Zwischen den Zeiten

Der Johannestag

Johannes steht auf der Grenze zweier Zeiten. Das Wissen um die Zeitenwende macht seine Größe und seine Begrenzung aus. Das klingt auch in unserm Predigttext an.

Seit Jahrhunderten wird der Johannestag als Christusfest gefeiert. Die liturgische Farbe ist weiß und erinnert an Weihnachten mit allem, was das an Festfreude und -feier bedeutet. Bereits Augustinus hat das Recht des christlichen Johannesfestes gegenüber dem heidnischen Sonnenwendfeiern vertreten: „Einen christlichen Tag wollen wir euch, Geliebte, wieder ins Gedächtnis rufen, wenngleich es eigentlich nicht wohl geschehen kann, dass er in euren Herzen völlig in Vergessenheit geraten sei. Dennoch bringen wir diesen Hinweis, weil offenbar auch die Heiden ihrerseits denselben Tag heilig halten.“

Das Fest des Vorläufers Johannes wird am Tag der Sonnenwende datiert. Der Zusammenhang der Datierung erscheint nun als liturgischer und kosmischer Ausdruck des Täuferwortes „Er muss wachsen, ich muss abnehmen.“ Das Geburtsfest des Johannes liegt auf dem Datum, an dem der Tag abzunehmen beginnt, wie das Geburtsfest Christi Anfang des neuen Aufganges ist.

Eindrücklich malt Matthias Grünewald Johannes den Täufer auf dem Kreuzigungsbild des Isenheimer Altars. Über dem weisenden Finger an der Hand des Täufers steht: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“. Der Finger wächst gleichsam aus der menschlichen Hand, als gehöre er nicht dazu. Man hat den überproportionierten Finger des Johannes genau vermessen. Er hat das Maß der übermenschlich groß dargestellten Christusgestalt. Mit dieser also gehört der weisende Finger des Täufers zusammen: Weiser zu sein auf den Größeren, der kommt.

Unterscheidung der Geister ist gefragt

Im Evangelium (Lk. 1,26f) ist uns erzählt, dass die Geburt des Täufers sechs Monate vor der Geburt Christi geschehen ist. Diesen Zusammenhang deutet Augustinus in einer Predigt am Johannestag: „Heute ist Johannes geboren worden. Vom heutigen Tage an nehmen die Tage ab. Christus ist acht Tage vor dem ersten Januar geboren worden. Von diesem Tage an nehmen die Tage zu.“

Zwar wird Apg. 19,1-7 von Auslegern u.a. ein „schwieriger Text“ genannt, der „den Exegeten verzweifeln lassen kann“ und zu den rätselhaftesten Stücken der Apg. zählt (u.a. Ernst Käsemann). Bei genauem Hinsehen zeigt er allerdings etwas aus dem Alltag der frühen Christenheit, das uns auch heute begegnen kann.

Ephesus gehört zu den umstrittensten Zentren des frühen Christentums. Unterschiedliche religiöse Strömungen kämpfen um Einfluss. Neben Juden und Christen gibt es offensichtlich Anhänger der Täuferbewegung. Johannes der Täufer hat einen guten Namen. Die christliche Gemeinde muss sich auch mit der heidnisch-synkretistischen Umwelt auseinandersetzen. Für die jüdische und heidnische Umwelt ist der Unterschied der Täufer- und Jesusbewegung vermutlich schwer zu erkennen. Vielleicht auch für die junge christliche Gemeinde. Unterscheidung der Geister ist gefragt. Kriterium ist der Empfang des Heiligen Geistes bei der Taufe auf Jesus. Das wird im Dialog zwischen den Johannesjüngern und Paulus deutlich.

Die Johannesjünger erfahren, was Johannes widerfuhr: er ist Vorläufer Jesu und zugleich sein Nachfolger. Er muss akzeptieren, dass Jesus Mittelpunkt ist und vertritt zugleich den angefochtenen Glauben, indem er fragt: „Bist du es, der kommen soll?“ (Mt. 11,3) Johannes wird der exemplarische Nachfolger Jesu, der immer mehr Ansehen verliert, ohne Protest und Murren. Mit seinem eigenen Rücktritt verhilft er Christus zur Geltung und Anerkennung.

Apg. 19 führt weg von einer Taufe zur Umkehr aus eigener Kraft zu der befreienden Taufe auf den Namen Jesu. Im Heiligen Geist drückt sich die Kraft Jesu und seine lebensverändernde Nähe aus.

Hier werden wir daran erinnert, dass die durch die ganze Kirchengeschichte hindurch geäußerte Sorge, ob die Kirche nicht „Kirche ohne Geist“ geworden sei, offen zu halten ist: „Sie wird aber nicht durch unsere Erfahrung, sondern einzig und allein durch Christus selbst, im Geist und Glauben, in Offenbarung und Verhüllung auszuhalten und zu überwinden sein.“ (Gerhard Ruhbach)

 

Liturgische Empfehlungen

Statt Ps. 92, Benedictus: Lk. 1,68-79; Ev: Mt. 3,1-12; Lied: „Atme in uns, heiliger Geist“ (Ergänzungsheft zum EG, 7)

 

Klaus Dettke

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2022

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