, alle, denen ich heute begegne“. (Hierbei kann ich jeweils konkrete Namen nennen.) Wir sind ein Segen, einfach dadurch, dass wir uns erlauben, ein Parfümfläschen Gottes zu sein, ein geöffneter Mensch für Gottes lichte Liebe.

 

Liturgischer Vorschlag: Das Segensgebet kann als Fürbittengebet gebetet werden.

 

Literatur

W.G. Plaut: Die Tora in jüdischer Auslegung, Bd. 1, 154-159 (4. Aufl. 2011)

 

Thea Vogt

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2022

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