Zurück auf Anfang

Unterwegs im Auftrag des Herrn

Wie auch andere Propheten des AT wird Jona gegen seinen Willen zum Botschafter Gottes bestellt. Jona nimmt dabei eine Sonderstellung unter den Schriftpropheten ein: Seine Verweigerung gegen den göttlichen Auftrag wird in großer Breite geschildert; die eigentlichen Worte, die er in göttlicher Mission auszurichten hat, sind lediglich als Kurzpredigt überliefert.

Erst im dritten (vorletzten) Kapitel des Prophetenbuches wird die Durchführung des göttlichen Auftrags berichtet. Nachdem Gott zum zweiten Mal Jona beauftragt, begibt sich der widerwillige Prophet in die gottlose Stadt „Ninive“. Lustlos und in liebloser Kürze verkündet er dem assyrischen Erzfeind das göttliche Gerichtswort. Es wird keine Begründung für die Drohbotschaft gegeben, nicht einmal Gott wird darin erwähnt, nur die Zeitspanne, die noch bis zum Untergang bleibt: „Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen“ (3,4).

Nach menschlichem Ermessen ist die Chance verschwindend gering, bei diesem unmotivierten Auftreten überhaupt Gehör zu finden. Dennoch reagieren die heidnischen Bewohner Ninives überraschend einsichtig und in großer Geschlossenheit auf die „Predigt“ Jonas: „Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und riefen ein Fasten aus und zogen alle, Groß und Klein, den Sack zur Buße an“ (3,5).

Am Beispiel Jonas wird deutlich: Die besondere Beauftragung Gottes erfolgt nicht aufgrund besonderer Leistungen oder vorbildlicher Charaktereigenschaften des Propheten. Sprachrohr Gottes soll er sein, unterwegs im Auftrag des Herrn! Auch ein beschränkter Botschafter kann so Menschen neu zu Gott rufen.

Das ganze Leben als Umkehr zu Gott

Das „Jona“-Buch nimmt viel von Jesus vorweg: Jesus nimmt ausdrücklich auf das „Zeichen des Jona“ und seine wirkmächtige Predigt in Ninive Bezug (Mt. 12,39-41). Auch Jesu Botschaft ruft Menschen zur Umkehr: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ (Mt. 4,17) Die erste These Martin Luthers greift später diesen Umkehrruf Jesu programmatisch auf und betont, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei. Was Jona Ninive zu sagen hat, gilt also allen Christen, und zwar nicht nur punktuell, sondern als eine umfassende Lebenshaltung. Wir sind gerufen, zu Gott umzukehren, also „zurück auf Anfang“ zu gehen.

Diese Aussage steht nicht im Widerspruch zum Evangelium des Sonntags vom großen Gastmahl (Lk. 14,16-24). Wenn Gott einlädt zum Leben, sollte man das nicht verpassen. Der Ruf zur Umkehr und die Einladung an seinen Tisch zeigen: Auch den Außenstehenden gilt Gottes Ruf. Diesen Ruf zum Leben dürfen wir als Gottes Wort an uns hören und annehmen.

Beeindruckend bei der Buße der Einwohner Ninives: Mit dem König und den Tieren ist alle Schöpfung einbezogen – das ganze Leben wird auf Gott neu ausgerichtet.

Die Reue Gottes

Der Abschluss des dritten Kapitels richtet den Blick auf Gott. Er zeigt an Ninive seine große Güte und verschont die Stadt vor seinem Gericht. Ihm geht es nicht darum, recht zu behalten, sondern dass die Menschen am Leben bleiben. Damit wird eine wichtige, für manche anstößige „Bewegung“ Gottes beschrieben, die an Schlüsselstellen des AT wiederholt begegnet: Die Bewohner Ninives, die Umkehr und Reue zeigen, lösen bei Gott selbst Reue und Umkehr aus! „Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie umkehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht“ (3,10).

In diesem Sinneswandel zeigt Gott seine tiefe Leidenschaft für die Menschen. Er ist kein liebloser Prinzipienreiter, der von einem vorgefassten Plan nicht mehr abrücken kann. Auch er geht „zurück auf Anfang“ und lässt seiner großen Güte weiten Raum.

 

Albrecht Schödl

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2022

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