Umkehr ist möglich

So einfach ist das!

Schön, wenn Dinge so einfach und klar sind wie in Ez. 18: Wer gerecht ist und Gottes Gebote tut, soll leben; wer Unrecht tut und Schuld auf sich lädt, soll sterben. Noch Fragen?

Der Prophet Ezechiel erinnert hier an sehr konkrete Gebote aus der Tora: keinen Götzendienst üben, niemanden unterdrücken, den Pfand zurückgeben, nicht Zins und Aufschlag nehmen, mit den Hungrigen teilen, die Nackten kleiden, gerecht urteilen. Kurz: Gottes Gebote halten und danach tun. Diese V. 5-9 würde ich unbedingt mit in die Predigt hineinnehmen, damit die soziale und politische Dimension dessen deutlich wird, wovon der Prophet hier spricht. Für Recht und Unrecht gibt es klare biblische Maßstäbe.

Wichtig: Leben oder Sterben – das ist hier kein Urteil für alle Zeit, sondern wer von den falschen Wegen umkehrt und Recht und Gerechtigkeit übt, soll ebenfalls leben. An seine Fehler soll nicht mehr gedacht werden. Denn, so Ezechiel, Gott hat keinen Gefallen am Tod der Gottlosen, sondern an denen, die sich bekehren und am Leben bleiben. So einfach ist das. Und ausnahmsweise hätte ich Lust, das in diesen Zeiten genau so zu predigen und den Text nicht gleich durch die christliche Botschaft von der Gerechtigkeit allein durch Glauben zu relativieren.

Historische Schuld

Wer umkehrt, wird leben. Für Ezechiel, den Propheten im babylonischen Exil, ist allein diese Botschaft schon eine Befreiung. Er wendet sich damit gegen die sprichwörtliche Vorstellung: Wenn die Väter saure Trauben essen, werden noch den Kindern die Zähne stumpf. Viele in der Exilsgemeinde glaubten, für die Schuld der Eltern und Großeltern zu büßen. Ex. 20,5 und Dt. 5,9f bestätigen diese Sicht: Die Schuld der Mütter und Väter wird verfolgt bis in die dritte und vierte Generation.

Mag sein, das ist bis heute eine menschliche Erfahrung. Noch als Jugendlicher habe ich beim Fahrradurlaub in Holland erlebt, als Deutscher nicht nur willkommen zu sein. Und abgesehen von historischer Schuld haben es in manchen Familien die Kinder schwer, sich vom Ruf der Eltern oder Großeltern zu lösen.

Ezechiel setzt sich dafür ein, dass ein Neuanfang möglich ist. Menschen können umkehren, und Gott kann absehen von früherer Schuld. „Macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist!“, so fordert der Prophet seine Gemeinde auf. Anders als in Ez. 11,19 sieht er die Verantwortung bei den Menschen. Mit der Gewissheit, dass Gott vergibt, können sie neu entscheiden und neu handeln. Nur zur Erinnerung: Das Herz ist im Hebräischen der Sitz der Vernunft.

Die Evangelientexte vom Verlorenen aus Lk. 15 variieren diesen Gedanken und führen ihn weiter: „So wird Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.“ (Lk. 15,7). Schon Ezechiel betont: Umkehr ist möglich.

Falsche Gefolgschaft

Neulich war ich zu Gast in einem Taufgottesdienst. Die erste Botschaft zur Taufe war, dass Gott die Täuflinge beschützen will. Sein Segen wirke wie ein Dach über dem Kopf. In seiner Ansprache kam der Kollege auch auf den Krieg in der Ukraine zu sprechen: Dass Gott seine geliebten Menschen schützt, dass er sein Dach aufspannt über ihnen, das scheint da in den Kriegsgebieten nicht zu funktionieren. Wie kann das sein? Die Antwort ist einfach: Das passiert, wenn Menschen nicht auf Gott vertrauen. Wenn sie Gott sogar vergessen. Ist doch klar: Wenn ich glaube, dass Gott mich liebt und beschützt, dann weiß ich tief in meinem Herzen, dass er auch den anderen liebt, und er oder sie genauso leben darf wie ich. Dann werde ich niemandem Gewalt antun. Wo Menschen das vergessen, gerät alles aus den Fugen. Keine Gottesliebe, keine Nächstenliebe.

Wenn Menschen irgendwelchen mächtigen Herrschern folgen und nicht Gott, dann kann so etwas passieren wie Krieg. Manche Soldaten merkten schon, wie falsch das alles sei und desertierten, bemerkte der Kollege noch. Das hat er aber gut erklärt, dachte ich in meiner Kirchenbank. Wer umkehrt, wird leben. Schön, wenn Dinge so einfach und klar sind!

 

Titus Reinmuth

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2022

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