Eine provokant gestaltete Mitte

Per fidem statt perfide

Schon als Kind fragte ich mich, was Jesus wohl auf den Boden schrieb. Das ist für mich die erste faszinierende Stelle des Textes, die am Ende kreativ und produktiv handeln lässt. Der zweite Moment ist der, in dem zu diesen „Zeichen Jesu“ noch sein Wort tritt. Ein sakramental machtvoller Moment des Friedens und der Versöhnung: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Wirksame Worte und kritzelige Gesten gegen eine provokant gestaltete Mitte. So entfaltet sich Christus als Musterbrecher. Er weist ihr den Weg und bewahrt zugleich das Gesicht der Provokateure, die sich nicht mehr sehen lassen oder selbst nicht mehr sehen können (V. 9). Der perfide herausgerufene Christus entrinnt zwanghafter Fehlersucherei und Mäkelgewohnheiten, die entlarvend immer mit „Lob“ beginnen, um mit „aber …“ fortzufahren. Letztlich führt die Perikope hier per fidem die fünfte Bitte des Vaterunsers aus; welches er sonst nicht zu kennen scheint.

Gewalt der Güte und Gewalt der Steine

Das althochdeutsche waltan im Sinne von „stark sein“ bewahrt davor, nur eine Gewalt „in die Mitte“ zu stellen (V. 3), und diese nur als rechtssetzende, Grenzen gebietende, körperlich-unterdrückende Form zu denken. Die „ganz andere“ Gewalt, die in Christus in der Mitte steht, bewahrt eine Dimension der Stärke, die als gütige und göttliche Gewalt Recht aus den Angeln heben kann. Eine Gewalt, die es riskiert, grenzenlos zu lieben.

In der Szene entsteht durch Provokation eine geladene Atmosphäre. Auf den ersten Blick kann in der tribunalähnlichen Gerichtszene keiner gewinnen: weder Recht noch Ordnung noch Güte. Zugleich geschieht im Moment der provozierenden Anklage die paradoxe Befreiung, die im Blick auf den Raum deutlich wird. Dazu gehört zunächst der etwas seltsame Ortswechsel Jesu, der auf den Ölberg geht (8,1) um dann zum gegenüberliegenden Tempel, also durch das Tal in die Höhe, zu gelangen (V. 3). Ortswechsel sprechen bei Johannes eine spirituell-theologische Sprache, so dass es kein Zufall scheint, dass die Tribunalszene im Tempel den Tempelbezirk verdichtet abbildet. In der Mitte das Heilige bzw. das Symbol der Sühne. Ihn umgibt die Welt der Gelehrten und weiter außen das Volk. Eine Bildsprache, die mit aller Provokation einen innerjüdischen Konflikt beschreibt und nachträgliche Klischees und Verzerrungen von Pharisäern in Schranken weist. So, wie es der Text selbst schon vermag und mit dem alle vorurteilenden Steine letztlich allen aus den Händen fallen und dann sind sie verschwunden: Menschen und Steine.

Solus Christus

Am Ende steht Christus allein da. Das wäre eine weitere Motivspur für die Predigt: Der Pilger vom Ölberg kommt zum Pranger im Tempel. Aus der Einsamkeit führt der Weg zum öffentlichen Schauplatz mit Volk, Gelehrten und Geistlichen. Dann geht er wieder zurück ins Solus; so wie nach der Niederlage viele schon früh das Stadion verlassen. Da sind sie nur noch zu zweit; ein intimer Moment ohne Beobachter. Und doch findet er seinen Weg in die Literatur. Aber dann geht sie nicht nur, sondern er schickt sie weg. Christus steht allein da. Ein unverstellter Blick. Die Provokationen sind zurückgetreten. Die Waffen schweigen. Einem Leben mit Schuld wird zugetraut, ohne Strafe und Kontrolle zurecht zu kommen. Nach dem Zoom auf die beiden, ein Fokus auf die Frau mit zwei Worten bloß. Dann schweigt der Text und die eigenen Bilder werden stärker: Christus allein steht da. Und ich, wie ein Kind, das sich fragt, was er denn wohl in die Erde geschrieben hat?

SchreibKraft

Vielleicht hat Christus an Jer. 17,13 gedacht: „die Abtrünnigen müssen auf die Erde geschrieben werden; denn sie verlassen den HERRN, die Quelle des lebendigen Wassers“ (vgl. NT jüdisch erklärt, 207). Vielleicht hat er „heiter und gelassen“ gekritzelt wie andere am Telefon. Oder hat er pathetischer geschrieben: „Wir leben in einer Welt, in der die Ehe wichtiger ist als Liebe, das Aussehen wichtiger als die Seele. Wir leben in einer Verpackungskultur, die Inhalte verachtet.“ (Anthony Hopkins)

Vielleicht bekommt jede und jeder im Gottesdienst Sprühkreide. Und nachdem wir vor der eigenen Tür gekehrt haben, schreiben wir auf unsere Straßen und Wege und in die Mitte des Kirchhofs, die Worte, die Christus für mich hat. So etwas wie: „Geh hin!“ Es ist das gleiche Verb zur Ehebrecherin in Joh. 8,11 wie zu den Jünger*innen in Mt. 28,19. Schreiben wir so etwas fort wie: „Frieden!“ Schreib-Kräfte haben etwas Beharrliches.

 

Lieder und Liturgie

Ps. 25 (EG 713)
EG 133 „Zieh ein zu deinen Toren“ (z.B. Strophenauswahl zu Beginn und Ende)
Amazing grace“ (EG+ 92 / freitöne 63)
Schenke mir, Gott“ (z.B. als Fürbitte) (EG+ 140 / freitöne 180)

 

Lars Hillebold

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2022

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