Kann denn Reichtum Sünde sein?

Eine Engelgeschichte

Lazlo heißt er in der Geschichte und ist ein inzwischen alter und kranker wohnungsloser Mann, der die Nähe des Kaufhauseingangs aufsucht – der warmen Luft wegen. Natürlich hat er gute Ratschläge bekommen, manchmal ein paar Münzen, einmal sogar eine Zimtschnecke. Aber wirklich nähern tut sich nur einer: der Tod. Als der kommt, ist allerdings noch „jemand“ dabei: der Engel, der diese Geschichte erzählt. Er fängt ihn auf, als der Tod kommt. „Komm“, flüstere ich in sein Ohr. „Das Leben beginnt, mein Lieber.“ Seine Augen leuchten. Und dann sind wir fort.1

Eine Auslegung der Auslegung?

Lazarus heißt er bei Lukas, „Gott kommt zu Hilfe“; ungewöhnlich, dass er überhaupt einen Namen hat. Die Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus ist eine frei erfundene Geschichte und in mir sträubt sich etwas davor, sie auszulegen. Denn diese Geschichte ist selbst eine Auslegung, ein Beispiel, eine Erklärung. Sie ist die Erklärung zu einem anderen Vers aus Lk.: Kap. 6,24: Wehe euch, die ihr reich seid, denn ihr habt euren Trost schon erhalten. Die griechischen Worte für Reichtum, Armut und Trost sind dieselben, mit denen in 16,25 Abraham die Bitte des Reichen abschlägt. Er hat schon gehabt, nun bekommt Lazarus.

Reich und arm

Kantiger, klarer, kompromissloser klingen die lk. Seligpreisungen in der Feldrede als ihr Pendant bei Mt., und den vier Seligpreisungen stehen vier Weherufe gegenüber. Nichts deutet in diesen Versen hin auf die Möglichkeit einer Spiritualisierung der Armut – auch bei Lazarus ist das nicht angedeutet. Hier ist die Rede von Reichtum bis zur Wegwerfgesellschaft und Armut in ausweglosem Elend; und diese beiden leben auf Dauer in Sichtweite voneinander. Die Rede ist von Wünschen und Nicht-Geben: Lazarus kann nicht einmal bekommen, was der Reiche gar nicht braucht. Er liegt vor ­seiner Tür und ist doch nicht Teil seines Horizontes.

Diese Armen werden bei Lk. seliggepriesen, denn sie werden getröstet: endlich wird es eine ausgleichende Gerechtigkeit geben, und die Lazarus-Geschichte bestätigt unsere Befürchtung, dass dies oft nicht mehr in dieser Welt sein wird; wiewohl die Konsequenz für den Reichen deutlich macht: innerweltlich wäre der richtige Ort gewesen. Eine Gerechtigkeit im Jenseits ist nur die ultima ratio. Zu dieser Gerechtigkeit gehört es auch, dass für den Reichen und seinesgleichen die Verhältnisse dann nicht mehr zu ändern sind.

Verantwortung übernehmen

Wie verhält sich solch ein „Zu spät“ zur göttlichen Gnade? Warum soll es keine Umkehr geben, nicht einmal eine Warnung? Ist das denn wirklich neutestamentlich?

Wir mögen diese Geschichte vielleicht nicht, und das soll auch so sein, denn die Identifikationsfigur ist nicht Lazarus. Die Geschichte ist so erzählt, dass der Reiche die Hauptrolle hat und damit die Person ist, mit der wir uns identifizieren sollen2. Keine schöne Rolle und das mit voller Absicht.

Ich wurde einmal gefragt, warum in der Bibel immer die Reichen kritisiert werden. Was ist denn so schlimm daran? Ich glaube nicht, dass das Reichsein kritisiert wird, aber es sind die Reichen, die Handlungsoptionen haben – mehr als die Armen – und darum Verantwortung übernehmen sollen.

Reichtum an sich ist nicht das Vergehen des Reichen in der Geschichte, sondern dass er es dem Armen gegenüber an „Trost“ fehlen ließ. Seine Sünde ist das verweigerte Erbarmen, das der Arme nach Gottes Willen von ihm erwarten durfte. Immerhin lag er vor seiner Tür: sichtbar wie Lazlo vor dem Kaufhaus. Und dieses Erbarmen ist keine neue Erfindung: die Brüder des Reichen sollen auf „Mose und die Propheten“ hören, dann wissen sie alles, was sie brauchen. Diese Geschichte entfaltet keine Armentheologie – die wird als hinlänglich bekannt vorausgesetzt: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott von dir erwartet: Gerechtigkeit üben, Gemeinschaftssinn lieben und aufmerksam mit­gehen mit deinem Gott.3

Nicht wegerklären!

Nicht auslegen, wegerklären, spiritualisieren, aber anwenden. Wer und was liegt buchstäblich vor unserer Tür? „Hartzer“? Alleinerziehende? Gewalt­opfer? Geflüchtete? Menschen, deren Heimat und Nahrungsgrundlagen dem von den Industrienationen verursachten Klimawandel zum Opfer fallen? Deren Verdienstmöglichkeiten angesichts globaler Lieferketten verschwinden? Mädchen, denen Bildung verweigert wird? Tiere in Massenställen und LKWs? Eine Natur, die sich von unserem Eigennutz nicht mehr erholen kann? Wir leben in einem reichen Wohlfahrtsstaat und haben viele Möglichkeiten, Gerechtigkeit zu üben und Gemeinschaftssinn zu lieben, lokal und global. Und es gibt viele (und vieles), die auf „Trost“ warten.

 

Anmerkungen

1 Aus: Susanne Niemeyer, Fliegen lernen. Engelsgeschichten aus der Bibel, 2018, 114ff.

2 Vgl. Kompendium der Gleichnisse Jesu, Hg.: R. Zimmermann, 2007, 647ff.

3 Micha 6,8, zit. nach dem Just People Kurs von Micha Deutschland.

 

Dörte Kraft

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2022

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