Nachfolge ist kein Zuckerschlecken!

Radikale Nachfolge

Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten.“ (V. 35). Jesus predigt ohne Wenn und Aber. Nachfolge heißt Lebensverlust, Selbstverleugnung und Kreuztragen bis zum Tode, im Namen Jesu Christi. Hier gibt es kein Dazwischen, keinen Kompromiss und keine Diplomatie, nur Schwarz oder Weiß. Entweder glaubst du, setzt alles auf die eine Karte – oder du bist vom Satan (V. 33).

Missbehagen und Ablehnung

Ich kann Jesu Nachfolge exegetisch verstehen und historisch verorten (Stichworte: markinische Geheimnistheorie (V. 30) und Jüngerunverständnis (V. 33); Christenverfolgung (V. 36) und radikales Christusbekenntnis (V. 29) in der ersten Generation der Glaubenszeugen). So weit, so gut. – Für meinen persönlichen Glauben heute trägt diese radikale Nachfolge jedoch nur wenig aus. Ist Jesus wirklichkeitsfremd? Unbarmherzig? Oder einfach unsensibel und unverschämt?

Ich bin Pastorin mit Leib und Seele, der Glaube an Jesus Christus geht mir über alles. Und doch käme ich nicht auf die Idee, Lebensverlust, Selbstverleugnung und Kreuztragen mir selbst oder anderen abzuverlangen. Ich denunziere keinen Mitchristen als Satan. Zu Hause trage ich Verantwortung für eine vierköpfige Familie. Die würde mir den Marsch blasen, wenn ich mich zugunsten meines Christseins meiner familiären, sozialen Verantwortung entledigen würde. Sein Leben (Zeit, Kraft, Zuwendung, Fürsorge) aufs Spiel setzen zugunsten des Evangeliums – ohne mich!

Ein Perspektivwechsel

Ein Gespräch der letzten Tage gibt mir nachhaltig zu denken. Bernd ist geschieden, hat eine 13 Jahre alte Tochter, Lia, und ist Konfirmandenvater. Bernd ist sehr aktiv beim örtlichen DLRG und ein sehr überzeugter, engagierter Christ: „Gestern Nacht war ich auf der Brücke und habe Amelie, Lias beste Freundin, vom Geländer heruntergeholt. Ich habe Amelie gesagt: ‚Entweder, du gehst jetzt raus aus dem ganzen Scheiß mit Alkohol und Drogen und bleibst im Jugendheim, oder du wirst es nicht schaffen!‘ – Nun ist Amelie doch wieder bei ihrem Stiefvater. Ich habe daraufhin den Kontakt zu ihr abgebrochen. Wenn Amelie mit Zuhause nicht brechen will, kann ich ihr nicht helfen!“

Das Gespräch trifft mich wie der Blitz. Ich begreife oder erahne zumindest, dass der radikale Bruch mit ihrer Familie für das Mädchen die einzige Lebensrettung ist. Nur die Lebensaufgabe, ohne Wenn und Aber, ist hier Lebenserhalt. Nur wenn Amelie mit dem „Satan“ bricht, wird sie überleben. Ansonsten geht sie unter, in Alkohol, Drogen – oder im ­Kanal.

Erneuerung unserer Seele

Jesus provoziert. Er will uns herausreißen aus einer vermeintlichen Nachfolge und Loyalität, die sich nur an das Gewohnte im Hier und Jetzt klammert, sei es aus Unvermögen oder Hilflosigkeit. Für Petrus heißt Glaube Verfolgung und Tod. Eine andere Nachfolge kennt der Jünger nicht. Er hat keine Perspektive hin zur Auferstehung, hin zum „Leben in Herrlichkeit“ (V. 38). Jesus stößt Petrus zurück, um ihn aus dem Teufelskreis heraus­zustoßen.

Jesus spürt, wie Petrus’ Seele Schaden nimmt (V. 36). Draußen tobt die Hölle. Jesus schlägt einen neuen, innerlichen Weg vor: die „Auslösung“, die Bewahrung und Kräftigung unserer Seele (V. 37). Die Seele ist das Zentrum des Glaubens an die Auferstehung. Seine Seele kann ein Mensch jedoch nicht selbst erneuern, so glaubensstark er auch sein mag. Deshalb spricht Jesus Petrus und alle Jünger immer wieder an. Er konfrontiert sie mit der radikalen Nachfolge.

Zurück zu Bernd: Er hat eine irre Nacht hinter sich und geht durch die Hölle. Plötzlich ploppt eine WhatsApp auf seinem Handy auf. Lia, seine Tochter: „Amelie ist bei uns. Sie will mit dir reden!“ Auf Bernds übernächtigtem Gesicht blitzt es auf. „Ok, jetzt los!“, rufe ich Bernd noch zu. „Oder hat uns jemand gesagt, dass Christsein nur Zuckerschlecken ist?“ Bernd springt ins Auto und startet.

 

Tabea Rösler

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2022

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