Wahre Lebensklugheit

Eigenlob und Fremdscham

„Eigenlob stinkt“ – sagt der Volksmund. Mit Recht: Es ist peinlich, wenn sich jemand in einer Gesellschaft selbst über die Maßen in den Mittelpunkt stellt und mit seinen besonderen Eigenschaften, Stärken oder Erfolgen prahlt. Vergleichsweise neu ist der Ausdruck des „Fremdschämens“. Er passt zum Eigenlob, denn die mangelnde Bescheidenheit des Prahlhans‘ provoziert die Scham der anderen, die zu unfreiwilligen Zeugen seiner Selbstinszenierung werden.

Leben in einer narzisstischen Gesellschaft

Freilich, die Sache mit dem Eigenlob hat auch noch eine andere Seite. Es gibt Situationen, in denen sollte man mit seinen Gaben und Möglichkeiten nicht hinter dem Berg halten: Bewerbungssituationen zum Beispiel – da kommt es durchaus darauf an, sich in einem günstigen Licht zu präsentieren. Dass dabei das Bild der eigenen Persönlichkeit oft etwas überzeichnet und nur im besten Licht erscheint, liegt in der Natur der Sache. Und immerhin: Die Fähigkeit zur Selbstkritik ist eine Kompetenz, die in derlei Situationen gerne mit abgefragt wird.

Schwieriger wird es mit der Selbstkorrektur in einer narzisstischen Gesellschaft wie der unseren. Die Podien ehrlicher Selbstdarstellung und selbstkritischer Transparenz muss man schon ­suchen in einer Welt, in der die Ober­flächen Sozialer Medien nur noch ein vollverspiegeltes, selbstverliebtes Feedback der eigenen Qualitäten bieten – wir zählen die „Likes“; anderes zählt nicht.

Ruhm und Ehre, wem es gebührt

Der erste Vers der Predigtperikope scheint genau mit jenem Eigenlob und jener narzisstischen Selbstverliebtheit abzurechnen. Keine Frage: Weisheit, Stärke, ja selbst Reichtum sind nicht per se schlecht. Weisheit erscheint uns als Tugend, Stärke verbindet sich mit Tatkraft, und gegen Reichtum ist wenig einzuwenden, wenn er guten Zwecken dient. Und dennoch scheint sich weder das eine noch das andere als echtes Ruhmesblatt zu erweisen. Jedenfalls sind Weisheit, Stärke und Reichtum noch lange kein Grund, sich etwas auf sich selbst einzubilden, geschweige denn damit anzugeben.

Doch der kurze Abschnitt aus dem Prophetenbuch des Jeremia wäre verkürzt, würden wir ihn auf diesen sozialen Aspekt beschränken. Er ist keine Anleitung zur rechten Selbstbeschränkung, kein Knigge für bescheidenes Auftreten. Das macht der folgende Vers deutlich, denn die Aussage aus V. 23 würde sich auch dann nicht ändern, wenn in V. 22 nicht eigene, sondern fremde Weisheit, Stärke und Reichtum gerühmt würden.

Sich in Gott festmachen

Worum es hier letztlich geht, sind nicht menschliche Qualitäten und Erfolge, so verdienstvoll sie sein mögen, sondern jene Dimension, die hinter unseren Bemühungen, unserer Selbstpflege, auch hinter unserer Wohlanständigkeit liegt. Es ist die Frage danach, woraus wir eigentlich unsere Lebensmöglichkeiten schöpfen. Es geht um die Macht, der wir unser Leben mit allen seinen Möglichkeiten und Gaben zuletzt verdanken. Ist uns dies bewusst, worin unsere Existenz im Letzten gründet?

Die „Klugheit“ und die „Erkenntnis“ Gottes, von denen V. 23 spricht und die den eigentlichen Grund des Rühmens bilden, erinnern an jene Lebensklugheit der Psalmen, in der mit der Einsicht in die schöpfungsgemäßen Grenzen des Lebens das tiefste Gottvertrauen beginnt (Ps. 90,12). Wer diese Grenzen erfasst, birgt sich in die Hand Gottes, seines Schöpfers, aus der alles Leben gewonnen wird und worin es auch wieder zurückkehrt. Ihn zu kennen, ja, sich in ihm mit seinem ganzen Sein festzumachen – das ist Anfang und Ende des Glaubens und letzte Lebenserfüllung. Und davon darf man in den höchsten Tönen jubeln.

 

Lieder

EG 275 „In dich hab ich gehoffet, Herr“

EG 342 „Es ist das Heil uns kommen her“ (Wochenlied)

EG 389 „Ein reines Herz, Herr, schaff in mir“

 

Peter Haigis

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2022

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