Christen auf Bewährung

Vergebliche Liebesmüh?

Der Sonntag Invokavit steht am Ende der Woche, in der die Stimmung in den Karnevalsgegenden jäh wechselt. Statt übermütigem Feiern nun Passionszeit. Davon ist in diesem Jahr nichts zu erleben. Vielleicht auch deshalb spricht mich ein Wort aus der Perikope direkt an: „Vergeblich“. Monate vieler vergeblicher Pandemie-Bemühungen haben Kraft gekostet. Wie viele Planungen waren am Ende vergeblich?

Dass man Gottes Gnade vergeblich empfangen könnte, dieser Gedanke des Paulus beschäftigt mich. Wessen Perspektive nimmt er im Brief an die Gemeinde in Korinth ein? Zunächst formuliert der Apostel seine eigenen Erwartungen an die Christinnen und Christen: Erweist euch als die, die ihr seid: Begnadete. Tut ihr’s nicht, war Gottes Handeln in Christus vergeblich. – Ist etwas an diesem Impuls des Paulus dran, Gott könnte mit Blick auf uns und seine Welt der Gedanke beschleichen, es sei alles „vergebliche Liebesmühe“? Dann, wenn wir uns nicht „in allem als Diener Gottes“ erweisen (V. 4)?

Alles oder nichts?

Der Predigtimpuls im Deutschen Pfarrerblatt im Jahr 2006 zur Stelle unterstreicht, wie Paulus sich mit seiner „unanstößigen Amtsführung“ zum Vorbild stilisiert und folgert daraus, dass es auch für uns um ein „ganz oder gar nicht“ gehe. „Ganzer Einsatz ist gefordert […] auch für den christlichen Glauben“, heißt es da. Mir scheint dagegen das dort genannte Prinzip „Alles oder Nichts“ wenig hilfreich. Denn es verleitet oft dazu, es besser gleich sein zu lassen. Mir sind die bereitwilligen Halbherzigen lieber.

Gnade bedeutet doch gerade, dass auch das Nicht-100-Prozentige angenommen ist. Wir können nicht immer erst anfangen, wenn wir zu 100 Prozent überzeugt sind. Vielmehr wachsen die Erkenntnis und der Glaube im Tun. Fang an und wachse, ist ein Versprechen, das mir mehr hilft als die Beispiele der vermeintlich „Unanstößigen“, an die ich nie heranreichen kann. Wir ändern unseren Lebenswandel und unser Glaube folgt nach. So erhält er seine Tiefe.

Glaube hat Konsequenzen …

… richtiger: Glaube sollte Konsequenzen haben. Die Liste der Eigenschaften, die Paulus aufzählt, in denen sich christliche Lebensführung ausdrücken kann, spornt an, sich selbst Rechenschaft darüber abzulegen, wie sich der Glaube im Alltag auswirkt. Es sollte einen Unterschied in Lebensführung und Verantwortung machen, ob sich Menschen als Christinnen und Christen verstehen. Auch in der zunehmend säkularisierten Welt gibt es scheinbar ein Bewusstsein dafür, was dem christlichen Glauben adäquat ist und was ihm jedenfalls widerspricht.

So gesehen, stehen Christinnen und Christen, Kirche und Diakonie zu Recht unter besonderer Beobachtung. Wir sind sozusagen Christen auf Bewährung und sollen zeigen, dass unser Glaube nicht „vergeblich“ ist. Der Satz des Paulus aber „Wir geben in nichts irgendeinen Anstoß“ (V. 3) kann, ja darf nicht handlungsleitend sein. Denn nicht immer passen die Schemata der Erwartungen von Externen, und mancher Vorwurf an die Institution, ihre Amtsträger oder die Gläubigen insgesamt geht ins Leere: zu politisch, zu unpolitisch, zu fromm, zu wenig fromm, zu affirmativ, zu konfrontativ.

Dass Paulus sich in vielen schweren Situationen als „Diener Gottes“ erwiesen hat, so wie es bis heute viele bedrängte Christinnen und Christen tun, hat unseren Respekt verdient. Ihr Zeugnis war und ist nicht vergeblich. Zugleich nimmt Paulus dem Begriff „vergeblich“ seine Schärfe, indem er mit dem Propheten Jesaja darauf verweist, dass Gott jetzt erhört und hilft. Diese Zeit der Gnade und des Heils ist kein vergangener Moment, sondern die Jetzt-Zeit! Ich verstehe es so: Das vergangene Verpasste – sei es Lebensführung, Glauben, Haltung – muss nicht gegenwartsbelastend sein und darf nicht zum Urteil „vergeblich“ führen. Dass sich der Glaube in seiner Uneindeutigkeit bewährt, hebt Paulus schließlich in sieben wunderbar poetisch-paradoxen Wortpaaren hervor.

Mein Fazit in der Predigt: Lasst die Gnade, die Gott euch schenkt, in eurem Leben nicht ohne Auswirkungen bleiben.

 

Lieder

EG 440 „All Morgen ist ganz frisch und neu“

(in vielen Regionalteilen des EG) „Dass du mich einstimmen lässt in deinen Jubel“

 

Markus Eisele

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2022

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.