Ein Sonntag des Glaubensbekenntnisses

Text und Kontext

Im Römerbrief bietet Paulus einen Abriss grundsätzlicher Themen. Bevor er in Kap 12 übergeht zum „Gottesdienst im Alltag“, schließt er mit einem Lobpreis des überwältigenden, alles Verstehen übersteigenden Heilshandelns Gottes.

Über die überraschenden Wege Gottes, die zu einem neuen Verständnis von Gesetz und Gnade geführt haben, und über die dadurch neu gewonnene Freiheit lässt sich gut predigen. Vom Lobpreis lässt sich auch der Bogen dazu schlagen, wie sich das „Alles zum Besten dienen“ (8,28) mit den Wirkungen der anderen Mächte dieser Welt, deren Existenz Paulus ja nicht leugnet (8,38f), zusammendenken lässt. Aber was hat das mit Trinitatis zu tun, einem der christlichen Hauptfeste mit großem dogmatischem Gewicht und Ballast?

Trinitätslehre – Fehlanzeige

Für die Trinitätslehre gibt Röm. 11 nichts her. So läge es nahe, das Thema auf ein andermal zu verschieben. Bei Durchsicht der Predigtreihen stellt sich jedoch heraus, dass ein dazu geeigneter Text niemals vorgesehen ist. Aus zwei Brieftexten geht ausführlicher (Eph. 1) oder knapper (2. Kor. 13) hervor, dass die Rede von Vater, Sohn und Heiligem Geist von Beginn an zum christlichen Profil gehört. Einen Hinweis auf eine Lehre von der Trinität oder gar über deren Binnenstruktur sucht man jedoch vergeblich. Im Evangelium (Joh. 3) kommen Jesus, Gott und der Geist vor, nicht aber die Trinität. Aus dem AT haben wir die Berufung des Propheten in Jes. 6. Dass die Theologen vor 1600 Jahren das AT ausschließlich vom NT her lasen und das dreifache „Heilig“ der Serafim als prophetische Vorausschau auf die Trinität deuteten, mag sein; uns ist solches jedoch verwehrt. Dass wir keine Interpretation des AT anbieten, die wir nicht auch im Gespräch mit jüdischen Theologen vertreten könnten, sollte Standard sein. Schwieriger noch scheint mir der Brückenschlag vom Segen (Num. 6), es sei denn, man deutet die Dreigliedrigkeit trinitarisch.

Das Nizäno-Konstantinopolitanum

Die Formulierung der Trinitätslehre im Nizäno-Konstantinopolitanum auf den ökumenischen Konzilien von Nizäa 325 und Konstantinopel 381 verdankt sich nicht der Herleitung aus der Schrift, sondern stellt eine Synthese biblisch-christlichen Denkens mit griechischer Philosophie und Metaphysik und ihrem Wirklichkeitsverständnis dar. Die ihm entgegengebrachte Wertschätzung gründet darin, dass es – noch vor dem Apostolikum – als das erste allgemeine Bekenntnis der ganzen Kirche gilt. Bei näherer Betrachtung stellt sich jedoch der ökumenische Anspruch als lediglich auf eine kaiserliche Allgemeinverbindlichkeitserklärung zurückgehend heraus. Frühere Synoden waren regional und selbstorganisiert, Nizäa und Konstantinopel dagegen von Kaisern einberufen und maßgeblich beeinflusst. Diese, die letzten des ungeteilten Reichs, suchten die Reichseinheit durch eine einheitliche Glaubenslehre zu stützen. Die Beteiligung an diesen Synoden war nicht repräsentativ.

Trinität predigen?

Sola scriptura lässt sich nicht von der Trinität predigen. Generell darüber zu schweigen, erscheint mir jedoch theologisch unredlich, vor allem denjenigen gegenüber, die sich fragen, wie Menschen sich die Kompetenz zubilligen konnten, Definitionen vom Wesen Gottes vorzunehmen. Es bliebe die Möglichkeit zu erläuternden Worten an anderer Stelle im Gottesdienst oder die Wahl des Nizäno-Konstantinopolitanums als Credo, um so die Gemeinde das Dogma bestätigen zu lassen.

Mein Impuls: predigen wir über die Dogmengeschichte mit Erläuterungen zum damaligen Welt-, Wirklichkeits- und Kirchenverständnis; sagen wir aber auch dazu, dass und warum dies für uns heute nicht unhinterfragt so gesagt werden kann und geglaubt werden muss. Mit Röm. 11 lässt sich eine kritische Würdigung gut abschließen.

Eine Alternative wäre ein „Sonntag des Glaubensbekenntnisses“. Dafür wäre das Credo aus dem Kindergesangbuch, das – ebenso wie die meisten anderen neuen Bekenntnisse – an der Dreigliedrigkeit festhält, ein geeignetes nicht-dogmatisches Beispiel.

 

Dietrich Lauter

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2022

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